Das Warum hinter der Flucht aus Syrien

Groß ist die Hoffnung auf ein menschenwürdiges Leben

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Nachgespielte Szene ganz real: Ankunft nach der Flucht aus Syrien in Wagenfeld. Der „Bahnhof“ für die Geflüchteten: Die Gemeindeverwaltung in Person von Sven Schröder (links) und die freiwilligen Flüchtlings-Paten (rechts). 

Ströhen - Von Simone Brauns-Bömermann. Ostermontag stand unter einen besonderen Stern in Ströhen: Unter der Überschrift „Besondere Gottesdienste zu Ostern“ kündigte die Kirchengemeinde Sankt Antonius in Wagenfeld einen gemeinsamen Gottesdienst in Ströhen an. Mit Mitfahrgelegenheit ab Wagenfeld und in der ehemaligen ATT-Autohalle. Das Thema: „Flucht aus Syrien – Arche Noah“ unter Hauptgestaltung der syrischen Flüchtlinge aus Wagenfeld und Ströhen mit einem Theaterspiel zu Flucht, Vertreibung aus der Heimat und Hoffnung in Deutschland.

In einer Kooperation zwischen Kirche, Posaunenchor und den in den Fokus gerückten Flüchtlingen entstand ein echtes Verständnis für Gründe einer existenziellen Flucht aus der Heimat.

In dem Theaterstück in drei Akten schnürten sich die Kehlen der Gottesdienstbesucher zu. Wenn die syrischen Flüchtlinge ihre Geschichte der Flucht erst ins benachbarte Ausland, dann nach Deutschland szenisch spielten und den Besuchern ganz nah brachten. „Wir werden still und ernst werden und lachen“, prognostizierte es Pastor Michael Steinmeyer treffend, als er die Geschichte der Flucht im Synonym „Arche Noah“ ankündigte. „Ich glaube, es gibt Geschichten, die werden in der Bibel und dem Koran erzählt.“

Aber nicht nur, dass die Flüchtlinge im Theaterstück voll dabei waren, es spielten Sven Schröder von der Gemeindeverwaltung Wagenfeld und Paten der Flüchtlinge mit. Der erste Akt erzählte vom Leben in Syrien schon unter dem Regime von Assad. Von Angst, Freiheitsberaubung, Willkürherrschaft und Polizeistaat mit Geheimpolizei in Schule und öffentlichem Leben. Aus den Schrecken der Unfreiheit im täglichen Leben entsteht eine Demonstration mit Rufen nach Freiheit. Erwachsene und Kinder sterben. Dramatische Musik vom Posaunenchor, die Polizeisirene der Trompete von Andreas Lorch und resignierte Klänge des Klaviers von Karin Harms instrumentieren das Stück.

Im zweiten Akt sind die Syrer ins Nachbarland geflohen, leben in Camps, die ständig umziehen, weil der Krieg immer näherkommt. Verzweiflung um Job- und Wohnungssuche machen sich breit. Skrupellose Vermieter und Arbeitgeber flankieren die ohnehin dramatische Flucht.

Der dritte Akt erzählt von der Flucht in der Arche übers Meer, dem Glück der Ankunft in Wagenfeld und das Treffen auf Menschen, die helfen. Gemeindemitarbeiter, Paten, Kirchengemeindemitglieder für jeden fand sich die passende Rolle im Stück.

Als dann das erste Kind in Deutschland mit Namen „Ajenda“, was so viel wie Zukunft bedeutet, geboren wird, ist die Hoffnung groß auf ein menschenwürdiges Leben im Exil.

Pastor Steinmeyer verpackte das Thema Flucht und die Arche in Gleichnisse: „Ich glaube, dass einige Menschen die Flut komplett missverstehen. Die Flut sind nicht die Flüchtlinge, die Flut haben die Industrienationen, also wir, heraufbeschworen mit unserer Unersättlichkeit.“ Er käme von der Küste, dort baue man Deiche, aber mit Demut und Respekt und gemeinsam und an richtiger Stelle. „Man kann keine Deiche, Mauern oder Zäune bauen gegen das Leid anderer“, so Steinmeyer. „Es gibt keine Rettung gegeneinander, nur miteinander.“

Er wurde noch deutlicher: „Es gibt Menschen, die bekämpfen Probleme mit Giftgas. Denen müssen wir Einhalt gebieten.“ Für ihn stand der Mensch im Mittelpunkt, unabhängig von Geschlecht, Hautfarbe, Religion und Gesinnung.

Rami Hasan appellierte stellvertretend für seine Mitflüchtlinge in Englisch, Pastor Steinmeyer übersetzte: „Bevor der Bürgerkrieg in Syrien startete, hatten wir über 20 Religionsgemeinschaften, die in Frieden lebten. Dann kam die eiserne Faust von Assads Regime, mit ihm Unterdrückung und Unfreiheit. Ich floh nicht sofort, aber nichts änderte sich im Land.“

Er führte weiter eine DIN A4-Seite lang aus, dass er nicht aus Furcht vor dem Tod, sondern aus Angst um seine Kinder und Frau floh, erst ins Nachbarland, dann endgültig nach Deutschland und Wagenfeld.

„Das schlimmste für mich war, dass ich nicht beim Tod meiner Eltern in Syrien und dessen Beerdigung war.“ Er dankte allen in Wagenfeld aus tiefsten Herzen für die Hilfe: „You are truly heros.“

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