Hundeinternat Antonienwald

Spezialausbildung für „Goofy“

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Für Petra Gehde (im Rollstuhl) ist das Leben wieder lebenswert: Mit Tochter Svenja (l.) holte die beinamputierte Hundebesitzerin ihre Hündin „Goofy“ im Hundeinternat Antonienwald ab, wo sie vom Nils Höbel (r.) zum Rollstuhl-Begleithund ausgebildet worden war. Aus Anlass des 70-jährigen Bestehens der Hundeschule erließ Besitzerin Brigitte Balzereit die Ausbildungskosten. 

Wagenfeld - Von Gerhard Scheland. Die 47-jährige Petra Gehde aus Braunschweig ist ins Leben zurückgekehrt. Zwei Tage in Wagenfeld und das Wiedersehen mit ihrem Vierbeiner „Goofy“ haben der beinamputierten Frau gereicht, um mit neuem Mut und einer gehörigen Portion Vorfreude auf das weitere Zusammenleben mit ihrer treuen Mischlingshündin nach Hause zurückzukehren.

Die verspielte, lebhafte und liebe, zeitweise aber auch sture und faule Hundedame „Goofy“ hat im Rahmen einer zwölfwöchigen Spezialausbildung im überregional bekannten Hundeinternat Antonienwald den Feinschliff im Umgang mit ihrem behinderten Frauchen erhalten – aus Anlass des 70-jährigen Bestehens der Wagenfelder Bildungseinrichtung für Hunde zum Nulltarif. Weil die Hündin mit andersgeschlechtlichem Namen insgesamt fünf Monate den Komfort des Wagenfelder Hundeinternats genießen durfte, hat sich die Besitzerin lediglich mit einem moderaten Betrag an den Pensionskosten beteiligt.

„Weil wir das 50- und 60-jährige Bestehen in einem größeren Rahmen gefeiert haben, wollten meine 14-köpfige Belegschaft und ich beim 70. Geburtstag einen anderen, einen sozialen Weg beschreiten und haben aus dem Grunde in die Mischlingshündin ,Goofy‘ investiert“, begründet Internats-Inhaberin Brigitte Balzereit ihre großzügige Hilfe für die behinderte Kundin aus Braunschweig. Die 62-Jährige steht seit Mitte 1994 an der Spitze der vor 70 Jahren von Johannes Werner gegründeten Hundeschule im Außenbereich Wagenfels am Fuße des Bockeler Berges.

Der mittelgroße Vierbeiner, vor gut drei Jahren hervorgegangen aus der Liaison einer britischen Beagle-Dame und eines englischen Bulldoggen-Rüden, lebt seit 2014 im Drei-Generationen-Haushalt von Petra Gehde, ihrer 82-jährigen Mutter Eva Rappmund und Tochter Svenja (26). „Goofy“ war gerade mal zehn Wochen alt, als er damit begann, das Leben der Familie umzukrempeln und den täglich Trott seiner zweibeinigen Besitzer auf den Kopf zu stellen. Soll heißen: Das knuddelige Hundekind war schnell als vollwertiges Familienmitglied akzeptiert. Mehr noch: Die junge Hündin brachte neuen Schwung ins Haus, den schon nach kürzester Zeit niemand mehr missen wollte.

Lösungsansatz im Internet gefunden

Als für Petra Gehde Anfang 2017 eine vorangegangene Operations-Odyssee mit der Amputation des rechten Beins endete, drohte für das Zusammenleben mit „Goofy“ das Aus. „Meine Fortbewegung im Rollstuhl und der ständige Umgang mit Gehhilfen war für meinen Vierbeiner etwas ganz Neues, etwas Ungewohntes, auf das die Hündin komisch reagiert hat. Deswegen habe ich eine Trennung als unabdingbar angesehen“, waren die ersten Gedanken der 47-Jährigen nach der Bein-OP. Die Folge waren schwere Depressionen bei Frauchen. Und Mutter Eva weigerte sich von einem auf den anderen Tag, auch nur noch einen Schritt zu machen oder sich andersweitig zu bewegen.

Einen Lösungsansatz für ihr Problem fand die Familie seinerzeit im Internet. Beim abendlichen Surfen auf der Datenautobahn landete Petra Gehde auch auf der Website des Hundeinternats Antonienwald in Wagenfeld. „Was ich da gelesen habe, hat mir Hoffnung gemacht“, betonte die Braunschweigerin beim Abholen ihres geliebten Vierbeiners, nachdem „Goofy“ sein Frauchen und deren Tochter trotz vielwöchiger Trennung sofort wiedererkannt und stürmisch-freudig begrüßt hatte. „Nach ersten Gesprächen mit Brigitte Balzereit und deren großzügiges Angebot ist uns die Entscheidung Anfang des Jahres leichtgefallen: Wir behalten „Goofy“, lassen ihn in Wagenfeld ausbilden und schauen mal, wie sich die Sache entwickelt“, blickte Petra Gehde zurück.

Die Spezialausbildung zum Behinderten-Begleithund übernahm der 38-jährige Nils Höbel, seit zehn Jahren Hundetrainer im „Antonienwald“. Inzwischen zertifiziert, weil das laut geändertem Tierschutzgesetz seit geraumer Zeit von gewerblich tätigen Ausbildern verlangt wird. Anfang des neuen Jahrtausends hatte der versierte Experte in Sachen Hundeerziehung in der Wagenfelder Bildungseinrichtung für Vierbeiner bereits seine dreijährige Lehre zum Tierheim- und Pensionstierpfleger absolviert und sich im Laufe der Jahre ständig weiterqualifiziert.

„Goofy“ kaum sozialisiert

„Schon beim Aufnahmegespräch und mehreren Probeeinheiten stellte sich heraus, dass „Goofy“ so gut wie gar nicht sozialisiert war. Die Hündin reagierte auf andere Vierbeiner und die veränderte Umwelt in Wagenfeld äußerst extrem, ein geordnetes Führen war kaum möglich“, war die erste Erkenntnis von Nils Höbel. „Auf dem Wege zum Grundgehorsam mussten daher bisher gewohnte Abläufe geändert werden. Nur so konnte das Umweltverhalten des Mischlings-Teenies verbessert werden.“ Über einen Zeitraum von drei Monaten habe er „Goofy“ zunächst an den Anblick von Gehhilfen gewöhnt und der Hündin dann beigebracht, Frauchen bei Kurzausflügen mit dem Rollstuhl zu begleiten – beim Einkaufen beispielsweise, bei Besuchen in der Nachbarschaft, oder bei ganz banalen Stadt-Spaziergängen. Nils Höbel ist sicher, „dass der lebhafte Mischling das bei uns Gelernte jetzt in der Praxis umsetzen wird.“

„Ohne die Ausbildung hätte ich meinen Liebling abgeben müssen“, weiß Petra Gehde und blickt voller Stolz auf ihren Vierbeiner und auf das Ergebnis der zwölfwöchigen Ausbildung. „Die mangelnde Sozialisierung muss ich selbst verantworten, weil ich einfach verpasst habe, ,Goofy‘ schon im ersten Lebensjahr an alle Unwägbarkeiten des Milieus zu gewöhnen. Unsere Spaziergänge haben wir zumeist auf abgeschiedenen Wegen gemacht, auf denen ,Goofy‘ kaum mit Artgenossen oder ungewohnten Umweltgeschehnissen konfrontiert wurde.“

Damit die Mischlingshündin nichts von dem in Wagenfeld Gelernten vergisst und in Braunschweig in ihren alten Trott verfällt, hat Petra Gehde mit den Ärzten und Psychologen in der Psychosomatischen Abteilung des Städtischen Krankenhauses an der Celler Straße in Braunschweig einen Deal abgeschlossen: Die vollstationäre Patientin darf die Klinik jeden Nachmittag um 15 Uhr verlassen, um mit ihrer Hündin zu arbeiten „und um die Häuser zu ziehen…“

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