Fehlendes Wissen über Gegenmaßnahmen und Therapie

Tollwut-Infektion: Fledermausbiss wird zum dramatischen Wettlauf gegen die Zeit

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Lena Kunz freut sich mit ihrer Tochter Mira, dass sie die mögliche Tollwut-Infektion überstanden hat. 

Im Juli dieses Jahres wird die 24-jährige Wagenfelderin Lena Kunz von einer Fledermaus gebissen und infiziert sich wahrscheinlich mit Tollwut. Der Kampf der jungen Mutter gegen die Krankheit ist auch ein Kampf gegen das schwindende Wissen um ihre Gefährlichkeit.

Wagenfeld – Im Grunde ist es Lena Kunz’ Tierliebe, die ihr zum Verhängnis wird. Was anfangs nach einer harmlosen kleinen Rettungsaktion aussieht, wird zu einem dramatischen Wettlauf gegen die Zeit. Vielleicht auch deswegen kann Kunz’ sich auf den Tag genau daran erinnern, was damals passiert ist.

Es ist Montag, der 8. Juli, als die 24-jährige Wagenfelderin an einem Dachfenster ihres Hauses eine Fledermaus entdeckt, die sich in einem Gitter verfangen hat. Nachdem Kunz sich Gartenhandschuhe anzieht, um das Tier zu befreien, beißt dieses zu. Die spitzen Zähne durchbohren den Handschuh und bleiben im Finger von Lena Kunz stecken. Die Wagenfelderin beschreibt die Fledermaus später als „sehr aggressiv“, sie habe sich „nicht normal verhalten“.

Die spitzen Zähne durchbohren den Handschuh und bleiben im Finger von Lena Kunz stecken.

Als Tierosteopathin weiß Kunz sofort, dass höchste Gefahr besteht. Das erste Wort, das ihr durch den Kopf geht: Tollwut. Kunz desinfiziert die Wunde, steckt die Fledermaus in einen Karton und schnappt sich ihre zehn Monate alte Tochter Mira, um zur nächsten Arztpraxis zu fahren. Als sie dort den Vorfall schildert, überlegt der Mediziner nicht lange und schickt sie direkt ins Krankenhaus nach Sulingen.

Keine Medikamente im Landkreis

Dort finden die Ärzte nach einigen Telefonaten heraus: Nirgendwo im Landkreis gibt es die Medikamente, die ein Patient nach einer möglichen Tollwut-Infektion braucht, um zu überleben. Daher gibt es nur eine Möglichkeit: Kunz muss ein Notfall-Depot ansteuern – ein Krankenhaus mit einem speziellen Vorrat an seltenen Medikamenten. Ihr Weg führt die junge Mutter nach Minden. Dort gibt es zwar kein offizielles Depot, das Krankenhaus hat jedoch einen eigenen Notvorrat.

In Minden herrscht laut Kunz erst einmal Unklarheit. In welcher Abteilung soll sie behandelt werden? Am Ende landet sie in der Unfall-Chirurgie, wo sie ein Arzt fragt, ob sie eine Tetanus-Impfung habe. Kunz betont, dass sie glaube, eine Gefahr gehe vor allem von einer Tollwut-Infektion aus. Die Erkrankung sei nicht selten bei Fledermäusen und das Tier habe entsprechende Symptome gezeigt. Daraufhin soll der Arzt gesagt haben, dass die Gefahr einer Infektion mit der Virus-Erkrankung „nicht so groß“ sei. Kunz soll sich ins Wartezimmer setzen. Schließlich wird die Wunde noch einmal desinfiziert. Die junge Frau lässt nicht locker, beharrt auf einer Impfung. Die Ärzte recherchieren.

Nach Fledermausbiss: Eigene Recherche im Internet

Später sagt ein Sprecher der Klinik über die Tollwut-Impfung: Diese sei „nicht ohne“, berge hohe Risiken und sei nicht vergleichbar mit einer Tetanus-Impfung. Außerdem gebe es ein Zeitfenster von 30 Tagen nach der Infektion, bis die Behandlung spätestens anfangen müsse. Bis dahin können sich die Ärzte noch beraten und Informationen einholen.

Diese Breitflügelfledermaus ist mit dem Tollwut-Virus EBLV-1 infiziert und hat Lena Kunz gebissen. Foto: Lena Kunz

Wohl auch deshalb zögern sie. Schließlich geben sie Kunz doch eine Spritze. Auf ihre Nachfrage betonen die Ärzte, dass eine Impfung ausreiche und keine weitere Behandlung nötig sei.

Als sie wieder zuhause ankommt, recherchiert sie im Internet, denkt an ihre Tochter. Kann sie Mira weiter stillen? Und der schlimmste Gedanke: Was, wenn Mira keine Mama mehr hätte?

„Wow, das ist eine ernste Situation“

Kunz hat der Fledermaus über Nacht Wasser und Futter hingestellt. Am Morgen packt sie das Tier ein und fährt nach Sachsenhagen in die Wildtier- und Artenschutzstation. Als sie dem Tierarzt dort von den Ereignissen des Vortags erzählt, sagt dieser: „Wow, das ist eine ernste Situation.“ Und: „Das kann lebensbedrohlich sein.“ Sie solle sich sofort weiterbehandeln lassen. Er wolle schauen, ob er die Fledermaus auf Tollwut untersuchen kann.

Das Tier zeigte sich sehr aggressiv.

Frühmorgens klingelt bei Lena Kunz das Telefon. Der Tierarzt hat das Gehirn der mittlerweile verstorbenen Fledermaus untersucht. Die Diagnose: European bat lyssa–virus 1. Kurz: EBLV-1, eine Variante der Tollwut. Es besteht höchste Gefahr.

Sie recherchiert weiter, will mit einem Experten sprechen. Das Krankenhaus Minden sagt ihr, sie solle zu ihrem Hausarzt gehen.

Tollwut ist eine meldepflichtige Tierseuche

Schließlich ist es der Tierarzt aus Sachsenhagen, der weiterhilft. Tollwut ist eine meldepflichtige Tierseuche. Der Arzt informiert das zuständige Veterinäramt in Diepholz. Dieses gibt die Informationen an das bundeseigene Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) weiter, das eine Statistik über infizierte Tiere führt und informiert das Gesundheitsamt in Diepholz.

Daraufhin meldet sich eine „super engagierte Mitarbeiterin“ bei Kunz, wie diese berichtet. Die Wagenfelderin erfährt, dass sie für eine erfolgreiche Behandlung neben fünf Spritzen, auch eine Injektion mit Antikörpern – Immunglobulinen – direkt in die Wunde braucht. Und zwar möglichst schnell.

Ärzte verabreichen mehrere Spritzen

Sie fährt daraufhin direkt nach Minden. Dort fühlte sie sich diesmal wegen der Tollwut-Diagnose bei der Fledermaus sehr ernst genommen. Sie erhält das Immunglobulin. Die Ärzte sagen ihr, sie kann Mira weiter stillen.

In Gefahr ist das Kind nicht. Übertragungen von Tollwut unter Menschen sind zwar denkbar, wurden aber in der Forschung noch nie beschrieben.

Lena Kunz soll nach dem Impfschema 0-3-7-14-28 behandelt werden. Die Zahlen stehen für die Tage nach dem Biss. In diesem Rhythmus müssen die Spritzen verabreicht werden, damit das Antikörper-Level im Körper konstant gehalten wird und die Infektion zurückgedrängt wird. Ihr Arzt hat die vier weiteren Spritzen bei einer Apotheke bestellt. Am Donnerstag erhält Kunz die zweite Spritze, die bereits eingetroffen ist. Sie denkt: „Puh geschafft.“ Was sie nicht ahnt: Der Kampf gegen die Tollwut ist noch nicht gewonnen.

Apotheke in Lübbecke hat Impfstoff auf Lager

Kunz erhält einen Anruf von ihrem Arzt. Die weiteren Impf-Dosen sind nicht rechtzeitig lieferbar. Nur die Notfall-Depots besitzen welche. Kunz wundert sich: Sie ist doch ein Notfall. Die 24-Jährige ruft selbst Apotheken an. Keine von ihnen hat den Impfstoff auf Lager. Schließlich ruft sie wieder beim Krankenhaus in Minden an. Ein Mitarbeiter sagt ihr jedoch: „Wir lehnen Sie ab.“ Sie sei kein Notfall. Kunz ist verzweifelt. Die Impfstoffe sind die einzige Behandlung, die es gibt.

In ihrer Hilflosigkeit fährt sie zur nächsten Apotheke bei ihr zuhause. Die Mitarbeiterin dort ist bestürzt, telefoniert ebenfalls. Schließlich findet sie die ersehnten Impfstoffe. Eine Apotheke in Lübbecke hat sie noch auf Lager. Ohne zu zögern fährt Lena Kunz dorthin. Als sie zurück ist, lagert sie die Spritzen in ihrem eigenen Kühlschrank und gibt sie nicht mehr her.

Warum wurde Lena Kunz nicht als Notfall eingestuft?

Endlich kann die Behandlung bei ihrem Arzt fortgesetzt werden. Dieser sagt zu Kunz: „Zum Glück haben sie sich gekümmert. Sonst hätten sie vermutlich jetzt die ersten Symptome.“ Mit anderen Worten: Kunz könnte nicht mehr geholfen werden. Heute ist die junge Frau gesund. Doch warum wurde sie nicht als Notfall eingestuft?

Obwohl er nichts zu dem konkreten Fall sagen könne, betont ein Sprecher des Krankenhauses: „Das ist natürlich ein Notfall.“ Und: „Das kann ich nicht nachvollziehen.“ Es könne höchstens so gewesen sein, dass eine Behandlung nicht stationär, sondern ambulant beim Hausarzt erfolgen muss. Die Spritzen für Kunz hätte ihr Arzt jedoch jederzeit beim Krankenhaus bekommen. „Fest steht, dass jeder Notfall bei uns behandelt wird“, so der Sprecher.

Strukturelles Problem beim Thema Tollwut

Am Ende hat Lena Kunz noch ein Anliegen. Sie betont, dass das Krankenhaus keine Schuld treffe. Gerade die Ärzte hätten sich „wirklich Mühe gegeben“. Sie seien vermutlich einfach überfordert gewesen. Die Wagenfelderin vermutet, es herrsche heute offenbar das Wissen vor, dass die Tollwut ausgestorben sei. Keiner kenne die Krankheit mehr. Sie sieht ein strukturelles Problem beim Thema Tollwut in Deutschland.

Tollwut-Erkrankungen in Deutschland: Die Fakten

Wie groß ist die Gefahr durch Tollwut?

Die Gefahr, sich hierzulande mit Tollwut zu infizieren, ist sehr gering. Seit 2008 gilt Deutschland offiziell als tollwutfrei. Ausgenommen davon sind jedoch Infektionen durch Fledermäuse, die einen anderen Erregerstamm haben und nach wie vor als Überträger gelten.

Seit 2001 sind in Deutschland sechs Menschen an Tollwut gestorben. Sie haben sich überwiegend im Ausland infiziert, wo die Krankheit noch ein großes Thema ist. Zuletzt wurde in Deutschland im Jahr 2006 die Tollwut bei einem Wildtier entdeckt – ausgenommen Fledermäuse. Hier in der Region wurde noch vor etwa einem Jahr eine infizierte Fledermaus in Barnstorf entdeckt. Das Veterinäramt gibt jedoch Entwarnung: Der Fall sei äußerst selten und bei vorsichtigem Umgang mit Wildtieren bestehe kaum eine Gefahr.

Welche Symptome treten auf?

Fünf bis acht Wochen ohne Behandlung dauert es, bis der Erreger das Gehirn erreicht und seine tödliche Wirkung entfaltet. Innerhalb der ersten 30 Tage nach der Infektion muss mit der Behandlung begonnen werden. Sobald der Erreger die Blut-Hirn-Schranke überwindet und die ersten Symptome auftreten, gibt es für den Patienten keine Hilfe mehr. Am Anfang sind es Kopfschmerzen, ein Juckreiz und Appetitlosigkeit. Später sind es die Angst vor Wasser, Schluckstörungen und eine vermehrte Speichelbildung. Innerhalb weniger Tage werden die Symptome schlimmer. Lähmungserscheinungen treten auf. Am Ende fällt der Infizierte in der Regel ins Koma und stirbt mit Anzeichen von Atemlähmung oder Lähmung der Herzmuskulatur.

Wie wird die Krankheit nachgewiesen?

Die Krankheit kann bei Menschen und Tieren nur auf eine Art festgestellt werden: durch eine Gehirn-Untersuchung des Verstorbenen. Ob Lena Kunz also wirklich mit dem Virus EBLV-1 infiziert war, lässt sich nicht feststellen.

Stehen Medikamente zur Verfügung?

Trotz weltweit immer wieder auftretender Engpässe, betonen die Hersteller der Impf-Präparate, dass die Versorgung in Deutschland gesichert ist. Die offiziellen niedersächsischen Notfall-Depots in Braunschweig, Emden, Georgsmarienhütte, Göttingen, Hannover, Lüneburg und Stade verfügen jederzeit über Vorräte, auf die aber ausschließlich Apotheken zurückgreifen können. Auch in Bremen gibt es ein Depot. Viele Krankenhäuser haben eigene kleine Notfall-Depots.

Hierzulande wird eine Tollwut-Präventivimpfung nur noch bei Risikogruppen durchgeführt. Die Behandlung hat mitunter starke Nebenwirkungen, wie Glieder-Steifheit, Schwindel, Kreislauf- und Magen-Darm-Probleme, sowie Hautausschläge.

Erste Hilfe beim Fledermaus-Fund

Wer eine verletzte Fledermaus entdeckt oder Fragen zu den Tieren hat, kann sich an die örtlichen Fledermausbeauftragten wenden. Für den Landkreis Diepholz ist das Carola Anders aus Barnstorf. Sie ist erreichbar unter 0175 / 82 92 328 oder per E-Mail an anders_carola@web.de. Jeder, der eine geschwächte Fledermaus dennoch anfasst, sollte dicke Handschuhe tragen.

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