Außer Holzbalken alles erneuert

Monika und Günter Glückstadt sanieren 200 Jahre altes Bauernhaus in Wagenfeld

Günter und Monika Glückstadt sitzen im Wohnzimmer ihres 200 Jahre alten Bauernhauses. Ursprünglich befand sich dort das Flett.
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Wo sich einst das Flett befand, haben Günter und Monika Glückstadt ihr Wohnzimmer eingerichtet.

Das Ehepaar Glückstadt aus Wagenfeld hat 30 Jahre lang Stück für Stück ein altes Bauernhaus saniert. Vom Original sind nur die Holzbalken übrig geblieben.

Wagenfeld – Die alten Holzbalken fallen dem Besucher sofort ins Auge, wenn er das ansonsten moderne Bauernhaus von Monika und Günter Glückstadt am Hessenschold in Wagenfeld betritt. Einige schauen halb versteckt aus dem Mauerwerk hervor, andere stehen frei im Raum. Sie sind die letzten Zeitzeugen des 1810 erbauten Zwei-Ständer-Hauses, das das Ehepaar 1990 gekauft und in 30 Jahren Stück für Stück saniert hat. „Abgesehen vom Holz haben wir alles erneuert“, berichtet Günter Glückstadt.

Die früheste Erwähnung der Hofstelle Haßlingen 51 (Speckmann), die ab etwa 1780 die Hausnummer 53 trug, geht laut Glückstadt auf das Jahr 1695 zurück. Das Haus aus dieser Zeit existiert allerdings nicht mehr. Die Torriegel-Inschrift verweist darauf, dass das heutige Gebäude 1810 von Carl Heinrich und Maria Catharina Speckmann errichtet wurde – gebaut nur aus Holz, Lehm und Stroh, wie Günter Glückstadt erläutert. Ihr Sohn und Hoferbe Friedrich Wilhelm war seit mindestens 1860 Mühlenpächter in Preußisch Ströhen und siedelte mit seiner Familie in den Nachbarort über. Das Gebäude blieb nach Informationen Glückstadts im Eigentum der Familie Speckmann, wurde seit 1895 aber immer verpachtet. Nach seiner Einschätzung ein Glücksfall, denn dadurch sei die Grundsubstanz unverändert erhalten gewesen, als sie das Haus 1990 von der letzten, in Bremen wohnenden Eigentümerin gekauft hätten. Für den Eigenbedarf, so vermutet der 66-Jährige, hätten es die Besitzer vielleicht nach heutigen Standards umgebaut.

Seit 2019 ist die Sanierung des 200 Jahre alten Bauernhauses von Monika und Günter Glückstadt in Wagenfeld abgeschlossen.

Fast 30 Jahre hat Monika und Günter Glückstadt ihr Projekt begleitet, bis die Sanierung 2019 abgeschlossen war – wenn auch nicht ununterbrochen. In den ersten vier Jahren nach dem Kauf haben sie das zwölf Meter lange und 20 Meter breite Gebäude von außen modernisiert. Es bekam ein neues Dach, neue Gefache – die Hälfte der Fassade war bereits verklinkert gewesen – und die ursprüngliche Gründung aus Findlingen wurde durch ein modernes Fundament ersetzt. „Der Ständer war auf einer Seite um 14 Zentimeter abgesackt, weil er auf einen zugeschütteten Moorgraben gebaut worden war“, berichtet Günter Glückstadt. Die Schieflage ist geblieben, allerdings für das ungeübte Auge nicht erkennbar und aus statischer Sicht unproblematisch.

Nach der ersten Sanierung vermietete das Ehepaar den Wohnflügel und betrieb im Wirtschaftsflügel mit Diele und Ställen ein bisschen Amateur-Landwirtschaft. Als die letzte Mieterin auszog, begannen Glückstadts 2010 mit der grundlegenden Sanierung des Innenbereichs. „Wir haben erstmal alles rausgeschlagen und das Haus richtig durchlüften lassen“, berichten sie.

Die Außenwände des Zwei-Ständer-Hauses des Ehepaars Glückstadt wurden komplett erneuert.

Aus der Diele mit den Ställen wurde ein lichtdurchfluteter großer Raum, den kleine Gruppen für Sitzungen, Kurse und ähnliches anmieten können. „Damit ein bisschen Leben ins Haus kommt“, sagt Monika Glückstadt. Darüber, wo einst das Stroh für die Tiere lagerte, befindet sich heute ein helles Atelier für ihre Malgruppe.

Das Flett, der Wohnbereich, der im 19. Jahrhundert zum Stall hin offen war und die einzige Feuerstelle des Hauses beherbergte, ist auch heute noch das Wohnzimmer. Mit durch Erdwärme gespeister Fußbodenheizung und Kamin haben es die heutigen Bewohner allerdings wesentlich behaglicher als die Erbauer.

Das älteste erhaltene Foto des Zwei-Ständer-Hauses stammt aus dem Jahr 1956. Kurz zuvor wurde zum ersten Mal ein Schornstein installiert.

Den Wunsch, ein altes Fachwerkhaus zu kaufen, hatten Monika und Günter Glückstadt schon lange, „weil wir so was toll finden“. „Solche Häuser können Geschichten erzählen.“ Bereut haben sie den Kauf nach eigener Aussage nicht, auch wenn dessen Sanierung viel Zeit und Arbeit gekostet hat. Denn das meiste haben sie selbst gemacht.

Der Plan war das eigentlich nicht, aber Handwerker waren schwer zu bekommen. Also haben sich Monika und Günter Glückstadt selbst schlaugemacht, viel gelesen und herumgefragt. „Man muss Ausdauer haben und sich viel Wissen aneignen“, sagt die 66-Jährige. Darum waren sie beim Tag des offenen Denkmals regelmäßig auf anderen alten Höfen unterwegs.

Im Rückblick sind Glückstadts mit ihrem Bauernhaus, das sie im Herbst 2019 endlich bezogen haben, sehr glücklich. Die Mühsal hat sich gelohnt. „Wenn man im November nach der Arbeit abends im Dunkeln mit einer Lampe daneben die Fugen ausfüllt, fragt man sich schon, warum machst du alles?“, gibt Günter Glückstadt zu. Wenn er sich dann aber am nächsten Tag das Ergebnis angeschaut habe, habe sich immer ein Glücksgefühl eingestellt. „Man muss da naiv rangehen. Wenn man wüsste, was auf einen zukommt, würde man es nicht machen.“

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Private Häuser im südlichen Landkreis Diepholz: Deren Geschichte und auch Geschichten von Bewohnern stellen wir in der Serie Hausgeschichte(n) vor. Besitzen oder bewohnen Sie ein Gebäude, das etwa 100 Jahre alt ist und über das oder aus dem es Interessantes zu erzählen gibt? Dann lassen Sie es Teil der Serie werden. Schreiben Sie eine E-Mail mit dem Betreff Hausgeschichte(n) an redaktion.diepholz@kreiszeitung.de beziehungsweise redaktion.sulingen@kreiszeitung.de und beschreiben Sie darin kurz und stichwortartig die Besonderheiten des Gebäudes. Bitte Anschrift und Telefonnummer nicht vergessen. Nach Prüfung und Absprache verfassen wir dann einen Bericht mit Fotos. Kosten entstehen Ihnen dadurch selbstverständlich nicht. 

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