Spezialabteilung für Federbettenwäsche hat Seltenheitswert

Flauschiges Wunderwerk der Natur

Karsten Kleemeyer verarbeitet feinste Daunen zu Bettdecken
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Flauschig weich und wärmend: Mit den feinen Daunen füllt Karsten Kleemeyer Bettdecken auf.
  • Melanie Russ
    vonMelanie Russ
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Die Verarbeitung von Gänsefedern für Betten in großem Stil ist Geschichte. Doch in kleinem Rahmen führen Marita und Karsten Kleemeyer den Familienbetrieb „Betten Scheland" in Wagenfeld bis heute weiter.

Sie sind ein Wunderwerk der Natur – leicht, flauschig weich und unheimlich wärmend: Gänsedaunen. Schon in der Antike haben die Menschen um ihre besonderen Eigenschaften gewusst und mit ihnen ihre Bettdecken gefüllt. Nicht ganz so weit zurück reicht die Tradition von „Betten Scheland“ in Wagenfeld. Vor mehr als 200 Jahren begann die Firma – damals noch unter anderem Namen – mit der Verarbeitung von Gänsefedern. Die Produktion in großem Stil ist längst Geschichte, doch „für den Hausgebrauch“ führen Marita und Karsten Kleemeyer sie bis heute fort.

1990 hatten sie die Geschäfte von Maritas Eltern Ursel und Alfred Graw übernommen. Ihr Großvater Ernst Scheland hatte den Betrieb 1930 von der Familie Pohlmann gekauft, in deren Besitz sie seit 1815 gewesen war, und ihm den Namen „Betten Scheland“ gegeben.

Gute Daunendecken über 20 Jahre haltbar

„Das Besondere an Daunen ist, dass sie viel Luft einschließen können. Darum sind sie leicht und wärmend zugleich“, so Karsten Kleemeyer. Und trotz ihrer Zartheit sind sie sehr robust. „Eine gute Daunendecke ist 20 Jahre und länger haltbar“, erklärt er. „Wir haben zum Teil Betten angekauft, die 50 Jahre alt und noch völlig in Ordnung waren“, ergänzt seine Frau Marita.

Damit Federbetten lange halten, kann ein bisschen Pflege von Zeit zu Zeit nicht schaden. Eine ausreichend große Waschmaschine hält das Ehepaar in seiner Spezialabteilung für Bettenwäsche ebenso bereit wie einen üppig dimensionierten Trockner, in dem sich die Daunen nach ihrem Bad wieder entfalten können.

Daunen werden wiederverwendet

Kleemeyers kümmern sich aber nicht nur um die Reinigung, sondern auch um die Aufarbeitung von Daunendecken. Haben die Federn ihre Hülle aus Baumwolle „überlebt“, bekommen sie bei ihnen eine neue. „Wenn die Federn noch in Ordnung sind, werden sie separat gewaschen“, erklärt Karsten Kleemeyer. Dafür saugt er sie in eine spezielle Waschmaschine – Baujahr 1991 und laut Marita Kleemeyer die einzige dieser Art im ganzen Landkreis. Anschließend wird aus den Federn eine neue Decke hergestellt. Auch komplette Neuanfertigungen sind möglich. „Wer möchte, kann dabei sein, wenn sein eigenes Bett gestopft wird“, so Marita Kleemeyer.

Über mangelnde Arbeit kann sich das Ehepaar aktuell nicht beklagen. „Wir haben jetzt mehr zu tun als sonst. Die Leute haben durch Corona mehr Zeit.“ Normalerweise haben sie es mit den heutzutage üblichen relativ dünnen Daunendecken zu tun. „Doch zwei- bis dreimal im Jahr kommen auch noch Leute mit einer dicken Ballondecke“, berichtet Marita Kleemeyer. Die gebe es aber nur noch selten. Heute benötige man so dicken Decken nicht mehr, weil die Häuser besser isoliert seien als früher.

Die Daunen aus gebrauchten Decken saugt Karsten Kleemeyer vor der Wiederverwendung in eine spezielle Waschmaschine.

In den Hochzeiten der Bettfedernfabrik kamen die Federn aus der Region. „Früher wurden in der Dümmerniederung viele Gänse gehalten“, erzählt Marita Kleemeyer. Mit der fortschreitenden Trockenlegung änderte sich das. Zwar gebe es noch den ein oder anderen, der ihnen kleine Mengen bringe, doch vorwiegend kommen die Daunen aus Polen und Ungarn. Bei Großschlachtereien hierzulande sei der Verkauf von Federn kein Thema. Die Trennung der Ware in feine Daunen und größere Federn für Kopfkissenfüllungen erfolgt vor Ort in einer Daunensortiermaschine aus dem Jahr 1951, die noch immer treue Dienste leistet.

Täglich eine Tonne Daunen verarbeitet

Die großen Maschinen der alten Bettfedernfabrik gibt es dagegen nicht mehr. Während die heutige Federwaschmaschine ein Fassungsvermögen von 2,5 Kilogramm hat, konnten die alten 80 Kilogramm aufnehmen. „In der Saison wurde damals eine Tonne pro Tag verarbeitet“, berichtet Karsten Kleemeyer. In den 90er-Jahren gaben er und seine Frau die Bettfedernfabrik auf und verkauften fortan nur noch direkt an Endkunden. Die Maschinen fanden in der Ukraine weitere Verwendung. 2003 gaben sie auch das Textilgeschäft auf und spezialisierten sich auf Aussteuerware und die Bettenreinigung.

„Es macht immer noch Spaß. Es ist unser Hobby“, erklären Marita und Karsten Kleemeyer, warum sie sich nicht längst aus dem Berufsleben verabschiedet haben. „Aber in drei Jahren hören wir auf.“ Denn dann geht auch die letzte von ehemals 20 festangestellten Mitarbeiterin in den Ruhestand.

Was danach aus dem Geschäft wird, ist noch offen. „Wir suchen einen Nachfolger“, so Marita Kleemeyer. Die Zukunft des derzeit leer stehenden Fabrikgebäudes ist ebenfalls noch nicht geklärt. Im Integrierten Städtebaulichen Entwicklungskonzept (ISEK) gibt es Ideen, dort Parkplätze, Wohn- oder Geschäftsgebäude zu errichten. „Wir wären bereit, zu verkaufen, oder auch abzureißen, wenn es für den Bereich ein Konzept gibt“, sagt Marita Kleemeyer. Doch das ist noch Zukunftsmusik.

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