Vier Fachkräfte kümmern sich bisher um Existenz- und Wohnraumsicherung für Menschen am Rande der Gesellschaft

Angst um Netzwerk: Kein Zuschuss mehr?

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Immer eine offene Tür für Menschen in Not: (v.l.) Thomas Blauth, Susanne Gerking, Lilia Dittenbär, Helga Holthaus, Cornelius Peters und Frank Kruse.

Diepholz - Von Anke Seidel. Menschen vor der Obdachlosigkeit bewahren, ihren Wohnraum, Hilfsangebote und vor allem Zuversicht vermitteln: Das ist die Aufgabe von „New“, dem Netzwerk für Existenz- und Wohnraumsicherung. Das war im April 2012 gegründet worden – als erstes dieser Art in Niedersachsen und mit unbestrittener Pilotfunktion. Doch jetzt befürchten die Mitarbeiter, dass „New“ den vierten Geburtstag nicht mehr erleben könnte – nämlich dann, wenn der Landkreis Ende des Jahres seine Finanzierung einstellt.

Diese Möglichkeit habe Kreisrat Markus Pragal den Trägern (Bethel im Norden, Caritasverband und Release) in einem Gespräch angekündigt, berichtet Frank Kruse, zuständig für die Wohnungslosenhilfe in Freistatt (Bethel im Norden). Entscheiden muss allerdings der Kreistag.

Die Mitarbeiter von „New“ würdigten gestern in Diepholz ausdrücklich das offene Gespräch mit dem Kreisrat und können das Handeln des Landkreises, der grundsätzlich nach Einsparmöglichkeiten suchen müsse, durchaus verstehen.

Aber bei der Betreuung der Menschen am Rande der Gesellschaft zu sparen, die durch wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklungen ohnehin immer stärker unter Druck geraten, das halten die Vertreter der Träger-Organisationen und die „New“-Mitarbeiter für falsch, ja für fatal.

Denn sie kümmern sich um Menschen, die oft einen schweren Rucksack als Lebensgepäck tragen: Ohne ausreichenden Wohnraum, ohne ausreichende Existenzsicherung und in Lebensumständen, die von Gewalt geprägt sind – oder aus geschlossener Unterbringung ins Leben entlassen.

„Das sind Menschen, die einfach hoffnungslos überfordert sind“, sagt Frank Kruse. „Wir haben Menschen, die Mietschulden haben, und die gar nicht mehr in der Lage waren, Leistungsanträge zu stellen“, fügt „New“-Mitarbeiterin Susanne Gerking hinzu. Sie weiß: „Manche öffnen nicht mal mehr ihre Post, nach dem Motto: Wenn ich es nicht anschaue, ist es nicht wahr.“ Fakt aber ist, dass allein die Klärung von Energie-Schulden im Callcenter-Zeitalter deutlich schwieriger ist als noch vor zehn Jahren. Viele Betroffene sind schon damit überfordert, wissen die Sozialarbeiter des Netzwerks – und genauso, dass ihre Klienten aus eigener Kraft nur noch selten bezahlbaren Wohnraum finden.

Denn es gibt – nicht nur wegen der Flüchtlingszuwanderung – spürbar zu wenig bezahlbare Wohnungen, warnen die Netzwerker. Vor allem für Einzelpersonen und Großfamilien sei kaum noch eine Bleibe zu finden. Deshalb müssten viele aufs Land ausweichen. Weil es fernab der Städte aber keine öffentlichen Verkehrsmittel gibt, könnten sie weder das Jobcenter noch die Schuldnerberatung oder eine Suchtberatungsstelle erreichen: Ein Teufelskreis.

Um den zu durchbrechen, genügt ein Anruf bei „New“. Flächendeckend kümmern sich im Landkreis vier Vollzeit-Kräfte um die Betroffenen, machen Hausbesuche, klären die Situation und zeigen Auswege.

„Wir haben seit 2012 mehr als tausend Haushalte erreicht“, bilanziert Cornelius Peters, Caritas-Geschäftsführer in Twistringen. 2014 zum Beispiel betreuten die Sozialarbeiter im Altkreis Diepholz 131 Haushalte, hatten 771 Kontakte; im Sulinger Land waren es 77 und 722. Manchen Betroffenen konnten sie kurzfristig helfen, andere brauchten eine langfristige Begleitung.

Sichten, sortieren, erklären und beim Ausfüllen von Anträgen helfen – das gehört zum Alltag der Mitarbeiter.

Immer öfter: „Die Tendenz ist steigend, und wir selbst kommen an unsere Grenzen“, sagt „New“-Mitarbeiter Thomas Blauth. Deshalb müsse das Netzwerk erhalten, wenn nicht sogar ausgeweitet werden, meint seine Kollegin Helga Holthaus.

Allerdings war die Einstellung von „New“ schon vor einem Jahr Thema im Sozialausschuss des Landkreises. Denn anders als beim Start gedacht, hatte das Land dieses Netzwerk nicht zu 100 Prozent finanziert. Im Gegenteil: „Erst nach vielen Gesprächen mit dem Land konnte eine zumindest anteilmäßige Finanzierung des Landes mit 50 Prozent erreicht werden“, erfuhren die Kreispolitiker damals. Aufgrund dieser „Finanzierungsunsicherheiten“ hatte der Kreistag schon 2013 entschieden, „New“ um eine Vollzeitstelle zu reduzieren, aber das Netzwerk erst einmal zu erhalten. 300000 Euro stehen jetzt bis Ende des Jahres zur Verfügung, 150000 Euro davon zahlt das Land.

Schon während der Beratungen im Sozialausschuss 2014 hatte Kreisrat Markus Pragal festgestellt: „Grundsätzlich bleibt festzuhalten, dass ,New‘ in der aktuellen Ausrichtung im Hinblick auf die präventive Wirkung im Sinne einer Reduzierung von stationären beziehungsweise ambulanten Hilfen sowie Obdachloseneinweisungen kritisch zu hinterfragen ist und in nicht unerheblichem Maße Überschneidungen in der Beratungsmaterie mit anderen Beratungsstellen und Einrichtungen bestehen.“

Damals war er beauftragt worden, Gespräche mit den Trägern von „New“ zu führen. Das hat der Kreisrat jetzt getan.

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