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Vermächtnis eines Visionärs

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Von: Anke Seidel

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Musikalisch begleitet von den „Guys on Drums“ mit ihren exotischen Abflussrohr-Instrumenten
Musikalisch begleitet wird die Veranstaltung von den „Guys on Drums“ mit ihren exotischen Abflussrohr-Instrumenten. © Seidel, Anke

Friedrich Erdmann war seiner Zeit weit voraus. Vor 130 Jahren hat er seine revolutionären Ideen vom Waldbau verwirklicht und einen damals neuartigen Mischwald mit etwa 30 Baumarten geschaffen. Dieser ist heute Waldgebiet des Jahres 2022.

Hohe Auszeichnung für die Erdmannwälder: Der Bund Deutscher Forstleute (BDF) hat diesen Lebensraum zwischen Bassum und Schwaförden als „Waldgebiet des Jahres 2022“ ausgezeichnet. Warum dieser Forst dem Klimawandel trotzen kann und warum sein „Vater“ Friedrich Erdmann ein Visionär war, erläuterten Forst-Funktionsträger vor rund 150 Gästen am Freitag im Neubruchhauser Gasthaus „Zur Post“.

Reise in die Welt des Waldes

Diese Großveranstaltung wird zur informativen und vergnüglichen Reise in die Welt des Waldes, begleitet vom Moderatoren-Team Dirk Strauch (Revierförster) und Kristin Häfemeier (Journalistin). Mammamia: Hits von Abba und Rock-Legenden erklingen zwischen den Ansprachen auf Abwasserrohren. Die „Guys on Drums“ (Dominik Gunz, Christian Dänekas und Pascal Tieke), haben rund 300 Meter davon zu einem Instrument geformt, das 76 Töne in drei Tonlagen erzeugen kann – wenn man es mit Flipflops bearbeitet.

Viel Beifall erhält das Trio für seine exotischen Darbietungen, ebenso die Gastredner für ihre Erkenntnisse zur Bedeutung des Waldes und zur Forderung nach „vernünftigen und verlässlichen Rahmenbedingungen“, wie sie Ulrich Dohle als BDF-Bundesvorsitzender formuliert. Dringend müssten Weichen gestellt werden für klimarelevante Wälder. „Das ist eine Jahrhundertaufgabe“, betont der Bundesvorsitzende, „aber dafür haben wir kein Jahrhundert mehr Zeit“. Bundesweit müssten 500.000 Hektar Fläche wiederbewaldet werden, stellt Dohle fest – und übt deshalb Kritik am Personalabbau, der zu beenden sei: „Ich setze auf die Ein- und Weitsicht der Niedersächsischen Landesregierung!“

Die Referenten stellen klar: Oberförster Friedrich Erdmann hat es vor 130 Jahren mit Überzeugungs- und Durchsetzungskraft geschafft, seine revolutionären Ideen vom Waldbau zu verwirklichen – sprich einen damals neuartigen Mischwald mit etwa 30 Baumarten zu schaffen, der heute Vorbildcharakter hat.

„Mit wachen Augen und wachen Sinnen“

Damals müsse er „mit wachen Augen und wachen Sinnen“ seinen Wald beobachtet haben, schlussfolgert Dirk Schäfer, BDF-Landesvorsitzender, weil es damals kein mobiles Telefon, keinen mobilen PC und keine Dienstfahrzeuge gegeben habe. Schäfer wünscht sich, dass die heute Verantwortlichen im Sinne Erdmanns entscheiden: „Wir können das, wenn man uns lässt. Wir Forstleute haben eine Leidenschaft für den Wald.“

Als Staatssekretär im Landwirtschaftsministerium würdigt Professor Ludwig Theuvsen das „Vermächtnis eines weitsichtigen Försters“ und ist überzeugt: „Mischwälder nach Erdmann sind das Erfolgsrezept im Klimawandel.“ 24 Prozent der Landesfläche Niedersachsens, 1,1 Millionen Hektar, seien mit Wald bedeckt – davon aber 60. 000 Hektar Schadflächen.

Landrat Cord Bockhop, per Video zugeschaltet, kann für den Landkreis Diepholz nur 9  Prozent Waldfläche nennen. Dafür gebe es viel Moor. Bockhop zitiert seinen Vor-Vorgänger, Oberkreisdirektor Hans-Michael Heise: „Der Landkreis Diepholz ist ein waldarmer Landkreis, was wegen der vielen Bäume aber nicht so auffällt.“ Denn Straßenbäume und Alleen gibt es viele in diesem Kreis. Zugeschaltet ist außerdem der nach eigenen Angaben „einzige Förster im Bundestag“, Dr. Christoph Hoffmann.

Waldzwerge kommen groß raus

Ganz groß raus kommen sodann die Waldzwerge vom Syker Waldkindergarten in einem Film von Vera Henze und Angelika Gremm: Mit allen Sinnen spüren die Kinder dem vielfältigen Leben im Wald nach – ein Lebensraum, den Friedrich Erdmann vor 130 Jahren zu seiner Lebensaufgabe machte. Seinen Lebensweg reflektiert Revierförster Uwe Niedergesäss (Bruchhausen-Vilsen) mit historischen Fotos und einer kräftigen Prise Humor.

Warum die Erdmannwälder einen so bedeutenden Wert haben, erklären in einer lockeren Gesprächsrunde Peter Braunert (ehemaliger Revierleiter Erdmannwald), Dr. Hans-Martin Hauskeller (Niedersächsischer Landesforstverband), Carolin Kemper (Forstreferendarin) und Henning Schmidtke – letztmalig als Leiter des Forstamts Nienburg, denn er startet am Montag als Referatsleiter im Landwirtschaftsministerium. Neuer Forstamstleiter ist Hendrik Plate. An engagierten Nachwuchskräften mangelt es nicht, wie ein Kurzinterview mit den Auszubildenden Felix Gessner und Inka Peglow beweist.

Naturraum, Rohstoff-Lieferant, Forum für Erholung, Sport, Spaziergänge und Radtouren sowie Lebensraum für Nutztiere und mehr: Wie vielfältig der Wald genutzt wird, beweisen die Darstellungen von Jan Kanzelmeier (Stiftung Naturschutz), Bernd Schmitting (Lohnunternehmer), Kerstin Geier (Försterin für Waldökologie), Gerda Lüdeke (Gästeführerin), Alexander Roclawski (Galloway-Züchter) und Hans-Hermann Schrader (Heimatverein Neubruchhausen).

Letzterer präsentiert zur Überraschung aller eine Foto-Figur von Friedrich Erdmann in Lebensgröße – passend zur feierlichen Übergabe der BDF-Auszeichnung, die sich an die Präsentation des Imagefilms „Erdmannwälder – so geht Vielfalt“ anschließt. Das letzte Wort hat schließlich Dr. Klaus Merker, Präsident der niedersächsischen Landesforsten.

Rund 150 Gäste verfolgen im Neubruchhauser Gasthaus „Zur Post“ die Ansprachen zur Bedeutung und zur Zukunft des Waldes – musikalisch begleitet von den „Guys on Drums“ mit ihren exotischen Abflussrohr-Instrumenten.
Rund 150 Gäste verfolgen im Neubruchhauser Gasthaus „Zur Post“ die Ansprachen zur Bedeutung und zur Zukunft des Waldes – musikalisch begleitet von den „Guys on Drums“ mit ihren exotischen Abflussrohr-Instrumenten. © Anke Seidel
Die Preisverleihung „Waldgebiet des Jahres“ übernimmt BDF-Bundesvorsitzender Ulrich Dohle (Mitte, in grüner Jacke) im Beisein der Mitarbeiter des Forstamts Nienburg. Blickfang auf der Bühne rechts: die lebensgroße
Die Preisverleihung „Waldgebiet des Jahres“ übernimmt BDF-Bundesvorsitzender Ulrich Dohle (Mitte, in grüner Jacke). Blickfang auf der Bühne rechts: die lebensgroße © -Figur des legendären Friedrich Erdmann. Foto: Anke Seidel

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