Ehepaar Keller setzt sich in Wagenfeld für Brutplätze und gegen geplantes Gewerbegebiet ein

„Rauchschwalben werden verdrängt“

Rauchschwalben finden kaum noch Nistmöglichkeiten. In Wagenfeld setzt sich das Ehepaar Keller deshalb gegen die Ausweisung eines Gewerbegebietes ein, das die Brutstätten auf ihrem Hof einschränken könnte. Foto: Archiv/Dietz

Von Katharina Schmidt

Wagenfeld – Rauchschwalben haben es nicht leicht. Sie finden kaum noch Nistmöglichkeiten, da viele Landwirte angesichts strenger Hygienevorschriften ihre Ställe lieber verschlossen halten. Auch die Suche nach Nahrung wird für die unter Naturschutz stehenden Vögel zusehends schwieriger – Stichwort Insektenrückgang. Und die trockenen Sommer machen ihnen obendrein zu schaffen.

Auf dem Hof an der Barver Straße Nummer 39 in Wagenfeld nisten schon seit Jahrzehnten Rauchschwalben. Doch Monika und Claus Keller, die dort wohnen, haben Angst, dass sich das bald ändern könnte. Denn die Gemeinde Wagenfeld möchte in der Nähe des Grundstücks das Gewerbegebiet „Zur Mühle“ ausweisen (wir berichteten).

Das Ehepaar hat sich daher an die Bremer Anwaltskanzlei Uwe Klatt und Henning Wessels gewandt. In einem Schreiben an die Gemeinde, das der Redaktion vorliegt, führt Wessels aus: „Bei der geplanten Gewerbebebauung und dem damit einhergehenden Straßenverkehr werden die Rauchschwalbenpaare aus ihrem natürlichen Umfeld verdrängt.“ Der Anflug auf die Stallungen würde beeinträchtigt. „Werden breite Schneisen in der Bebauung sichergestellt? Werden flache Mulden mit lehmhaltiger Erde vorgesehen, damit die Schwalben Nestbaumaterial finden? Wie soll der Verlust der Nahrungshabitate kompensiert werden?“ Diese Fragen stehen laut dem Anwalt noch unbeantwortet im Raum.

Monika und Claus Keller liegen die Tiere am Herzen, die auf dem Hof und drumherum leben. Auf einem Kachelofen in ihrer Küche steht stets eine Schale mit Erdnüssen. Das Paar wärmt sie an, sozusagen als warme Mahlzeit für die Vögel. Das kommt den Erfahrungen der beiden zufolge besser an als jeder Meisenknödel. Man nimmt ihnen ab, dass sie sich nicht nur für die Natur einsetzen, um ein Gewerbegebiet vor der Haustür zu vermeiden. Denn ein solches würde natürlich auch ihre eigene Wohnqualität beeinflussen, daraus machen die beiden gar keinen Hehl.

Aber es geht ihnen nicht nur darum. In einem Gespräch mit unserer Zeitung verweisen Monika und Claus Keller auf Zahlen des Bundesamtes für Naturschutz, denen zufolge die Zahl der Brutvögel in Deutschland deutlich zurückgegangen ist (minus sieben Millionen Brutpaare von 1992 bis 2016).

Vögel sind nicht die einzigen Tiere, um die sie sich sorgen. „Ich weiß noch als Kind, wie viele Hasen wir hier zu Ostern gesehen haben. Die sind alle weg“, erinnert sich Monika Keller, die früher nur ein paar Häuser weiter wohnte. „Wir haben neben Schwalben hier auch Meisen, Spechte, Tauben, Sperlinge, Fledermäuse, hin- und wieder auch mal Maulwürfe“, erzählt sie weiter. In den Sträuchern und Hecken entlang des Gottesgrabens, der direkt am Hof liegt, würden Gartenrotschwänze und Sperlinge nisten. „Man versucht ja, sich das irgendwie zu erhalten.“ Das Gewerbegebiet würde sich auch erheblich auf den Wildbestand auswirken, befürchten sie und ihr Mann.

Laut dem Paar ist angedacht, am Gottesgraben irgendwann eine Zufahrt für einen Lkw-Parkplatz zu bauen, direkt am Hof vorbei. Es ist insbesondere diese mögliche Zufahrt, die ihnen Sorgen macht. „Die Schwalben zum Beispiel, die brauchen ihre Ruhe“, äußert Claus Keller Bedenken. Wenn es zu laut sei, „dann fangen die ganz schön an zu schimpfen“, erzählt er von den Vögeln. Er verweist auch darauf, dass Schwalbennester geschützt seien. In der Tat: Sie zu entfernen, ist eine Straftat und kann somit ganz schön teuer werden.

Alles in allem werfen Monika und Claus Keller der Gemeinde vor, die Belange des Naturschutzes nur unzureichend zu berücksichtigen.

Wagenfelds Bürgermeister Matthias Kreye äußer sich dazu wie folgt: „Ich persönlich kann das Ehepaar Keller gut verstehen, dass sie sich Gedanken machen, was in ihrem Umfeld passiert. Allerdings kann ich die durch die Rechtsanwälte Klatt & Wessels vorgetragenen Punkte in ganz vielen Teilen nicht nachvollziehen.“

Gemeinde nimmt Stellung

Die Gemeinde habe sich umfassend mit den Belangen des Naturschutzes befasst, und die Aussagen von dem Ehepaar würden auch nicht von den entsprechenden Fachbehörden gedeckt, teilt Kreye auf Anfrage mit.

Er verweist auf die Unterlagen für die Sitzung des Bau-, Wege-, Verkehrs- und Umweltausschusses am 25. Februar, in der das Thema auf den Tisch kommt. Darin nimmt die Gemeinde ausführlich Stellung.

Unter anderem schreibt sie: „Es ist nicht unwahrscheinlich, dass nach einer Bebauung des Plangebietes mit Hallen et cetera dort künftig Rauchschwalben brüten, denn solche Baustrukturen können ihnen Nistplätze bieten, während die derzeit offene Ackerlandschaft für die Rauchschwalbenbrut völlig ungeeignet ist. Eine Verdrängung der an und in Gebäuden brütenden Rauchschwalbe durch weitere Bebauung ist nicht zu erwarten.“

Der Hof liege schon jetzt an der Barver Straße und somit an der am drittstärksten befahrenen Straße in Wagenfeld. Das habe die Schwalben bisher auch nicht an der Brut auf dem Hof gehindert. Wer Rauchschwalben beim Flug durch kleine Stallfenster zu ihren Nestern beobachtet habe, wisse zudem, dass es keiner breiten Anflugschneise in der Bebauung bedürfe. Im Übrigen werde derzeit erst eine gewerbliche Baufläche dargestellt – von Bebauung sei noch überhaupt nicht die Rede. Die für das Gewerbegebiet vorgesehene Fläche sei in erster Linie ein intensiv genutzter Maisacker, so die Gemeinde. Für Schwalben gebe es dort kaum Nahrung. Die Kompensationsfläche, die für das Gewerbegebiet vorgesehen sind, stellen laut den Ausführungen der Verwaltung hingegen einen Gewinn für die Tierwelt dar. Und ob direkt am Gottesgraben überhaupt eine Zufahrtsstraße hinkommt, werde noch gar nicht in dem aktuellen Verfahren entschieden.

Wie sich die Geschichte auch weiterentwickelt – das Ehepaar Keller bedauert, dass vielerorts Natur zubetoniert wird. Claus Keller ist 58 Jahre alt. „Wer weiß, ob ich von dem Gewerbegebiet noch was miterlebe. Aber man muss ja auch an die nächste Generation denken“, sagt er.

Die nächste öffentliche Sitzung des Bau-, Wege-, Verkehrs- und Umweltausschusses der Gemeinde Wagenfeld beginnt am Dienstag, 25. Februar, im Sitzungsraum des Rathauses.

Auf der Internetseite der Gemeinde Wagenfeld sind bei den Unterlagen zur Sitzung sowohl die Ausführungen des Anwalts mit den Bedenken von Monika und Claus Keller zu finden als auch die ausführliche Stellungnahme der Gemeinde Wagenfeld.

Internet

www.wagenfeld.de

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