Kulturfrühstück in der Auburg mit Küchenliedern / Ausflug in die Dienstbotenkultur

Schaurig-schöne Texte und Melodien

Gisela Sauerland spielte die Mamsellen mit Häubchen und Rüschen, Gerd Büntzly pointierte die Dramatik an den Tasten. Foto: Brauns-Bömermann

Wagenfeld - Von Simone Brauns-bömermann. Was zum Teufel sind „Küchenlieder“? Gibt es neuerdings zum guten Frühstück in der Auburg Gesangsdarbietungen der fleißigen Helferinnen, die für die ausverkaufte Veranstaltung schon in der Frühe am Sonntag das üppige Mahl bereiteten? Nein, so ist es nicht.

Zum Kulturfrühstück hatte das Team der Auburg die Sozialpädagogin und Psychotherapeutin Gisela Sauerland (Gesang und Spiel) aus Bünde mit Gerd Büntzly (Herford) am Klavier eingeladen, um die in Vergangenheit geratene Dienstbotenkultur zu beleuchten. „Küchenlieder“ heißen die mit zum Teil makabrer, sentimentaler manchmal kitschiger Note gesungenen Lieder der „Dienstmädchen“ der Herrschaftsküchen. „Die Texte kommen Ihnen sicher naiv und unfreiwillig komisch vor, es geht hierin aber um große Dramen wie Vergewaltigung, Schwängerung und auch Selbstmord“, führte Büntzly ein.

Gut, dass der erste Gang des Frühstücks die richtige „Unterlage“ im Magen lieferte für die Wehklagelieder der Mägde und Dienstmädchen. Typisch für die Küchenlieder sind einfache, balladenhafte Texte und eingängige Melodien. Aus ihnen entwickelten sich später Moritaten und Bänkelsänge, die meist durch Drehorgelspieler im gesamten Land verbreitet wurden. Während der Einstand mit „Lieschen war das schönste Mädchen aus dem ganzen Land“ direkt mit Selbstmord der Schwangeren vom Lehnsherrn endet und Sängerin Sauerland den roten Samt zum roten Rosenteppich auf der Bühne ausbreitet, endet das Küchenlied „Mariechen saß weinend im Garten“ glücklich und Mariechen geht in die Annalen als alleinerziehende Mutter ein. „Die ersten zwei Lieder gehen gleich „in medias res“, kommentierte Sauerland.

Die Küchenlieder waren eigentlich gar nicht für die Öffentlichkeit bestimmt, sondern wurden von Dienstmägden und Mamsellen gesungen, um die Schicksale zu verarbeiten. Themen waren Übergriffe durch ihre Dienst- und Hausherren am Arbeitsplatz oder Liebesleid. Die Lieder gehören längst zum Volksliedgut; bekannte Autoren sind Fred Endrikat, Wilhelm Busch, Joachim Ringelnatz und Hans Christian Andersen.

Wie Märchen haben sie bei genauem Hinhören immer einen moralischen Hintergrund. Die zwei Musiker hatten aber auch romantische Gesänge von Felix Mendelssohn-Bartholdy über „Gefühle und Herzensangelegenheiten“ dabei. In verklärter romantischer Sprache („Röschen hat mich so gestochen mit dem Rosenkuss“) beschreibt er wohl den heimlichen Liebhaber, der ihr nach der großen Liebe das Herz brach.

Aber es gab auch nette Ritter. So einer ist Ritter Hugo, der in den Krieg zog und seine Ida nach der Rückkehr nur auf dem Grabstein fand. Hugo geht ins Kloster und „eh die Rosen wieder blühten, begruben Mönche Hugo“. Die schaurigen, schönen Geschichten haben das Zeug zum „Mittelalter-TV“ oder zum Soap-Format. In Wilhelmine und Heinrichs Geschichte bringt sich tatsächlich einmal der Hausherr um. Zuvor stirbt jedoch als Märtyrerin die Dienstmagd. Schön zu hören das Räuberlied „Es wollt ein Mann in seine Heimat reisen…“, bei dem sich fast zwei Brüder umgebracht hätten. „Der Räuber galt als Rebell, als Guter“, erläutert Büntzly. Das scheint fast wie bei Robin Hood.

Das Publikum hatte Spaß, sang viele Lieder mit. Sauerland spielte die Mamsellen mit Häubchen und Rüschen, Weh und Ach. Büntzly pointierte die Dramatik an den Tasten und die Gäste holten sich Frühstück nach, damit die teils gruselige Kost, eine gute Grundlage hatte…

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Tränengas bei Protesten gegen Regierung in Beirut

Tränengas bei Protesten gegen Regierung in Beirut

Bis zu 38 Grad - und die Hitze bleibt

Bis zu 38 Grad - und die Hitze bleibt

Hochsommerliche Hitze stellt sich ein

Hochsommerliche Hitze stellt sich ein

Tierische Begegnungen in Badeseen

Tierische Begegnungen in Badeseen

Meistgelesene Artikel

Corona-Aus für 265 VHS-Kurse im Kreis Diepholz

Corona-Aus für 265 VHS-Kurse im Kreis Diepholz

Waldlehrpfad wird aufgearbeitet

Waldlehrpfad wird aufgearbeitet

BTR erweckt E-Autos zum Leben

BTR erweckt E-Autos zum Leben

Der Hut ist keine Lösung

Der Hut ist keine Lösung

Kommentare