Wagenfelderin Agnes Steckel erzählt von ihrer Flucht 1944

Odyssee im Zweiten Weltkrieg

Agnes Steckel und Ehemann Wolfram erzählen von der Flucht 1944 und zeigen Fotos aus dieser Zeit. Foto: Haab

Wagenfeld - Von Edgar Haab. „Als die ersten Bomben auf unser Haus in Wattenscheid fielen, sind wir alle zusammen in den Keller geflüchtet. Durch ein Loch in der Wand sind wir dann in den Keller des Nachbarhauses gegangen. Als es am nächsten Morgen hell wurde, sahen wir, dass das Nachbarshaus durch eine Phosphor-Bombe komplett ausgebrannt ist“, schildert die heute in Wagenfeld lebende Agnes Steckel ihre Erlebnisse aus dem Zweiten Weltkrieg anlässlich des Kriegsendes von 75 Jahren. Die gebürtig aus Gelsenkirchen stammende 83-Jährige, erzählte jetzt ihre einprägsamen Erlebnisse von der Flucht 1944 als kleines Mädchen aus Westdeutschland nach Schlesien. Insgesamt neun Monate war sie zusammen mit ihrer Mutter, ihren drei Geschwistern und ihrer Großmutter zu Fuß vor der Zerstörung im zweiten Weltkrieg nach Schlesien geflohen. Ihr Vater war Bergmann und musste zur Heimatverteidigung zurückbleiben.

Nachdem die ersten Bomben fielen, wurde Steckel mit ihrer Familie und einigen wenigen gepackten Koffern zur „Landverschickung“ zum Marktplatz geordert. Auf Fuhrwagen wurde die junge Agnes Steckel nach Pommern gebracht. „Ich war zwar noch ein kleines Mädchen, aber erinnern kann ich mich an diese Zeit noch an vieles“, so die heute 83-Jährige. Untergekommen sind die Vertrieben aus dem Ruhrgebiet in diversen Hofbetrieben in Pommern. An einen Hof könne sich die Geflüchtete noch besonders genau erinnern: „Wir nannten ihn nur den ,Fliegenstall'. Überall waren Millionen von Fliegen und wir wussten erst nicht warum. Am nächsten Tag sahen wir es dann: Auf dem Hof lag ein erschossenes Pferd. Bewohner des Dorfes kamen und nahmen sich Fleisch vom Pferd mit, denn es gab sonst nichts anderes zu essen. Auch meine Mutter schnitt Stücke heraus, damit wir Kinder überhaupt etwas zu essen bekamen.“ Agnes Steckel berichtete zudem von diversen Kriegsverbrechen, die 1944 von den osteuropäischen Soldaten an den Geflüchteten begangen wurden.

Anfang 1945 trat die sechsköpfige Familie um Agnes Steckel die Rückreise in den Westen an. Als sie am Bahnhof in Pommern auf einen Zug warteten, fuhren eine Vielzahl an Panzern vorbei, berichtete Steckel. „Die ganze Straße war voll mit Panzern und wir hatten Angst abgeschossen zu werden.“ Ziel war Gotenhafen in der Danziger Bucht. Von dieser Hafenstadt aus sollte das Schiff Wilhelm Gustloff Flüchtlinge in den Westen bringen. „Wir hörten auf dem Weg zum Hafen nur, dass die Wilhelm Gustloff untergegangen sei. Wären wir einen Tag vorher eingetroffen, so wären wir wahrscheinlich mit an Bord gewesen“, so Steckel.

Daraufhin kamen die Vertriebenen auf einem Bauernhof unter, auf dem sie auf Stroh schlafen mussten und aus Weizenkörnern Brot herstellen konnten. „Als die osteuropäischen Soldaten das gemerkt haben, nahmen sie uns das ganze Brot wieder weg. Es ist auch so schon schlimm genug gewesen für uns.“ In einem Viehwagen reiste Agnes Steckel mit ihrer Familie zurück in Ruhrgebiet.

In ihrer Heimat Wattenscheid angekommen, konnten die Geflüchteten aufatmen: Ihr Haus stand noch. Beim Betreten des Gebäudes die nächste große Erleichterung: Agnes Steckels Vater, zu der die vertriebenen Familienangehörigen neun Monate keinen Kontakt hatten, lebte. „Für uns war das trotz der schlimmen Umstände ein Happy-End, da wir am Ende alle wieder zusammen waren“, sagte Steckel.

Heute lebt die 83-Jährige mit ihrem Ehemann Wolfram in Wagenfeld. Seit nun mehr 63 Jahren sind sie verheiratet und haben drei Kinder, sechs Enkel und neun Urenkel.

Wolfram Steckel: „1975 haben wir Wagenfeld zu unserer Wahlheimat gemacht, da wir in der vergangenheit öfter am Dümmer in Lembruch Urlaub gemacht haben und sich die Gelegenheit ergab einem Bekannten dieses Haus abzukaufen.“

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