Untreue im Landvolk: Rund zehn Millionen Euro auf dem Prüfstand

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Lothar Lampe, ehemaliger Vorsitzender des Landvolkverbands Grafschaft Diepholz.

Gr. Lessen - Von Anke Seidel. Immer mehr belastende Indizien gegen den ehemaligen Vorsitzenden Lothar Lampe und weitere ehemalige Mitarbeiter kommen im Landvolk-Verband Grafschaft Diepholz ans Tageslicht. Strittig sind demnach weit mehr als nur 2,4 Millionen Euro:

„Wir prüfen weitere Ansprüche, die sich in ähnlicher Höhe bewegen oder womöglich noch höher sind“, so André Große Vorholt, Fachanwalt für Wirtschafts- und Steuerstrafrecht, während einer Pressekonferenz. Nach internen Informationen von Landvolk-Mitgliedern summieren sich neue strittige Beträge auf acht Millionen Euro oder mehr – unter dem Strich geht es also um mehr als zehn Millionen Euro, wobei 1,23 Millionen bereits zurückgezahlt worden sind.

Die Pressekonferenz im Gasthaus Husmann in Groß Lessen schloss sich an die interne Kreisverbandsversammlung mit rund 250 Teilnehmern an. Knapp vier Stunden hatten der Jurist und Mitglieder des Vorstands darin den Ortsvertrauensleuten und ihren Stellvertretern die Sachlage des komplexen Verfahrens erläutert.

Laut den internen Informationen im Fokus: Geschäftliche Beziehungen zwischen der Landvolk-Dienstleistungsgesellschaft (damals alleiniger Geschäftsführer: Lothar Lampe), der Landvolk-Betriebsgesellschaft sowie dem Partner-Unternehmen Westwind und zwei weiteren Firmen. Demnach spielten auch familiäre Beziehungen eine Rolle.

In der Pressekonferenz sprach der Fachanwalt von Indizien für eine „Untreue, die sich gewaschen hat“. Zahlen jedoch nannten weder Große Vorholt noch Landvolk-Vorsitzender Theo Runge oder sein Stellvertreter Jochen Meyer. Nur soviel ließ der Anwalt wissen: Es habe Zuwendungen gegeben, „die für uns wirtschaftlich nicht erklärbar sind“.

Über drei Teilklagen versucht der Landvolk-Verband zurzeit, die strittigen Summen zurückzubekommen. Wobei die Verjährungsfrist bei fünf Jahren liege, betonte der Anwalt.

Alle Verdachtsmomente seien zu den Akten gebracht und lägen der Staatsanwaltschaft in Kopie vor. Herrin des strafrechtlichen Verfahrens sei jedoch die Staatsanwaltschaft in Stade.

Wie bereits berichtet, ermittelt sie gegen den ehemaligen Vorsitzenden Lothar Lampe, den ehemaligen Geschäftsführer Wilhelm Bergmann sowie den ehemaligen Buchstellenleiter und Steuerberater Johann-Lüken Gerdes.

Einer der Beschuldigten, so hieß es während der Pressekonferenz, habe mittlerweile erklären lassen, dass alles ordnungsgemäß gelaufen sei. „Wenn das das Beste ist, was die Verteidigung zu bieten hat, dann werden wir eine signifikante Klage erheben“, kündigte Große Vorholt an.

Die Zahlen, die in der internen Verbandsversammlung genannt worden waren, ließen einigen Teilnehmern offenbar den Atem stocken. Sie errechneten einen Betrag von mindestens acht Millionen Euro aus verschiedensten Positionen, die Fachleute jetzt kritisch hinterfragen.

Wie aus diesem Teilnehmerkreis zu hören war, geht es um mindestens fünf Transaktionen. Darunter 1,83 Millionen Euro, die aus dem Topf der Landvolk-Dienstleistungsgesellschaft (verteilt über Jahre) in unterschiedlichen Summen an den ehemaligen Geschäftsführer, den ehemaligen Buchstellenleiter sowie seine Ehefrau und den ehemaligen Vorsitzenden gezahlt worden waren. Letzterer hatte offenbar den geringsten Betrag erhalten. Außerdem geht es um ein „Beraterhonorar“ in Höhe von 2,4 Millionen Euro, das die Firma Westwind dem ehemaligen Vorsitzenden gezahlt hatte.

Ebenso in der Kritik: Ein „Verlust“ von 800 000 Euro beim Bau eines Windparks mit zwei Anlagen. Demnach hatte die Landvolk-Dienstleistungsgesellschaft die beiden Anlagen für jeweils 2,85 Millionen Euro gekauft und sie für nur 2,45 Millionen Euro an die Landvolk-Betriebsgesellschaft verkauft – mit jeweils 400 000 Euro steuerlich relevantem Verlust.

Darüber hinaus prüfen Fachleute, warum Westwind einer Firma mit familiären Beziehungen zum ehemaligen Vorsitzenden insgesamt 2,9 Millionen Euro gezahlt hat – und ob Landvolk-Anteile an einem Windpark möglicherweise weit unter Preis an eine Firma verkauft wurden, an der auch der ehemalige Vorsitzende beteiligt war. Schließlich versuchen Experten zu ermitteln, warum in einer – mittlerweile aufgehobenen – Rahmenvereinbarung mit Westwind ein Gewinnaufschlag von 13 Prozent zugunsten des Unternehmens festgeschrieben wurde.

In der Kreisverbandsversammlung diskutierten die Ortsvertrauensleute und ihre Stellvertreter das weitere Vorgehen in diesem Fall – und gaben dem Vorstand mit Theo Runge an der Spitze volle Rückendeckung, nachdem er die Vertrauensfrage gestellt hatte. Laut Landvolk-Pressesprecherin Birte Brackmann hatte Runge 194 von 200 gültigen Stimmen erhalten. Zwei Mitglieder hatten mit Nein gestimmt, vier Enthaltung geübt.

Das entspricht einer Zustimmung von 97 Prozent aller Stimmberechtigten.

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