Immer mehr „Tiermessies“ 

Verwahrlost, misshandelt, gequält

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Gnadenlos in einen Kaninchenkäfig gesteckt, um Welpen zu produzieren: Chihuahuas in ihrem stinkenden, verdreckten Gefängnis.

Von Anke Seidel · „Sie müssen sich gegenseitig gefressen haben“, vermuten die Tierärztinnen Anja Eisenack, Leiterin des Fachdienstes Veterinärwesen, und ihre Kollegin Jutta Flohr, „sonst wären es noch mehr gewesen“.

So waren es „nur“ 66 Hunde, die sie aus einem Haus in der Samtgemeinde Bruchhausen-Vilsen befreiten. Ein Fall, der Schlagzeilen machte – aber bei weitem kein Einzelfall.

Verwahrlost, misshandelt, gequält: Täglich gehen im Veterinäramt solche Meldungen ein. Tendenz: Extrem steigend. Das Tierschutzteam kann die Fälle kaum mehr bewältigen. „Wir löschen nicht mal mehr das Feuer, wir räumen nur noch den Schutt weg“, erklärt Anja Eisenack auf Anfrage dieser Zeitung. Und das, obwohl für sie und ihre Kollegin Überstunden an der Tagesordnung sind.

Nach unbestätigten Informationen ist eine 70-Stunden-Woche eher die Regel als die Ausnahme – obwohl das Tierschutzteam personell vergleichsweise sehr gut ausgestattet ist: „Wir haben theoretisch viereinhalb Stellen, das ist deutschlandweit Top“, sagen die Tierärztinnen. Trotzdem ist es ihnen unmöglich, jedem Hinweis nachzugehen. Obwohl sie wissen: Die Zahl der Tiermessies steigt auch im Landkreis Diepholz enorm.

500 (!) Meerschweinchen und 200 Kaninchen haben die Tierschützer bei einem „Tierfreund“ entdeckt und sofort gehandelt. Sein Hobby war völlig aus dem Ruder gelaufen. 80 Katzen haben sie aus bestialisch stinkenden Zimmern befreit – genauso wie verwahrloste Hunde, die sich fortpflanzend mit sich selbst multiplizierten: Fälle, die regelmäßig den Alltag im Veterinär amt prägen.

Die „Tierliebe“ der Tiermessies sei immer gepaart mit extremer Verwahrlosung auch der Menschen, so die Erfahrung der Tierärztinnen. „Das hat seinen ganz eigenen Krankheitswert“, sagt Anja Eisenack. Immer wieder holen die Veterinärinnen in solchen Fällen den sozialpsychiatrischen Dienst ins Boot, um auch den Menschen zu helfen. Doch solange die „Tierfreunde“ weder sich selbst noch andere gefährden, sei da nichts zu machen. Sich selbst aus dem Elend befreien könnten sie sich in der Regel nicht. Jutta Flohr: „Die haben nichts mehr zu verlieren, weil sie schon alles verloren haben.“

Völlige Überforderung – das ist nach den Erfahrungen der Tierärztinnen oft der Grund für Tierleid in der Landwirtschaft. Eine Kuh, die sich aus ihren eigenen Exkrementen nicht mehr befreien kann, ein Rind mit schwärenden Wunden, mehr tot als lebendig: Das grausame Ende einer Entwicklung, die oft mit einem menschlichen Schicksalsschlag begonnen hat. „80 Prozent der Betroffenen sind alleinstehende Männer um die 50“, sagt Anja Eisenack, Landwirte, die Eltern oder ihre Frau verloren hätten. Mit Unterstützung von Beratungseinrichtungen könne man ihnen durchaus helfen, weil sie trotz aller Probleme eines hätten für ihre Tiere: Wertschätzung. Genau die vermissen die Tierärztinnen bei anderen mehr als schmerzlich – bei illegalen Züchtern. Jutta Flohr steht der jüngste Einsatz auf diesem Gebiet noch ins Gesicht geschrieben: Hunde, die in völlig verdreckten Kaninchenställen ihr Leben fristen und Nachwuchs produzieren. 16 von ihnen hat sie sofort mitgenommen und ins Tierheim gebracht, für die Haltung freilaufender Tiere strenge Auflagen verfügt. „Die Besitzerin hat sich wahnsinnig aufgeregt“, so Anja Eisenack. Kein Einzelfall: Immer wieder gehen Halter gerichtlich gegen den Landkreis vor, klagen auf Rückgabe der Tiere – der Beginn eines langen Rechtsstreits.

Immer wieder Klagen, immer wieder Veto, auch wenn Fotos die eindeutig tierquälerische Haltung beweisen: „Das ist unheimlich arbeitsintensiv“, sagt Anja Eisenack. Die Tiere in Schutz zu nehmen, das mache maximal 20 Prozent der Arbeit aus. Sage und schreibe 80 Prozent der Arbeitskraft binde die juristische Auseinandersetzung. Deshalb wünscht sich die Veterinäramtsleiterin schnellere Einscheidungen und mehr Gewicht der Fotos als Beweismittel – wie das von dem Hund mit der zugeklebten Schnauze. Jutta Flohr kann es noch immer nicht fassen: Weil das Bellen störte, hatte der Halter seinem vierbeinigen Schützling gnadenlos mehrere Lagen Klebeband um die Schnauze geschnürt. Der Hund hätte ersticken können.

Verwahrloste, verdreckte Tiere in dunklen Verschlägen und mit offenen Wunden – immer wieder solche Einsätze, immer wieder diese Bilder. Unmöglich für die Tierschützer, sie nach Feierabend einfach abzustreifen. „Die krabbeln nachts über die Bettdecke“, gesteht Anja Eisenack. Sie wünscht sich Supervision, damit die Tierschützer an der Front Entlastung bekommen. Viel zu oft würden die Veterinäre massiv bedroht, seien Nachkontrollen nur unter Polizeischutz möglich. Und sie wünscht sich natürlich mehr Unterstützung: „Wir brauchen noch einen Tiergesundheitsaufseher.“

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