Schlammentsorgung größtes Problem für Wagenfelder Klärwerk

Molkerei-Fett ist ein Festessen für Bakterien

Der gröbste Unrat wird mit einem zwei Millimeter feinen Sieb aufgefangen und gepresst in einen Container entsorgt.

Wagenfeld - Von Melanie Russ. Sie befinden sich meistens irgendwo im Nirgendwo abseits der Wohngebiete und werden von der Bevölkerung nur beachtet, wenn sie wegen des sie umwehenden Geruchs unangenehm auffallen. Dabei sind Kläranlagen eine der wichtigsten Einrichtungen jeder Kommune. Sie filtern fast alles, was die Menschen mit dem Trinkwasser in die Kanalisation schicken, wieder aus dem wertvollen Nass heraus. Doch bei manchen Substanzen stoßen sie an ihre Grenzen. Um auf die Bedeutung sauberen Wassers aufmerksam zu machen, haben die Vereinen Nationen 1992 den 22. März zum Weltwassertag erkoren.

Die Herausforderungen, mit denen Kläranlagen zu kämpfen haben, sind je nach Region unterschiedlich. In aller Munde sind derzeit Hormone und Plastikrückstände. „Damit haben wir hier eigentlich keine großen Probleme“, sagt Frank Sporleder, der als Mitarbeiter der Betreiberfirma OEWA das Klärwerk in Wagenfeld betreut. Er nennt als größtes Problem die Entsorgung des im Wesentlichen aus Mikroorganismen bestehenden Klärschlamms. Rund 10 000 bis 12 000 Kubikmeter Nassschlamm werden der Anlage im Schnitt jährlich entnommen. 2017 entsprach das laut Sporleder etwa 289 Tonnen Trockenmasse.

Einen Großabnehmer hat die Kläranlage derzeit noch in der Landwirtschaft, die den Schlamm gegen Bezahlung als Dünger auf die Äcker bringt. „Wir stehen aber immer mehr in Konkurrenz zur Gülle“, so Sporleder.

Die „braune Brühe“ nach der mechanischen Reinigung. Die weißen Fettkugeln bedeuten für Mikroorganismen ein Festessen.

Eine Alternative ist die Entsorgung in Müllverbrennungsanlagen. „Aber die wollen den Schlamm auch nicht so gerne“, weiß der 42-Jährige. Zwar wird er vor der Anlieferung entwässert, trotzdem stellt er die Verbrennungsanlagen mit seiner Restfeuchtigkeit vor eine Herausforderung. In Wagenfeld geschieht die Trocknung derzeit mit einem mobilen Gerät, das bei Bedarf anrückt. Sollte die Schlammabgabe an Landwirte irgendwann nicht mehr möglich sein, müsste nach Sporleders Einschätzung wohl eine stationäre Trocknungsanlage auf dem Gelände errichtet werden.

Die 1962 in Betrieb gegangene und 1988 grundlegend modernisierte Kläranlage verarbeitet laut Sporleder rund 570 000 Kubikmeter Abwasser pro Jahr. Gut zwei Drittel produzieren demnach die Industriebetriebe, vor allem die Molkerei und Lütvogt. Ausgelegt sei die Anlage für einen sogenannten Einwohnergleichwert von 25 000. Der werde allerdings nur in Spitzenzeiten erreicht. Im Jahresmittel liege er bei 18 000.

Wenn das Abwasser mithilfe zweier starker Pumpen über das Kanalsystem angeliefert wird, fließt es zunächst durch ein zwei Millimeter feines Sieb. „Da wird alles Dicke rausgezogen“, so Sporleder. Der Unrat wird anschließend gepresst und in einen Container geleitet.

In der zweiten Stufe gehen Milliarden von Bakterien in den beiden Belebungsbecken ans Werk. Sie nehmen die unerwünschten Stoffe im Abwasser als Nahrung auf. Beeinflusst wird ihre Arbeit durch die Regelung der Sauerstoffzufuhr. So wandeln spezielle Bakterienstämme giftiges Ammonium in Nitrat um. Wird ihnen anschließend kein Sauerstoff mehr zugeführt, lösen sie diesen aus dem Nitrat. Zurück bleibt Stickstoff, der in die Atmosphäre entweicht. Ein Rührwerk verhindert, dass sich die Mikroorganismen am Boden absetzen.

In der dritten Stufe erfolgt eine chemische Reinigung. Dort wird laut Sporleder Phosphor durch Eisenchlorid gebunden. Anschließend fließt das gereinigte Wasser in einen Schönungsteich – ein natürlicher Teich, in dem sich unter anderem Schwebstoffe setzen sollen – und dann in die Wagenfelder Aue.

In den beiden Belebungsbecken der Wagenfelder Kläranlage säubern mehrere Milliarden Bakterien das Abwasser.  - Fotos: Russ

Um sicherzustellen, dass alle Grenzwerte eingehalten werden, nimmt der 42-Jährige täglich Wasserproben und untersucht sie im Labor der Anlage unter anderem auf den Gehalt von Phosphor, Stickstoff und organischen Verbindungen wie Kohlestoff. Außerdem ist die Kläranlage mit Sonden ausgestattet, über die verschiedene Werte kontinuierlich gemessen werden und die Anlage automatisch geregelt wird. Einmal im Monat prüft der Landkreis die Wasserqualität.

Als problematischsten Rückstand im Abwasser bezeichnet Sporleder das Fett aus der Molkerei. „Für die Mikroorganismen ist das ein Festessen, aber es verunreinigt die Mechanik.“ Die muss der 42-Jährige darum regelmäßig per Hochdruckreiniger säubern. Ebenfalls ein Problem stellen Kosmetik- und Feuchttücher dar. Laut Hersteller dürfen sie in der Toilette entsorgt werden, doch nach Sporleders Erfahrung zerreißen sie nicht wie gewünscht. Die Folgen könnten sehr kostspielig sein, wenn sie Abwasserkanäle verstopften oder die Pumpen beschädigten, weiß der 42-Jährige, der sich nach eigener Aussage in seiner Rolle als „Einzelkämpfer“ im Klärwerk trotz der Pflicht zur Bereitschaft auch nach Feierabend sehr wohl fühlt. Unterstützung erhält er von den Mitarbeitern des Bauhofs, die von Zeit zu Zeit vorbeischauen und ihn im Urlaub vertreten.

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