Kassenleistung zugelassen

Neue Gesundheits-App: Mit Lieblingsmusik gegen den Tinnitus

Eine App als Krankenkassenleistung? Bei zwei digitalen Anwendungen hat das Bundesinstitut und Medizinprodukte dafür nun die Erlaubnis gegeben.

Landkreis – Dem Körper mit dem Griff zum Smartphone etwas Gutes tun – Fitness-Apps gibt es aktuell viele auf dem Markt. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte ging jetzt noch einen Schritt weiter und hat zwei digitale Anwendungen geprüft und als Kassenleistung zugelassen. Mit der Tinnitus-Therapie Kalmeda sowie der digitale Unterstützung Velibra soll Patienten mit Angststörungen geholfen werden. Ärzte könnten diese ganz einfach auf Rezept verschreiben, heißt es vonseiten der KKH Kaufmännischen Krankenkasse.

Stetige Ohrgeräusche können belastend sein: Der Weyher HNO-Arzt empfiehlt einigen seiner Patienten daher die App Tinnitracks.

Keine Informationen für Ärzte

Der Weyher Hals-Nasen-Ohren-Arzt Torsten Schlotmann steht diesbezüglich allerdings vor einem Problem: „Wir sind diejenigen, die diese Apps eigentlich empfehlen sollen. Jedoch haben wir von der Firma keinerlei Informationen erhalten.“ Auf Nachfrage einer Patientin habe er Kontakt zu dem Unternehmen aufgenommen und Informationsmaterial angefordert – doch nichts kam zurück. Keine Rückmeldung und keinerlei weitere Details über die digitalen Gesundheitsanwendungen, die sogenannten DiGAs. „Ich bin sauer“, meint Schlotmann.

Tinnitracks - eine Musiktherapie

Der HNO-Arzt ist auf dem Gebiet der Gesundheits-Apps kein Neuling. Bereits seit rund drei Jahren empfiehlt er Tinnitus-Patienten regelmäßig die Anwendung Tinnitracks: eine Musiktherapie. „Es helfen keine Medikamente oder eine Operation. Das muss man den Patienten klar machen“, erklärt der Mediziner. „Seit Jahren wissen wir, dass chronischer Tinnitus nicht unbedingt eine Erkrankung des Ohres ist, sondern eher eine Verarbeitungsstörung.“ Jeder Mensch habe Ohrgeräusche, einige mehr, andere weniger. Es komme jedoch darauf an, wie man damit umgehe. „Wenn man Fieber hat, kommt es einem beispielsweise so vor, als würde man seinen eigenen Puls hören“, nennt der HNO-Arzt als Beispiel.

Auch stressige Situationen würden dazu führen, dass die Ohrgeräusche anders wahrgenommen werden können. Besonders Menschen, die unter Depressionen leiden, hätten mit Tinnitus zu kämpfen. „Das ist sozusagen eine Begleiterscheinung“, sagt Torsten Schlotmann. In einigen Fällen sei der Tinnitus aber auch auf ein verstopftes Ohr mit vermehrtem Ohrenschmalz zurückzuführen. „Da können wir dann natürlich etwas dran ändern“, so der Mediziner.

Ein Jahr lang und 90 Minuten pro Tag

Oftmals empfiehlt er jedoch die App Tinnitracks, deren Kosten viele Krankenkassen wie HKK, BKK und TK übernehmen würden. „Tinnitracks modelliert die Musik so, dass sie sich positiv auf die Ohrgeräusche auswirkt“, beschreibt der Mediziner die Anwendung. Nachdem er die Empfehlung ausgesprochen habe, werde ein weiterer Termin für die Bestimmung der jeweiligen Tinnitus-Frequenz verabredet. „Nachdem die Patienten die App heruntergeladen haben, können sie sich dann mit einem Freischalt-Code einloggen“, bestätigt Charleen Engelschall, Erstkraft in der Weyher HNO-Praxis. Ein Jahr lang sollen die Nutzer dann rund 90 Minuten pro Tag ihre Lieblingsmusik hören. „Die Frequenz wird dann hintergründig durch die App beschallt“, fügt sie hinzu. Voraussetzung für diese Therapieform sei ein Smartphone sowie Ohrmuschelhörer mit Kabelanschluss. Zudem dürfe die Musik nicht über ein Streamingportal wie Spotify abgespielt werden, sondern direkt über das eigene Handy.

Tinnitrack-Erfolg bei „50:50“

Aber wie viele Patienten nutzen die App überhaupt und wie steht es um ihren Erfolg? Nach Angaben von Engelschall kämen im Monat rund fünf Personen wegen der digitalen Anwendung in die Praxis. „Der Erfolg steht bei 50:50“, meint die Erstkraft. Viele Patienten hätten kein bestimmungsfähiges Ohrgeräusch. „Manche berichten von einer Art Meeresrauschen, bei anderen wiederum verändert sich der Zustand täglich“, erläutert sie das Problem. Patienten mit einem „Piepton“ im Ohr könnten hingegen „wunderbar therapiert werden“. Auch HNO-Arzt Torsten Schlotmann ist der Meinung, dass es Patienten gebe, denen die Musiktherapie helfen würde, aber auch einige, bei denen sie nicht den gewünschten Effekt hat. „Das muss immer individuell entschieden werden“, sagt er.

Bei Joachim Scheiba aus Weyhe, der seit rund acht Jahren an Ohrgeräuschen leidet, scheint die digitale Anwendung auf jeden Fall ihre Wirkung zu zeigen. Er hört seine Lieblingsmusik über die App Tinnitracks seit dem 30. Oktober und ist begeistert. „Der Tinnitus macht einen wahnsinnig, aber jetzt kommt es immer öfter vor, dass ich stundenweise richtig Ruhe habe“, berichtet der 65-Jährige.

App Tinnitracks läuft nebenbei

Scheiba hat schon vieles ausprobiert, doch bisher ohne Erfolg. „Das Gute an der App ist, dass ich nebenbei alles andere erledigen kann.“ Zwar würden sich die Lieder aufgrund der Frequenzeinstellung nicht immer „ganz original“ anhören, aber das hindere ihn nicht daran, die angeordneten 90 Minuten auf bis zu vier Stunden täglich auszuweiten. „Ich denke, je länger man das wird, desto besser wird es mit dem Tinnitus“, meint der Weyher.

Neben Tinnitracks würde Torsten Schlotmann auch gern die neuen Gesundheits-Apps Kalmeda und Velibra empfehlen – aber eben nur, wenn er genug Informationen dazu gesammelt habe. „Ich kann mir vorstellen, dass es sich bei Kalmeda um eine Verhaltenstherapie handelt, womöglich mit verschiedenen Übungen.“

Auf der Webseite der Tinnitus-App heißt es, dass das individuelle Kalmeda-Übungsprogramm wieder mehr Ruhe in das Leben der Patienten bringen solle. Offen bleibt jedoch, um welche konkreten verhaltenstherapeutischen Maßnahmen es sich dabei handelt.

Rubriklistenbild: © Franziska Gabbert/dpa-tmn/dpa

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