Fachdienst Jugend legt erschreckende Zahlen vor: 44 Kinder in Obhut genommen / 74 akut gefährdet

Verwahrlost und missbraucht

Kindeswohlgefährdung: 426 Meldungen gingen 2009 beim Fachdienst Jugend ein.

Landkreis - (sdl) · Verwahrlost, vernachlässigt, missbraucht: Erschreckende Zahlen über unerträgliche Lebenssituationen von Kindern präsentierte Verena Schwartz, stellvertretende Leiterin des Fachdienstes Jugend, am Donnerstag im Jugendhilfeausschuss. 44 Jungen und Mädchen musste der Fachdienst im vergangenen Jahr in Obhut nehmen, sprich vor ihren eigenen Eltern schützen. Akute Gefährdungen stellten die Mitarbeiter des Jugendamtes in 74 Fällen fest, konnten einige aber mit Auflagen und Kontrollen abwenden.

Die Zahl der Hinweise auf Kindeswohlgefährdungen war enorm gestiegen: 426 Meldungen, 27 Prozent mehr als im Vorjahr, waren beim Jugendamt eingegangen. „Die überwiegenden Meldungen kommen aus dem sozialen Umfeld der Familien“, berichtete Verena Schwartz, aber auch Schulen (53), Kindergärten (33), Polizei (37) und Ärzte (18) hatten dem Jugendamt Auffälligkeiten gemeldet.

Gut ein Viertel (28 %) dieser Hinweise hatte keine Folgen: „Es waren keine Maßnahmen erforderlich“, erklärte Verena Schwartz. Bei einem Drittel (32 %) war es schwierig für die Mitarbeiter des Jugendamtes, die Lage zu beurteilen. Diese 181 Fälle, so die stellvertretende Fachdienstleiterin, „mussten erst gründlich fachlich begutachtet werden“, um die Gefährdung abklären zu können.

143 betroffene Familien waren dem Jugendamt noch nicht bekannt – aber fast doppelt so viele (283) hatte es bereits in seinen Akten.

Sprachlos nahmen die Mitglieder des Jugendhilfeausschusses die Fakten zur Kenntnis: 51 Kinder waren körperlich misshandelt worden, 27 psychisch. 59 Jungen und Mädchen fanden die Jugendamtsmitarbeiter verwahrlost vor, 37 weitere emotional verwahrlost. Fünf waren sexuell missbraucht worden. In 85 Fällen stellte das Jugendamt Vernachlässigung fest, in 52 weiteren Fällen spielten andere Gründe eine Rolle.

Insgesamt waren deutlich mehr Mädchen (228 Fälle) betroffen als Jungen (190). Und die Opfer werden offenbar immer jünger: „Es gab einen Anstieg der betroffenen Kinder in der Altersgruppe von null bis drei Jahren und von vier bis sechs Jahren“, erläuterte Verena Schwartz. Angestiegen sei genauso die Zahl der betroffenen Geschwisterkinder, insbesondere im Südkreis.

  Psychosoziale Probleme von Mutter oder Vater – oder sogar beiden – sowie Suchtprobleme, keine oder nur geringe Erziehungskompetenz: Diese Belastungen und Defizite stellte das Jugendamt bei den betroffenen Eltern fest. Aber genauso wachse die Anzahl Alleinerziehender, die ihre Kinder aufgrund von Problemen nach einer Trennung nicht richtig erziehen könnten. Auch die Zahl betroffener Patchwork-Familien nehme zu.

  „Was tun wir jetzt mit diesen Zahlen?!“ Diese Frage stellte sich Günther Borchers (FDP). Er schlug vor, die Arbeit der Familienhebammen auszuweiten sowie Suchtprojekte in den Schulen zu starten. Verena Schwartz war überzeugt, dass Kinder in allen Altersstufen begleitet werden müssten: „Ich würde gern das Hebammen-Projekt ausbauen. Ich würde gern an Schulen was machen. Geben Sie mir nur das Geld. Wir organisieren das dann!“

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