Marie Diot vor etwas anderem Publikum in der Wagenfelder Auburg

Kess, ironisch und komödiantisch

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Marie Diot in der Auburg in Wagenfeld: Kess, ironisch und immer ein Stück weit komödiantisch. 

Wagenfeld - Von Gerhard Scheland. Anderthalb Stunden gute Laune, ein fulminanter Schlussspurt, lächelnde Besucher und immer wieder Applaus: Die Wagenfelder Auburg erlebte am Samstagabend ein Konzert der besonderen Art, ein Gastspiel für Zuhörer, die bei anderen Veranstaltungen im geschichtsträchtigen Auburg-Gemäuer eher nicht zum Publikum zählen. Die Liedermacherin und Songwriterin Marie Diot und ihr musikalischer Begleiter Fabian Großberg hinterließen bei ihrem Auftritt in Wagenfeld einen sehr guten Eindruck und empfahlen sich für ein Wiederkommen.

Kess, ironisch und immer ein Stück weit komödiantisch hatte Marie Diot das vielköpfige Publikum schnell im Griff. Weil die Sängerin unweit der Landesgrenze im beschaulichen Wehe aufgewachsen ist, versprühte sie überwiegend ostwestfälischen Charme, gepaart mit guter Laune aus Berlin und der niedersächsischen Metropole Hannover. In Wehe verlebte der sympathische Gast seine Kindheit, in Berlin absolvierte Marie Diot ihr Musikstudium, und von Hannover aus erobert sie heute die (Kleinkunst-)Bühnen in ganz Deutschland.

Marita Kleemeyer, Frontfrau des inzwischen 20 Jahre alten Kulturkreises Auburg, hatte die 26-jährige Ostwestfälin bei einem Gastspiel im historischen Bahnhof in Rahden live erlebt und sie quasi von der dortigen Bühne weg für einen Auftritt in Wagenfeld verpflichtet. Ein Glücksgriff, wie sich am Samstagabend zeigte. Bei der Begrüßung freute sie sich über ein etwas anderes Publikum, über ein Programm für jüngere Leute, über Besucher aus dem benachbarten Ostwestfalen und über Fans, die an dem Abend eine weitere Anreise nicht gescheut hatten. Und ein Geheimnis lüftete die Gastgeberin auch: „Eigentlich heißt Marie mit bürgerlichem Namen Julia, aber das wissen nur Insider.“

„Ich hab noch nie in Wagenfeld gespielt, hier aber Schwimmen gelernt“. Marie Diot ließ schon bei ihrer eigenen Vorstellung erahnen, was auf die Besucher an Wortwitz und verqueren Ansagen zukommen würde. Sie habe bei ihrem Eintreffen in der Auburg zunächst zwei Maritas, dazwischen eine Ina und dann zwei Elkes getroffen: „Es wäre schön, wenn alle den gleichen Namen hätten, den könnte man sich dann viel besser merken…“ Mit Blick in die Runde gab sie zu, dass sie sich viel Gedanken darüber gemacht habe, ob auch ausreichend Besucher kommen würden, zumal sie ja Eintritt zahlen müssten. Ob des vollen Hauses hieß sie denn aber neben vielen anderen Zuhörern auch enge Verwandte, Freunde und Bekannte aus dem Nahbereich willkommen – und legte ohne große Vorwarnung in F-Dur los – mit dem Liebeslied „Der dümmlich schauende Riesenhund“.

In dem Song von ihrer erfolgreichsten (und ersten) CD „Pinguin im Tutu – Weiß nicht ob er Tänzer ist“ singt sie von ihren ersten Küssen und der Erkenntnis, dass ihr Liebster noch 27 andere Freundinnen neben ihr hat. „Und ich dachte es wäre die große Liebe, ich habe mich geirrt…“ Sprachwitzige Selbsterkenntnis, geglückter Einstand, verschmitztes Lächeln, kurze Verbeugung, lang anhaltender Applaus, Ausblick auf das nächste Stück. Wieder erzählt Marie Diot mit Wortwitz und Ironie eine Geschichte, die ihr passiert ist und ihr Leben bestimmt hat: Mit „Heimat ist ein Ort…“ besang sie den großen Stein in Tonnenheide, mit „Grantig, zu Recht“, erinnerte sie musikalisch an die Reaktion ihres Klavierprofessors, als sie in früheren Jahren mal wieder nicht geübt hatte.

Auch in den weiteren Songs ging es inhaltlich um Sachen, die so obskur sind, dass man sie sich eigentlich nicht ausdenken kann. Um die Anatomie des Menschen beispielsweise, vom Kopf bis zu den Füßen und alles was dazwischen liegt, von der großen Liebe, aber auch von einer Fischvergiftung. Mal melancholisch, überwiegend lustig vorgetragen.

Die Liedermacherin hopste mit ihrem Programm zwischen Synthie-Pop und Kabarett hin und her und vereinte alles in ihrem unverkennbaren musikalischen Stil. Sie brachte ihre Zuhörer dazu, dass sie an ihren Lippen hingen und einfach nur zuhörten. Wohlwissend, dass sich die Geschichten der jungen Künstlerin nicht zum Weitererzählen eignen. Ganz besonders gilt das für die Wortschöpfungen, die Marie Diot irgendwann in einem ihrer nächsten Songs unterbringen möchte: Binsenweisheitszahn beispielsweise oder Molekülschrank, Sekundenschlafmütze oder Kerzenlichtschalter.

Alle gehörten Songs stammen aus der Feder der 26-Jährigen. Ausschließlich Lieder mit außergewöhnlichen deutschen Texten. Wie auch anderswo begleitete sich die Liedermacherin am Samstagabend selbst – überwiegend auf dem Syntheziser. Als fabelhafter Multiinstrumentalist präsentierte sich auch Fabian „Fabi“ Großberg. Bei allen Songs flogen seine schnellen Finger über die Saiten der Gitarre.

Das offizielle Programm endete mit „12 Uhr morgens“. Schluss, aus, das war´s. Wäre da nicht noch die fällige Zugabe gewesen. Marie Diot und Fabian Großberg verabschiedeten sich im Duett: „Bitte kitzel mich nicht!“. Begleitet von rhythmischem Klatschen der Besucher, und aus dramaturgischen Gründen das allerletzte Stück des Abends. Verbunden mit einem Dank an Heinz Brinkmann, der beim Gastspiel in Wagenfeld „den Ton gemacht hat“. Und einem Abschiedsgeschenk von Marita Kleemeyer aus der Küche der Brockumerin Elke Jülg. „Ein Früchtebrot für die lange Heimreise“. Wegzehrung nach einem gelungenen Abend - für Gastgeber und Gäste gleichermaßen.

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