Christian Poltéra und Wolf Wondratschek begeistern mit „Mara – Stradivaris Cello und seine Abenteuer“

Reise durch die Jahrhunderte

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Christian Poltéra zeigte seine musikalischen Fähigkeiten auf dem 304 Jahre alten Instrument.

Brauns-Bömermann - Von Simone. Im Leben fügen sich oft unerwartete Dinge zusammen: Wie aber kommt es, dass sich ein Cello mit 304 Jahren auf der Holzhaut, ein Cellist der Extraklasse und ein Longseller-Buchautor treffen, eine Cello-Familienchronik und eine neue große Liebe entsteht? Das zu erfahren, dazu kamen zahlreiche Besucher zum Termin in die ausverkaufte Auburg im Rahmen der 29. Niedersächsischen Musiktage nach Wagenfeld, teils bis aus Hildesheim angereist.

Ihr Besuch wurde zum Abenteuer, wie die Überschrift der Musiktage und des Literaturfestes Niedersachsen versprach. Im Grunde ließ sich das Publikum auf ein mentales Abenteuer ein, indem es mit dem Violoncello „Mara“ aus der Familie Stradivari kommunizierte und ihm zuhörte. Wolf Wondratschek war der geniale Übersetzer in Sprache, er hatte 2003 das abenteuerliche Leben des Cellos in seinem Buch „Mara – Stradivaris Cello und seine Abenteuer“ höchst poetisch verfasst.

Im Journal der Musiktage führte Gabriela Jaskulla sogar ein Interview mit „Mara“, dem berühmten Familienmitglied aus der „Goldenen Periode“ Antonio Stradivaris. Plötzlich 2012 darf Christian Poltéra auf „Mara“ zelebrieren, als Schüler von Professor Heinrich Schiff. Schiff musste sich von „Mara“ trennen, eine Krankheit verbot ihm, das Cello weiter zu trainieren. Also nochmal zum besseren Verstehen: Erst wird das Cello „Mara“ 1711 in Cremona geboren, lebt nun bereits 304 Jahre, ist fit und aktiv. Dann kommt ein Literat namens Wolf Wondratschek, veröffentlich ein viel beachtetes Buch über das Cello und 2012 verliebt sich das Cello mit betagten 301 Jahren in den Meisterschüler von Professor Schiff, nämlich Christian Poltéra.

Sie – ja das Cello ist eine italienische Sie – das sieht man ja an der Form und schließlich lag sie schon zwischen den Schenkeln von vielen unglaublich verrückten Musikern, ist einer der Stars auf der Bühne in Wagenfeld. Sie erzählt in Worten und nach Noten. Ergo: „Mara“ lebt! Und sie erzählte mit und durch Christian Poltéra und Wolf Wondratschek aus ihrem langen Leben und das Überleben. Wondratschek lässt „Mara“ selbst erzählen und die Abenteuer überschlagen sich.

Musik ist in den Ohren der Zuhörer übrigens beides: Die Lesung mit der sonoren Stimme von Wondratschek, des Bohème und Weitgereisten, dem im Liebesschwur verbundenen Kunstschaffenden in der Manier eines ewig Aufmüpfigen und vor allem unangepassten der Gesellschaften dieser Welt. Und das intime Spiel vom höflich, zurückhaltenden, genießenden Musikers Christian Poltéra, der „Mara“ nicht schont: Sie muss ihre Decke dehnen, ihre Saiten bis zum Anschlag schwingen, den Spagat der Jahrhunderte zwischen der Musikliteratur von Johann Sebastian Bach (1685 bis 1750), Witold Lutoslawski (1913 bis 1994) und Henri Dutilleux (1916 bis 2013) schaffen.

„Das ist kein Problem für sie“, erklärt ihr Spieler. Ein wenig mehr Kräfte wirkten auf dem zarten Holz der Decke seit Erfindung der Stahlsaiten, verrät Poltéra nach dem Konzert. Früher hatte „Mara“ Saiten aus Darm und mit den großen Komponisten ist sie seit Jahrhunderten per Du. „Im Grunde ist keine Musik ein Problem für mich, ich habe immer schon zeitgenössische Musik gespielt“, lässt sie durchblicken.

Und stolz ist sie auch: Die Geige hätte viel Luft und Himmel, das Klavier sei ein Möbelstück, aber ein Cello, ein intimes Instrument der Umarmung mit dem Spieler. „Ja ich habe mich in Christian verliebt“, gibt sie zu. „Gut, dass ich 1963 noch nicht gestorben bin beim Sturz in den Rio de la Plata, da war er noch nicht einmal geboren.“ Das hatte Wondratschek fein säuberlich recherchiert. Und wenn er pausierte und Poltéra spielte, verzückte sich sein Gesicht mit geschlossenen Augen zu hoher musikalischer Finesse. Ein dünnes Buch hielt er in den Händen, das Gewicht der wenigen Worte, jedoch ungleich schwerer: Es schien, jedes Wort wöge hundertfach. „A thing of beauty is a joy forever“, liest er über das Cello. „Und wie gut, dass ich noch spielen darf”, resümiert „Mara“ in seiner Erzählung, „und nicht wie viele meiner Geschwister nach Asien verkauft und dort von reichen Sprösslingen gequält werde oder in Safes an Langeweile sterbe”. Und fliegen die Lebensjahre von „Mara“ nur so vorbei, brilliert sie mit Poltéra zur neuen Musik von Lutoslawski und Dutilleux, als wenn sie mitdenke. Wondratschek liest die lexikalische Beschreibung, warum ein Cello klingt, wie einen erotischen Liebesakt.

„Mara“ macht es offensichtlich nichts aus, dass sie gefordert wird. Wondratschek ist der Mann der Bilder aus Worten, bringt Historie in brandaktuellen Kontext und ist verliebt in dieses Cello: „Jedes Mal, wenn ich sie höre, habe ich Gänsehaut.“ Vielleicht hat der Autor deshalb noch die Jacke an, als er fertig gelesen hat, wie auf der Durchreise. „Mara“, aus dem Holz alter Ruder gebaut, leicht und mit getrockneter Haifischhaut geschliffen, fragt sich: „Hörte mein Vater Stradivari wie wir Instrumentenkinder klingen würden, noch bevor eine einzige Saite aufgezogen war?“. Die Frage offen, aber vermutlich: Ja.

Auf ausliegenden Karten der Musiktage stand: „Erzählen Sie uns von Ihrem größten Abenteuer“. Einige Gäste füllten sie aus. Auf einigen stand ganz sicher: „Mara und ihre Begleiter heute Abend kennengelernt zu haben!“

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