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100 Jahre Sozialverband Wagenfeld: Im Hotel Grothen fing alles an

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Von: Melanie Russ

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Friedrich Rempe war 1922 der allererste Vorsitzende der Wagenfelder Reichsbund-Ortsgruppe.
Friedrich Rempe war 1922 der allererste Vorsitzende der Wagenfelder Reichsbund-Ortsgruppe. © Sovd Wagenfeld

Die Sozialverband-Ortsgruppe Wagenfeld feiert am 25. Juni mit einem Festakt im Alten Hestern ihr 100-jähriges Jubiläum.

Wagenfeld – Die Anfänge liegen ein bisschen im Nebel. Informationen aus erster Hand gibt es nicht mehr, nur noch die Erinnerungen derer, die dabei waren – schriftlich festgehalten erst Jahrzehnte nach der Gründung der Ortsgruppe Wagenfeld des Sozialverbands, die sich in diesem Jahr zum hundertsten Mal jährt. Was sich in dieser langen Zeit zugetragen hat, hat der Vorstand des Ortsverbands in mühevoller Puzzlearbeit zu einer 84 Seiten starken Chronik zusammengestellt, die während des Festakts zum Jubiläum am Samstag, 25. Juni, erhältlich ist.

Der Festakt

Der Ortsverband Wagenfeld des Sozialverbands Deutschland feiert am Samstag, 25. Juni, ab 10 Uhr im Festzelt am Alten Hestern mit einem Festakt sein 100-jähriges Bestehen. Unter anderem werden der SoVD-Landesvorsitzende Bernhard Sackarendt und der Kreisvorsitzende Bruno Hartwig Grußworte überbringen. Auch für Unterhaltung ist gesorgt. Neben musikalischen Einlagen werden die Tanzmäuse des TUS Wagenfeld einige Proben ihres Könnens zeigen. Erwartet wird außerdem ein Überraschungsgast. Zum Ende der Veranstaltung wird ein Imbiss gereicht.

Darin ist von den Anfängen des örtlichen Reichsbunds als Vorläufer des Sozialverbands zu lesen und von der fortlaufenden Entwicklung bis zu aktuellen Aktivitäten. Im ersten Jahr mit etwa 50 Frauen und Männern gestartet, zählt der Wagenfelder Ortsverband heute fast 500 Mitglieder. An seiner Spitze steht seit 2014 mit Ursula Bredemeier erst zum zweiten Mal in seiner Geschichte eine Frau.

Vor allem die Gründungszeit zu rekonstruieren, war laut Ursula Bredemeier schwierig, denn aus den Jahren bis 1933 gibt es keine Unterlagen mehr. Sie verschwanden in der Kriegszeit. Was bekannt ist, wurde erst nach dem Zweiten Weltkrieg aus Erzählungen früherer Vorstandsmitglieder zusammengetragen.

Die Reichsbund-Ortgruppe Wagenfeld wurde 1922 als „Verein der Kriegs- und Wehrdienstopfer, Behinderten, Sozialrentner und Hinterbliebenen“ gegründet. Die Gründungsversammlung fand im Hotel Grothen (später Bührmann) an der Ecke Hauptstraße / Sonnenstraße statt. Erster Vorsitzender und Schatzmeister wurde der erst 30 Jahre alte Friedrich Rempe, der 1970 das Bundesverdienstkreuz am Bande erhalten sollte. Zweiter Vorsitzender war Fritz Brüggemann, Schriftführer Wilhelm Brüggemann und Beisitzer Georg Wilke, Hermann Reuter und Minna Immoor.

Mit der Machtübernahme der NSDAP 1933 und der Gleichschaltung wurde aus der Reichsbund-Ortsgruppe die Nationalsozialistische Kriegsopferversorgung, Friedrich Rempe musste seinen Vorsitz aufgeben.

Erst im Mai 1947 folgte der Neustart – wieder im Hotel Bührmann – unter dem Namen „Reichsbund der Kriegs- und Zivilgeschädigten, Sozialrentner und Hinterbliebenen“. Erster Vorsitzender nach der Neugründung war Julius Hummel.

In der Chronik ist zu lesen, dass sich die Ortsgruppe zunächst auch mit den ganz praktischen Dingen des Alltags beschäftigte. Bis fast Mitte der 60er-Jahre gehörte demnach die Beschaffung von Brennmaterial zu den wichtigsten Aufgaben. Ab 1949 erinnerte man sich dann auch wieder der eigentlichen Aufgaben des Reichsbunds, 1951 folgte der erste Ausflug der Ortsgruppe. Es ging zum Steinhuder Meer und abends zum Feiern zu Bohne in Rahden.

Zehn Jahre sollte es nach der Neugründung dauern, bis mit Hildegard Forelle die erste und bis 2014 einzige Frau den Vorsitz der Ortsgruppe übernahm. Als Vorsitzender mit der kürzesten Amtszeit ging Hans Aussem in die Geschichte ein. Gewählt wurde er im Dezember 1978, nur drei Monate später schmiss er die Brocken hin. Der Grund war kurios: Die auf Sparsamkeit bedachten weiblichen Vorstandsmitglieder hatten ihm vorgeworfen, dass er sich in Diepholz ein teures Schreibgerät – vermutlich einen Füller – gekauft hatte, wo es doch ein Bleistift von U. Meyer in Wagenfeld auch getan hätte. Angesichts der Kritik und der damals schon emanzipierten Frauenriege in der Ortsgruppe soll er gesagt haben: „Mit diesem Weiberhaufen will ich nichts mehr zu tun haben.“

Heute sind die Arbeitsschwerpunkte des Ortsverbands die Organisation von geselligen Veranstaltungen und informativen Vorträgen zu sozialen Themen aller Art. „Gerade die älteren Mitglieder freuen sich, wenn sie irgendwo hingehen können, wo sie Kontakt mit anderen haben“, weiß Vorsitzende Ursula Bredemeier. Die Vorträge decken ein breites Spektrum ab von Patientenverfügung über Pflegegradfeststellung und Medikamentenmissbrauch bis hin zur Bedienung von Handys und Tablets. Und die Ortsgruppe vermittelt den Kontakt zu den Experten des Sozialverbands, die etwa bei Fragen zu und der Durchsetzung von Rechtsansprüchen bei der Beantragung eines Behindertengrads oder einer Rehabilitation helfen.

Über einen Mitgliederschwund kann sich die Ortsgruppe laut Ursula Bredemeier nicht beklagen. Die Zahlen seien stabil. „Die Leute treten ein, wenn sie eine Erwerbsminderungsrente beantragen wollen oder wenn ein Reha-Antrag abgelehnt wurde“, nennt sie einige Beispiele für die Gründe. Einige treten wieder aus, wenn ihr Problem gelöst ist, aber viele bleiben. Dabei ist der Sozialverband keineswegs nur ein Verein für alte Leute. Etwa ein Drittel der Mitglieder sind unter 60 Jahre alt.

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