Musikalische Geschichte einer Nacht von Leta Henderson und Marianne Lohaus

„Der kürzeste Weg zum Morgen ist der durch die Nacht...“

Marianne Lohaus (l.) und Leta Henderson gaben ein beeindruckendes Konzert in der Wagenfelder Kirche. - Foto: Brauns-Bömermann

Wagenfeld - Von Simone Brauns-Bömermann. Mit 20 plus eins Musikstücken höchster Güte begleiteten Leta Henderson (Klavier und Gesang) und Marianne Lohaus (Sopran) ihr Publikum am Sonntagnachmittag durch eine fiktive Nacht. Mit ihrem kostenlosen Konzert „Von heute nach morgen ist eine lange Reise“ in Konzert-, Musical- und Choralqualität und konzertanter Wirkung setzten die beiden Künstlerinnen aus Wagenfeld wieder einen Meilenstein in ihrer Karriere. Und das mit viel Herz, Können und dezidierter Vorarbeit der Stückauswahl, dem Mix und Fingerspitzengefühl zum Thema.

Was mit der Zugabe aus König der Löwen „Can you feel the love tonight“ in der Zugabe und stehenden Ovationen endete nach eineinhalb Stunden ohne Pause, glich einer Tour de Force quer durch die Musikliteratur, immer mit der untrüglichen Sicherheit der Auswahl, viel Kreativität und dem Wunsch, ein Gesamtkunstwerk abzugeben.

„Vom Kinderlied bis zu Hits von Udo Jürgens“ titelten die Vorankündigungen zum Konzert. Das war nur die berühmte Spitze des Eisbergs und wurde dem Konzert nicht annähernd gerecht. Gestaltet sich eine schlaflose Nacht derart wie das Konzert, wünscht man sich zahlreiche davon

Aber nicht nur die Zusammenstellung der Musiken aus Volks- und Kunstlied, Musical, Operette und Oper war beeindruckend und mit einer großen Portion Fachwissen gekoppelt, sondern ebenso Technik, Ausdauer und Timbre. Und wie schön Leta Henderson singt und beide begleitet am Klavier, das zu hören, ist von der passionierten Chorleiterin und Künstlerin für Publikum eher selten. Dass Marianne Lohaus eine lange Reise der Gesangsausbildung hinter sich hat, in den Genuss kam ihr Publikum. Eine Frage blieb in den staunenden Augen zu lesen: Wann schreiben die Beiden ihr erstes Singspiel oder Musical? Bereit für die große Bühne sind sie: Ein Orchester engagiert, fertig los, „Theater wir kommen“, sollte ihr Motto sein.

Ihre Musikauswahl hat Qualität, ist kein Sing-Sang der guten Laune wegen, sondern will immer berühren und zwar ganz tief. Die Beobachtung einer Nacht verläuft chronologisch: Das Abendlied und Gedicht von Matthias Claudius vertonte Franz Schubert und Millionen von Kinderaugen schlummern mit „Der Mond ist aufgegangen“ ein. „Was braucht ein Kind zum Einschlafen?“, fragt Henderson und hat die Antwort: Ein Bad, Kuscheln, ein Lied, eine Geschichte, ein Gebet. Für Lohaus und Henderson spiegelt das Konzert Liebe und Glaube, Hoffnung und Ausblick. Beide präsentieren den „Abendsegen“ aus der Oper „Hänsel und Gretel“ von Engelbert Humperdinck. Angst der beiden Kinder schwingt mit, auch das gehört zur Nacht und dem Alleinsein. Allein, weil sie allein gelassen oder allein wegen Flucht und Verfolgung.

Dazu fanden die Künstlerinnen das schlafraubende Schicksal vieler Kinder auf der Welt in Claude-Michel Schönbergs „Bring ihn heim“ aus dem Musical „Les Misérables“. Kaum jemand kann sich dem mit Angst behafteten Gedanken kurz vor dem Einschlafen erwehren: „Was werde ich träumen, werde ich wieder erwachen?“ Dieser essentiellen Angst setzte das Konzert eine lustige Wachbleib-Variante mit Wolfgang von Goethes Gedicht „Der Floh“ aus „Faust“ und von Ludwig van Beethoven vertont, als echten Grund des Nicht-Einschlafens in alten Zeiten entgegen. „Das Rezept gegen die Krabbeltiere hieß Knicken“, so Henderson.

Wer auch nicht schlafen möchte, ist Eliza Doolittle aus dem Musical „My Fair Lady“. „In der dunklen Stunde nimmt die Unruhe zu. Jetzt gehen die Gedanken weiter in die Welt, zu Krieg, zu Kulturen, die zusammenstoßen, zu Kindern ohne Zukunft“, führt Leta ein in den Verlauf der gemeinsamen Nacht.

Und endlich kommt der Komponist, der Henderson so mit ihren beiden Heimaten England und Deutschland verbindet: Georg Friedrich Händel. Aus der triumphalen Oper „Rinaldo“, erklingt in Wagenfelds Kirche seine wohl populärste Arie: „Lascia ch’io pianga“. Gäste und Künstler singen zusammen „Weißt Du wieviel Sternlein stehen“, sind sich wie Andrew Lloyd Webber sicher, dass „Loves changes everything“ und summen zu „Amazing Grace“ mit. Ein Glaubensbekenntnis ist das von Hugo Wolf vertonte Gedicht „Gebet“ von Eduard Mörike.

Was kurz vor seinem Tod Udo Jürgens glaubt, davon singen Lohaus und Henderson sehr gerne in dem Lied „Ich glaube“, denn es zeugt vom Menschsein. Wenn Cat Stevens aufs Trapez kommt mit „Morning has broken“ bricht der Morgen an. Und wenn Leta allein am Klavier singt: „Seit vielen Jahren sitz ich hier und schlage Töne an… ich will alles sein, nur nicht brav und bieder …“ frei nach Udo Jürgens „Bis ans Ende meiner Lieder“, ist es, als wenn es ihr persönliches Lied ist. Am Ende verstehen es alle: „Der kürzeste Weg zum Morgen ist der durch die Nacht“ und viele träumen sicher von dem Konzert.

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