Update: Reaktion des VBN

Elf Stunden Heimfahrt mit Bus und Bahn? Nein, danke! - ein Selbstversuch

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Auf dem Weg zur Arbeit: Unsere Redakteurin Katharina Schmidt lässt einen Tag lang ihr Auto stehen und fährt mit Bus und Bahn.

Landkreis - Die Menschheit pustet zu viel CO2 in die Luft, Gletscher schmelzen, der Meeresspiegel steigt. Da plagt es mich schon manchmal, das schlechte Gewissen. Ich pendle mit meinem Auto 55 Kilometer zu meiner Arbeitsstelle, von einem Resthof im beschaulichen Ströhen zum Verlagshaus in Syke.

Für meinen Geldbeutel ist die Juckelei nicht gut, und für die Umwelt erst recht nicht. Doch gibt es Alternativen? Nun, die Öffentlichen Verkehrsmittel sind für mich zumindest keine Option. Das stelle ich während eines Selbstversuchs fest. Einen Tag lang fahre mit Bus und Bahn zur Redaktion.

7.07 Uhr, Zuhause. Oder wie andere sagen würden: mitten in der Pampa. Ich schwinge mich auf den Fahrradsattel – nun gut, ich lasse mich eher wie ein nasser Sack darauf plumpsen. Normalerweise würde ich mich um diese Uhrzeit noch einmal im Bett umdrehen. Dösig trete ich in die Pedale. Die nächste Bushaltestelle, an der nicht nur alle Jubeljahre der Schulbus hält, liegt 3,6 Kilometer entfernt. Immerhin, die Sonne scheint, und ich habe Rückenwind. Eigentlich ist die Fahrt sogar ganz schön – abgesehen davon, dass ich mangels Radweg fast von einem Auto übergebrettert werde.

7.21 Uhr, Ströhen Dorfmitte . Ich bin früh dran, der Bus kommt erst in 20 Minuten. Also heißt es warten. Nach kurzer Zeit vibriert mein Handy. Eine Sprachnachricht von der Freundin meines Onkels, die zuvor hupend an mir vorbeigedüst ist. „Wo willst du denn hin mit dem Bus?“, fragt sie mit leicht besorgtem Unterton – und bietet an, mich mitzunehmen. Verlockend, aber ich bleibe standhaft. Um 7.40 Uhr fährt der Bus vor. Ein Schulbus. Möglichst unauffällig setze ich mich zwischen die Pubertierenden. Mit meinen 25 Jahren ziehe ich den Altersdurchschnitt deutlich nach oben. Es ist erstaunlich ruhig. Es hat auch Vorteile, wenn die Jugend nur noch auf Displays starrt.

7.48 Uhr, Wagenfeld. Pünktlich komme ich in Wagenfeld an. Nach sieben Minuten regulärer Wartezeit steige ich in einen anderen Bus um. Zu meiner Erleichterung sitzen nicht nur Kinder und Jugendliche darin.

8.37 Uhr, Diepholz. Ich erreiche den Bahnhof in Diepholz – eine Stunde und 20 Minuten, nachdem ich das Haus verlassen habe. Wäre ich mit Auto gefahren, wäre ich längst in Syke. Ich brauche normalerweise rund 50 Minuten zur Arbeit, Staus gibt es auf den Landstraßen nie. Doch statt in Syke sitze ich nun am Bahnsteig, wo ich rund 25 Minuten Umsteigezeit totschlagen muss. Gähn!

9.32 Uhr, Bahnhof Syke. Mit Zug bin ich in einer halben Stunde von Diepholz nach Syke gekommen. Mit Auto dauert das oft doppelt so lange. Auf Öffentliche Verkehrsmittel umzusteigen, kann sich also auf gewissen Strecken lohnen. Ströhen – Syke gehört sicherlich nicht dazu. Bis zur Redaktion gehe ich vom Bahnhof einen Kilometer.

9.48 Uhr, Redaktion. Nach zwei Stunden und 41 Minuten komme ich an. Ich war fast zwei Stunden länger unterwegs als sonst. Ätzend!

17.24 Uhr, Bahnhof Syke. Der Zug fährt mit zwei Minuten Verspätung ein. Eigentlich hätte ich erst um 18 Uhr Feierabend, aber ich bin fast eine Stunde eher gegangen. Ich musste diesen Zug erwischen, denn die nächstbeste Verbindung würde elf Stunden und 35 Minuten (!) dauern. Ein Killer-Kriterium und der Grund, warum ich die Öffentlichen Verkehrsmittel weiterhin allenfalls für private Ausflüge nutzen werde. Ich müsste über Osnabrück, Bünde und Rahden fahren, mit Umsteigezeiten von bis zu sechs Stunden. Zu Hause wäre ich um 6.57 Uhr – also zehn Minuten, bevor ich wieder losradeln müsste, um mit Bus und Bahn rechtzeitig zum Arbeitsbeginn um 10 Uhr in Syke anzukommen.

Kommen wir zu den Kosten: Für den Hin- und Rückweg zahle ich 23,60 Euro (9,50 Euro Bus, 14,10 Euro Bahn). Im Internet sehe ich später, dass ich mir auch zwei Kombi-Tickets für insgesamt 21,20 Euro hätte kaufen können. Nun ja, hinterher ist man immer schlauer. Mit dem Auto liege ich bei etwa 13,20 Euro Spritkosten, ausgehend von einem Verbrauch von acht Litern pro 100 Kilometern und einem Preis von 1,50 für den Liter Super. Laut einem Online-Kostenrechner kann ich für die Abnutzung meines roten Flitzers pauschal 5,50 Euro hinzurechnen. Unterm Strich zahle ich pro Tag mit Auto also etwas weniger - sofern ich die Kosten für Kfz-Versicherung & Co. außen vor lasse. Ein Monatsticket würde für die gesamte Strecke 211,40 Euro kosten (156,50 Euro für die Strecke Diepholz - Syke).

19.35 Uhr, Zuhause. Nach einem Umstieg in Diepholz, einem verspäteten, aber Gott sei Dank durchfahrenden Bus und den letzten Kilometern per Rad komme ich zu Hause an. Fast fünf Stunden habe ich gebraucht, um zur Arbeit und zurück zu kommen – anstatt der üblichen einen Stunde und 40 Minuten. Ich bin erschöpft. Und froh, mich am nächsten Morgen einfach ins Auto setzen zu können.

Unsere Serie: Mobilität im Kreis Diepholz

Ob aus Klima- oder Altersgründen: Mobilität ist ein Thema, welches nicht ignoriert werden kann. Sind Fahrrad und Fahrgemeinschaft noch immer die beiden wichtigsten Alternativen zum eigenen Auto? Diese Frage möchte die Redaktion in einer Reihe von Artikeln beantworten. Dabei wird sowohl auf die Grundlagen geschaut, aber auch aktuelle technische Entwicklungen sollen ihre Rolle spielen.

VBN-Pressesprecher reagiert auf Selbstversuch

Hallo Frau Schmidt, Sie kommen demnach zur Erkenntnis, dass Sie froh sind, nicht auf den öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) angewiesen sein zu müssen. 

Sicherlich ist das Problem, dass die Anbindung „mitten in der Pampa“ (wie Sie es nennen) von Bus und Bahn schlechter ist, als in urbanen Räumen (wie beispielsweise Ihrem Zielpunkt Syke). 

Meine Recherche hat jedoch ergeben, dass es für die Strecke von Ströhen (Kreissparkasse) nach Syke (Bahnhof) auch Verbindungen gibt, bei denen Sie jeweils nur eine gute Stunde unterwegs sind und dabei nur einmal in Diepholz vom Bus in den Zug umsteigen müssen (Hinfahrt ab Ströhen 6.20 Uhr, Ankunft in Syke 7.32 Uhr, beziehungsweise Rückfahrt ab Syke 16.23 Uhr und Ankunft in Ströhen um 17.42 Uhr). 

Da sich der gesamte Weg innerhalb des Verkehrsverbundes Bremen/ Niedersachsen (VBN) befindet, gilt auf dem gesamten Reiseweg der günstige VBN-Tarif. Demnach zahlen Sie pro Weg 10,60 Euro, also hin und zurück nicht 23,60 Euro wie Sie schreiben, sondern 21,20 Euro. Sie müssen nicht separat einen Fahrschein im Bus und einen weiteren im Zug lösen. (Anm. d. Red.: Unsere Autorin hat sich für Bus und Bahn separate Tickets gekauft. Das war teurer, als es ein Kombi-Ticket gewesen wäre.) 

Zudem könnten Sie mit dem Ticket innerhalb Syke dann auch noch einen Bus vom Bahnhof zu Ihrer Arbeitsstelle nutzen. Zu anderen Zeiten als dem oben genannten Beispiel, ist der Weg mit zweimaligem Umstieg zeitlich länger (wobei die Kosten hierbei konstant bleiben).

Eckhard Spliethoff, Pressesprecher Verkehrsverbund Bremen/Niedersachsen

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