Neue Erzeugergemeinschaft Hunte-Weser 

Gegen die übliche Praxis: Verein vermarktet Milch zu besseren Bedingungen

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Dieter Rempe (Wagenfeld, l.) und Wilhelm Haarberg (Warpe) führen die neue Erzeugergemeinschaft Hunte-Weser, die dem Lebensmittel Milch bessere Vermarktungschancen geben soll.

Wagenfeld - Von Anke Seidel. Es war ein langer, steiniger Weg. Immer wieder mussten Dieter Rempe und Wilhelm Haarberg nach eigenem Bekunden Felsbrocken bewältigen. Doch jetzt haben sie ihren Meilenstein erreicht: Die Milcherzeugergemeinschaft Hunte-Weser ist am Netz. Drei Milchhaltungsbetriebe vermarkten seit Jahresbeginn drei Millionen Kilogramm Milch über diese als Verein organisierte Gemeinschaft – und haben sich damit aus traditionellen Molkerei-Verträgen befreit.

Vier weitere Betriebsinhaber sind noch an solche Verträge gebunden – und liefern deshalb erst ab Anfang 2018 über die Erzeugergemeinschaft. Dann steigt die Menge auf 7,5 Millionen Kilogramm Milch, die über den neuen Vermarktungsweg fließen.

Landwirte wie Dieter Rempe, Vorsitzender der Erzeugergemeinschaft Hunte-Weser, sowie sein Kollege und Stellvertreter Wilhelm Haarberg kehren einem System den Rücken, das seit Jahren in der Kritik steht. Denn die Andienungs- sowie Abnahmepflicht und lange Vertragsbindungen wirken wie eine Zwangsehe, in der die Milchbauern keinen Einfluss auf den Preis für ihr Produkt haben.

„Wenn Discounter billige Milch in ihre Regale bringen, dann geben die Molkereien das an die Erzeuger weiter“, beschreiben Rempe und Haarberg die Dynamik. Vor allem: „Der Preis, den die Erzeuger erhalten, wird erst hinterher von den Molkereien festgelegt.“

„Wir haben keine auskömmlichen Preise“

Es ist ein System, das nach Abschaffung der Milchquote viel zu viele Milcherzeuger in Bedrängnis gebracht hat. Ein Drittel des Eigenkapitals sei auf den Höfen in den vergangenen zwei Jahren verloren gegangen, nennt Haarberg eine Größenordnung. „Wir haben im dritten Jahr keine auskömmlichen Preise!“ Zurzeit, so Rempe, erhalten die Landwirte einen Auszahlungspreis „um 30 Cent“. Allerdings: „Unsere Vollkosten bei der Erzeugung betragen mehr als 40 Cent.“

Der absolute Tiefpunkt sei 2016 der Milchpreis von 20 Cent gewesen – bei besagten 40 Cent Produktionskosten. „Das ging über vier Monate am Stück so“, beschreiben die Milcherzeuger diese tiefe Talsohle. Bares Geld beilegen – diese Produktionsbedingungen sind endlich. „Die Betriebe, die sich nicht hoch verschuldet haben, stellen sich die Frage: Wann hören wir auf?“, beschreibt Haarberg die Situation.

Anders sei das bei Betrieben, die sich durch Stallneubauten hoch verschuldet hätten: Ihnen bliebe zunächst nur die Flucht nach vorn. Denn bei einer Aufgabe müsse auch die Stallbauförderung zurückgezahlt werden, gibt Rempe zu bedenken. Wie lange diese Betriebe noch wirtschaften können, „das entscheidet die Bank“.

Das Erbe der Milchkrise – es überschattet die die Zukunft. „Minimum zehn Jahre...“, schätzen die Milchbauern, die beide Traditionsbetriebe bewirtschaften. Der Hof von Wilhelm Haarberg in Warpe ist seit 1650 in Familienbesitz, der von Dieter Rempe in Wagenfeld seit 1748. Der 27-jährige Sohn von Haarberg würde den Betrieb gern übernehmen. Und die beiden 21 und 23 Jahre alten Söhne von Rempe absolvieren eine landwirtschaftliche Ausbildung.

Schwierige Gesamtsituation als Ausgangslage

Aber die Väter haben auch Verständnis dafür, „sich dieser Tortur nicht zu unterziehen“, blicken sie auf die schwierigen Rahmenbedingungen in der Landwirtschaft. „Das ist wie in anderen Bereichen in der Wirtschaft“, sagt Rempe. Auch dort gebe es für manche Firmen keine Nachfolger – und die würden dann von großen Unternehmen aufgekauft.

Für Rempe und Haarberg ist die Erzeugergemeinschaft ein Projekt für die folgenden Generationen – eines, das den Landwirten ein Stück Selbstbestimmtheit ermöglichen soll. „In Bayern gibt es das schon lange“, sagt Rempe. Auch in Norddeutschland entstehen immer mehr Erzeugergemeinschaften. Ihr gemeinsames Dach: die Nord-MEG (Milcherzeugergemeinschaften) mit Sitz in Lüneburg. Dort verhandelt ein eigens eingestellter Geschäftsführer die Kontingente der einzelnen Gemeinschaften mit den Molkereien – mit dem Ziel, einen möglichst optimalen Preis für die Milch zu erzielen.

Genau das werten Rempe und Haarberg als entscheidenden Vorteil: „Es wird um den Rohstoff verhandelt!“ Und das im Jahresrhythmus. Denn die Verträge sind auf ein Jahr begrenzt – und damit halb so lang wie bei den meisten Molkerei-Genossenschaften üblich. Bedingung bei Hunte-Weser: Das gesamte Milchkontingent muss über die Erzeugergemeinschaft geliefert werden.

Wie läuft die Vermarkung praktisch? Im Augenblick sei es so, dass ein Spediteur die Milch von den drei Lieferanten hole. „Im Auftrage der Molkerei“, sagt Rempe.

Milch landet bei Molkerei in Wagenfeld

Geliefert wird die Milch – nach Wagenfeld. Die dortige Molkerei (unter neuer Leitung) hat den Zuschlag erhalten. Zum Vergleich: Bisher war die Milch unter anderem nach Rehburg und Zeven geliefert worden.

Eine weitere Molkerei gibt es in Rehden – aber unter völlig anderen Bedingungen: Milcherzeuger Wolfgang Johanning hat sie für die Direktvermarktung seiner Produkte mit neuem Leben erfüllt. Ist Direktvermarktung – auch über Milch-Tankstellen – eine Alternative? „Sie ist und bleibt eine Nische“, sagt Rempe.

Gemeinsam mit Haarberg hofft er, dass die neue Milcherzeugergemeinschaft in der Zukunft Früchte trägt – immerhin haben sie fünf Jahre für diesen Verein gekämpft. In dieser Zeit hätten sie das Gefühl gehabt, „dass es verhindert werden sollte“. Seit 2015 existiert Hunte-Weser bereits auf dem Papier – aber erst mit Auslaufen der alten Molkerei-Verträge ist die Erzeugergemeinschaft handlungsfähig geworden.

Das alte System empfinden ihre Funktionäre als „krank“, das neue als elementaren Schritt in die Zukunft: „Wir kämpfen für unsere Sache!“ Und wo sehen sie sich und ihre Erzeugergemeinschaft in fünf Jahren? „Dann hat sich die Milchmenge verzehnfacht“, antworten die Funktionsträger –  und nennen eine Zahl: „50 Millionen Kilogramm Milch pro Jahr!“

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