Fast zu Hause und doch ganz weit weg

Selbstversuch im Larpdorf Bogenwald

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Vorübergehend wird aus der Redakteurin Katharina Schmidt die Schreiberin Katera.

Ströhen - Von Katharina Schmidt. In Ströhen, am Rand eines Waldes, finden Abenteurer das mittelalterlich gestaltete Dorf Bogenwald. Der Ort ist eine Art Theaterkulisse. Leute aus ganz Deutschland treffen sich von Zeit zu Zeit dort, um ihr Hobby Larp (Live Action Role Play) auszuüben. Bei sogenannten Conventions schlüpfen sie zum Beispiel in die Rollen von Schurken, Helden oder Hexern.

Laut den Gründern Bogenwalds, Dirk Kemper und Lena Weichselbaumer, lässt sich Larp besser erleben als beschreiben. Deshalb ziehe ich für drei Nächte in „ihre“ geheimnisvolle Siedlung.

Im Aufbauen von Zelten war ich schon immer eine Niete. Dass das Modell vor mir nur aus Stoff, Holzpfählen und Seilen besteht, macht es nicht besser. Aber es nützt nichts. Wenn ich meine Larp-Karriere nicht als Obdachlose beginnen möchte, muss der Materialhaufen vor mir eine Unterkunft werden. Zwar ist Bogenwald in den vergangenen Monaten erstaunlich gewachsen – es steht eine Handvoll Häuser –, aber für alle rund 100 Teilnehmer der mehrtägigen Convention ist in den Hütten nicht Platz. So schlagen an diesem Mittag in Bogenwald viele weitere Menschen ihre Quartiere auf. Noch sehen sie normal aus.

Plötzlich Amtsschreiberin

Das ändert sich am Abend. Kurz vor Einbruch der Dunkelheit gehen wir im Dorf „In Time“. Das bedeutet, dass wir in die Rollen unserer selbst ausgedachten Charaktere schlüpfen. Aus Studentinnen werden Hurenhausbesitzerinnen, aus Sanitätern hinterlistige Händler, und aus mir wird die Schreiberin Katera.

Die Schwertkämpfe in Bogenwald sind natürlich nicht so gefährlich, wie sie aussehen.

Und jetzt? Zunächst stehe ich etwas hilflos da in meinem Gewand. Meine Ratlosigkeit dauert zum Glück nicht lange an. Die Frau des Bürgermeisters eilt auf mich zu und stellt mich als Amtsschreiberin ein – es ist mehr ein Befehl als ein Jobangebot. Es hat sich scheinbar rumgesprochen, dass ich des Lesens und Schreibens mächtig bin (im Mittelalter war das nicht selbstverständlich).

Begegnungen mit Ulu-Mulus

Meine erste Aufgabe: Ich muss die Bürger registrieren. Etwas unbeholfen sitze ich im Haus des Bürgermeisters und schmiere mit Feder und Tinte rum. Mit jedem Buchstaben bin ich dankbarer für die Erfindung des Kugelschreibers – lustig ist es trotzdem. Ich verdiene als Lohn ein paar Bernsteine und bekomme fast alle Gesichter Bogenwalds zu Gesicht. Im Kerzenschein sitzen mir Menschen, Zwerge, Elfen und Ulu-Mulus gegenüber.

„Ulu-was?“, frage ich verdutzt, als sich mir ein Mitglied der letzteren Gruppe vorstellt. Und lerne: Bei den Ulu-Mulus handelt es sich um ein in Stammesgemeinschaften unterteiltes Volk. Sie sind nicht gerade intellektuell, dafür aber offenherzig und liebevoll. Oder wie sie es ausdrücken würden: „Ulu-Mulu geben viel Liebe, Ay!“ In Bogenwald scheint es für jeden die richtige Rolle zu geben.

Nach Feierabend gehe ich in die Taverne. Es riecht rauchig, die Türen knarren. Märchenhafte Wesen erzählen von dunklen Gestalten, die im Wald vor den Toren Bogenwalds ihr Unwesen treiben. Von mystischen Steinen, die das Unheil vom Dorf abwenden könnten. Und von mutigen Kriegern, die hinausziehen – und verwundet oder gar besessen zurückkehren. Gebannt höre ich zu. Es herrscht eine Atmosphäre, die ich mir bisher nur beim Lesen von Fantasyromanen vorgestellt habe.

Siezen, duzen oder ihrzen? Ganz egal

Dumm nur, dass ich andauernd meinen „In Time“-Namen vergesse. Außerdem stolpere ich immer wieder über die Anrede. Siezen? Duzen? Oder besser Ihrzen? Mit der Zeit merke ich: ganz egal.

Sieht aus wie in einer anderen Welt, ist aber in der Gemeinde Wagenfeld: Das Larpdorf Bogenwald.

Die Eindrücke prasseln auf mich ein. An jeder Ecke entwickeln sich Erzählstränge, sogenannte Plots, die sich im Laufe der Convention weiterentwickeln. Manche Teilnehmer suchen nach fast vergessenen Runen, andere ziehen in den Kampf. Wieder andere entspannen im Badezuber oder vergnügen sich im Hurenhaus. Eine Nachfrage bei der Bordellleiterin ergibt: Dort erwartet Zahlungswillige statt Sex eine Rückenmassage, begleitet von erotischer mittelalterlicher Literatur.

Tiefer und tiefer tauche ich in die Welt Bogenwalds ein. Geografisch befinde ich mich in meinem Heimatort, aber irgendwie bin doch weit weg. Tagsüber schreibe ich im Dienste des Bürgermeisters, zeichne, beobachte (harmlose) Schwertkämpfe oder lausche dem Gesang der Barden. Des Nachts höre ich Sagen von der Entstehung der Welt, rede mit Hexern oder treibe mich in der Gosse herum.

Völlig abseits der Realität? Nicht ganz. Ich rutsche immer wieder in die „Off Time“-Welt ab. Vielleicht, weil ich mich noch nicht allzu sehr mit meinem Charakter identifiziere (wie war noch mal mein Name?). Vielleicht aber auch, weil ich es spannend finde, was für Menschen hinter den Kostümen stecken – nämlich ganz normale.

Der Tag danach

Am Morgen nach der letzten Nacht „In Time“ brauche ich einen Moment, um wieder vollständig im Hier und Jetzt anzukommen – und das liegt nicht nur an den Nachwirkungen des Mets! Wo gerade noch Lieder über Schlachten gesungen wurden, erklingen auf einmal Strophen aus „Die Schöne und das Biest“. Wilde Kämpferinnen fahren mit pinken Kleinwagen vor.

Alles in allem war’s faszinierend. Besonders ist mir folgender Moment in Erinnerung geblieben: Es wird still in der Taverne, als Leto (der Charakter von Dirk Kemper) ein Lied über Bogenwald anstimmt. Er lädt darin ein, sich fortzuträumen. „Ich weiß, dass es euch hier gefällt“, endet der Refrain. Recht hat er. Das wird besonders deutlich, als alle Teilnehmer zurück in ihrer Heimat sind. Sie überschwemmen Facebook mit Erinnerungen und Dank. So richtig gerecht werden die Worte dem Geschehen nicht. Larp lässt sich eben besser erleben als beschreiben.

Zum Projekt: Bogenwald befindet sich im Aufbau. Die Gründer Dirk Kemper und Lena Weichselbaumer verwirklichen sich mit dem Larpdorf einen Traum. Sie wollen dort von Zeit zu Zeit Conventions veranstalten. Diese sind nicht für Publikum offen, durchaus aber für Larpeinsteiger. Ziel des Paares ist nicht nur, die Larpszene zu bereichern, sondern die ganze Gemeinde. Sie könnte sich zum Beispiel vorstellen, irgendwann mit Vereinen oder der Gemeinde einen Kindertag oder einen Mittelaltermarkt zu veranstalten.

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