Rat und Verwaltung auf der Suche nach dem ultimativen Alleinstellungsmerkmal, das die Stadt nach vorne bringt

Visionen beim abendlichen Arbeitskreis

Klassischer Arbeitskreis: Die Honoratioren aus Rat und Verwaltung grübeln über Sykes Zukunft nach.

Syke - Mitternacht ist längst vorüber. Die Hachestadt liegt im Dunkeln. Nur im Haus Waldstraße 3 brennt noch Licht.

Im Café Alte Posthalterei hat Bürgermeister Dr. Harald „Harry“ Behrens Mitglieder des Rats um sich versammelt, um sich mit ihnen auf die Suche zu machen. Auf die Suche nach Erleuchtung, sozusagen nach dem Gral des Stadtmarketings: Nach DEM Alleinstellungsmerkmal, das Syke auch in  Zukunft volle Kassen und  zitierfähige Schlagzeilen  sichert. Ein merkwürdiger dünner Lichtschein hat sich um das bürgermeisterliche Lockenhaupt gebildet, kaum wahrnehmbar für jene, die zwar vielleicht berufen, aber nun mal eben nicht auserwählt sind. Die Gedanken des Bürgermeisters sind enteilt. Und so nimmt er kaum wahr, was die erlauchte Runde um ihn herum von sich gibt.

Etwa Wolfgang Reß, der zur Rechten der Tafel sitzet: „Wir müssen die dringenden Bedürfnisse der Bürger stärker berücksichtigen“, hebt er hervor. „Ich muss mal“, fährt er fort, „überlegen, wie wir in der Stadt mehr kleine und große Geschäfte machen könnten. Auf jeden Fall sollten wir die Verrichtung dieser Bürger bedürfnisse geruchsneutral gestalten und zusehen, dass wir als Rat das Ergebnis dieser kleinen und großen Geschäfte stets in der eigenen Hand behalten.“

Kreiszeitung Syke

„Scheiß Idee!“, schimpft Reinhard Hansemann. Der verbale Kanonier der Liberalen hat weitaus handfestere Vorstellungen, wie der Stadt zu helfen ist. „Die Treppe zum Erfolg ist aus Holz“, weiß der erfahrene Tischlermeister. „Und ICH werde sie bauen!“

„Was willst Du damit  sagen?“, riskiert der konservative Rudolf Sonnenburg  eine Nachfrage.

„Schaukelpferde“, antwortet Hansemann lakonisch.

„Wie: Schaukelpferde? Versteh‘ ich jetzt nicht.“

„Ist doch ganz einfach: Verden ist zum Beispiel die sprichwörtliche Reiterstadt. Warum sollte  Syke dann nicht die Schaukelpferd…“

„Also, bei uns in Baahrien würde man Dich für so  einen Blödsinn teeren und federn und Dich auf einer  Eisenbahnschiene an der Park-and-Ride-Anlage vorbei aus dem Dorf tragen“, schaltet sich Walter Huntemann kurz ins Gespräch ein. „Ich wüsste ja schon, was wirklich helfen würde. Aber mir hört hier ja nie einer zu.“

„Was?“, lässt sich CDU Leadsänger Markus Stier vernehmen. Doch Walter Huntemann kichert nur umstürzlerisch leise vor sich hin. Für einen kurzen Moment kreisen seine Gedanken um den Barrier Mühlenteich. Der ist für ihn wie der See Genezareth: Weihevoll und geschichtlich bedeutsam. Dort

Kreiszeitung Syke

hatte Klein Walter im Winter anno Tobak seine ersten Stunden im Schlittschuhlaufen erhalten. Und das Kreiseln und Glitschen hat er bis heute nicht verlernt. Diabolisch lächelt er in sich hinein und freut sich schon darauf, im Telefonbuch bald den Zusatz „Barrier Ortsbürgermeister“ gegen „Barrier Stadtbürgermeister“ auswechseln zu können. „Stadt Barrien statt Stadt Syke“, brummelt er. „Und ich wäre Kais… – äh, der Chef. Dann würde es aber aufwärts gehen mit S… – äh, mit Baahrien!“ Und eh er selbst versteht, wie und warum, ist er auch schon aufgesprungen und ruft seinen Untertanen zu: „Ich führe euch herrlichen Zeiten entgegen!“

Zwei Sekunden verblüfften Schweigens und mehrere betretene Blicke sind alles, was er erntet. „Nun ja, ich… äh, ich hab dann noch zu tun“, murmelt er, kramt eine Tüte Erbsen aus der Aktentasche und beginnt sie zu zählen.

„Welch trauriges Schauspiel“, lässt sich erneut Rudolf Sonnenburg vernehmen, sonst im Rat ja eher einer der stilleren Zeitgenossen. „Was die Stadt wirklich braucht, ist ein Wirtschaftsplan, wie ihn selbst der große Ludwig E. besser nicht hätte machen können.“

„Ach red‘ doch nicht so dummes Zeug“, poltert das für gewöhnlich als harmoniebedürftig geltende sozialdemokratische Seelchen Gabriele Beständig dazwischen. „So ‘n Quatsch: Wirtschaftsplan! Bei den paar Kneipen, die wir hier nur noch  haben!“

Viel mehr Außenwirkung ließe sich doch mit so einem richtigen Schnittchen auf dem Chefsessel erzielen, denkt sie heimlich bei sich. Und ganz wie von selbst hat sie plötzlich das Antlitz des Vorsitzenden des allerwichtigsten Syker Vereins überhaupt vor ihrem inneren Auge. Doch mit einem nur für sie hörbaren „Plopp“ zerspringt die Vision von Volker Galperin auf dem Bürgermeistersessel, um dem Bildnis George Clooneys zu weichen. „Wenn schon, denn schon…“, denkt die Syker Ortsbürgermeisterin.

CDU-Fraktions-Chef Markus Stier plagen schon seit Minuten heftige Magenkrämpfe: „So kann ich nicht arbeiten!“, ruft er aus. „Das wirklich Dumme an der Demokratie ist, dass man sich mit so vielen anderen Meinungen auseinander setzen muss. Am besten wäre, wir schmeißen den Laden hier in Zukunft allein“, erklärt er und wünscht alle anderen Parteien – allen voran die SPD – für die nächsten Wahlen weit in den einstelligen Prozentbereich.

„Wartet nur, wenn ich erst groß bin“, droht Stefanie Henneke von den Grünen herüber. „Dann habe ich meinen Doktor in Politologie, und dann müsst ihr mir endlich zuhören, weil ich dann von Amts wegen schon Ahnung habe.“

„Aber in Syke lässt Du Dich doch trotzdem nirgends blicken. Worüber willst Du dann mitreden?“ schallt es aus der Runde.

Das anschwellende Stimmenwirrwarr hat auf den Bürgermeister augenscheinlich eine hoch meditative Wirkung. Immer entrückter wird sein Blick, bis er plötzlich lauthals „Heureka!“ ausruft. „Ich weiß es jetzt, ich hab es!“, ruft er laut. „Ihr müsst mir ein Denkmal setzen!“ Innerlich längst nicht mehr nur in Syke zuhause, kreisen seine Gedanken um Weimar und den intellektuellen Olymp dort: Das Denkmal von Goethe und Schiller. „Zum Olymp gehöre ich doch auch! Also setzt mir ein Denkmal, und die ganze Welt wird nach Syke strömen, um es zu bewundern. Dann nehmen wir Eintritt und sind aller Sorgen ledig!“

Gar fassungslos ist der Bürgermeister über das sich breit machende entsetzte Schweigen.

„Es hört doch jeder nur, was er versteht“, deklamiert er aus der Mitte der Tafel und wendet sich direkt an Goethe und Schiller im Olymp der Dichter und Denker: „Ich sei, gewährt mir die Bitte, in eurem Bunde der Dritte.“

Mit dem nun folgenden Tumult hat der Bürgermeister ganz offensichtlich nicht gerechnet. Neben lauthalsen Verwünschungen aller Art muss er sich sogar mit Kronenkorken und Kerzenstummeln bewerfen lassen. Als sich auch noch die Zimmerdecke über ihn in einen dunkel dräuenden Wolkenhimmel verwandelt, aus dem Blitz und Donner schießen, ist es mit seiner Beherrschung vorbei.

„Was wollt ihr denn alle von mir? Ich hab es doch nur gut gemeint. Warum sind denn alle so böse auf mich?“ Da stürzt der Himmel ein, und das gesamte Gebäude bricht über dem Unglücklichen  zusammen.

Verzweifelt versucht der Bürgermeister, unter der schweren Tischplatte Schutz zu suchen – und wacht schweißgebadet und laut schreiend in seinem Bett auf.

„Oh, Mann! Was für ein Alptraum“, grummelt er und steht auf.

Die Tür geht auf. „Moin Harald“, sagt seine Frau. „Ich hab Dir schon mal ‘n Kaffee gemacht. Hast Du gut geschlafen?“

„Nee, eher nicht. Hab totalen Mist geträumt“, brummelt der. „Die ganze Bande aus dem Rat war wieder mit dabei.“

 „Und was ist passiert?“, fragt Christiane.

Harald kratzt sich die Bartstoppeln. „Weiß ich auch nicht mehr. Stell den Kaffee einfach hin. Ich geh erstmal duschen, ich bin  klitschnass.“

„Ach, der Arme“, denkt seine Frau und stellt das Tablett auf den Nachttisch. „Ist aber auch kein Wunder, dass er in letzter Zeit immer so schlecht schläft“, sagt sie bei sich, als ihr Blick auf Haralds Schlafstätte fällt. „Wenn ich auf all diesem Müll liegen müsste, könnte ich auch kein Auge zutun. Woher kommt bloß immer dieses Zeug in seinem Bett?“, fragt sie sich, als sie von der Matratze ihres Mannes mehrere alte Kronenkorken und einen mittelgroßen Kerzenstummel entfernt…

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