Brigitta Wortmann lebt Märchen: Seit 14 Jahren ausgebildete Botschafterin für Geschichten voller Lebensweisheit

„Und wenn sie nicht gestorben sind...“

Erzählt für ihr Leben gern Märchen: Brigitta Wortmann. ·
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Erzählt für ihr Leben gern Märchen: Brigitta Wortmann. ·

Von Anke SeidelBASSUM-ESCHENHAUSEN · Brigitta Wortmann lebt wie im Märchen – und das im Wortsinn. Denn sie hat ihre Leidenschaft für die magischen Geschichten von tragischen Helden und schönen Prinzessinnen zu ihrer Profession gemacht. Die 42-Jährige ist Märchenerzählerin und begeistert Kinder genauso wie Erwachsene mit Geschichten aus aller Welt – mit Märchen, die unsterblich sind.

Perlende Harfenklänge bilden die Brücke, die in die Welt vom Wolf und den sieben Geißlein führt. Denn die Harfe gehört ganz fest zum Ritual der Märchenerzählerin. Sie bildet den Auftakt zur Märchenstunde und setzt die Zäsuren zwischen den zwei, drei oder gar vier Märchen, die Brigitta Wortmann dann erzählt.

Ob aus Deutschland, aus Russland oder dem Orient, ob aus der keltischen oder indianischen Tradition – eines haben sie alle gemeinsam: Es sind Geschichten, die Menschen von Generation zu Generation mit einer kräftigen Portion Lebensweisheit weitergegeben und immer wieder verändert haben. „Allein von Aschenputtel gibt es 700 verschiedene Varianten in Europa“, sagt Brigitta Wortmann.

Sie muss es wissen, denn sie hat sich vor 14 Jahren systematisch zur Märchenerzählerin ausbilden lassen. Dabei ist sie ein Jahr lang den Märchen in ganz Deutschland hinterher gereist. Die Mutter zweier erwachsener Söhne ist außerdem Mitglied in der Europäischen Märchengesellschaft.

„In Märchen steckt ganz viel Weisheit. Das ist Lebenserfahrung pur“, lautet ihre felsenfeste Überzeugung – und: „Alle Märchen haben eine psychologische Botschaft.“ Denn immer sei es ein Außenseiter – der Jüngste, die Dümmste, der Tollpatschigste – der nach abenteuerlichen und leidvollen Erlebnissen am Ende den Sieg davontrage. Mit anderen Worten: Belohnt wird, wer sich trotz seiner scheinbaren Andersartigkeit treu bleibt und

sich mutig auf den Weg macht, auch wenn der voller Gefahren steckt. Wenn es brenzlig wird, ist im Märchen stets Hilfe zur Stelle. Nicht umsonst könnten Bäume und Tiere im Märchen sprechen, erläutert Brigitta Wortmann. „Märchen können innere Konflikte klären“, sagt die 42-Jährige und erklärt, wie Aschenputtel bei Geschwisterrivalität helfen kann. „Die subjektive Wahrnehmung der Geschwisterkinder ist: Der andere kriegt mehr als ich.“ Ein Kind mit solchen Gefühlen könne sich sehr gut mit Aschenputtel 

identifizieren und erleben, wie es – allen Benachteiligungen zum Trotz – am Ende den Prinzen gewinnt und glücklich wird. Festgestellt hat die Märchenerzählerin übrigens, dass sich ganz besonders ältere Geschwisterkinder zu Aschenputtel hingezogen fühlen. „Das Schöne an den europäischen Märchen ist, dass sie immer gut ausgehen“, sagt die 42-Jährige. Den klassischen Schlusssatz „Und wenn sie nicht gestorben sind

...“ beenden bei ihren Gastspielen immer wieder begeisterte Zuhörer selbst: „...dann leben sie noch heute.“ Rotkäppchen, der Wolf und die sieben Geisslein sind in vielen Kinderzimmern so lebendig wie eh und je, weiß die Märchenerzählerin aus ihren Begegnungen mit jungen Zuhörern. Aber sie trifft auch immer wieder Jungen und Mädchen, die noch nie etwas von diesen Jahrhunderte alten Märchengestalten gehört haben. Brigitta Wortmann: „Diese Schere klafft immer weiter auseinander.“ Natürlich kennt die ausgebildete Erzählerin Vorbehalte gegen die Grausamkeit der Märchen: „Ja, sie sind brutal. Aber die Grausamkeit wird niemals ausgewalzt.“ Sie sei Symbol für den Tod und für das Böse, also für die dunkle Seite des Lebens.

„Kinder können sich mit dem Bösen identifizieren, weil sie selbst manchmal ,böse‘ Gedanken haben“, erklärt Brigitta

Wortmann den psychologischen Effekt. Im Märchen behalte das Böse zwar für einige Zeit die Oberhand, aber niemals für immer. Kindern brauche man Märchen deshalb nicht zu erklären: „Sie helfen ihnen, ihre positiven und ihre negativen Gefühle zu verstehen.“ Und sie wirken ganz offensichtlich auch beruhigend und entspannend auf Menschen, die unter schwerer Demenz leiden. Diese Erfahrung hat die Märchenerzählerin bei einem Gastspiel in einem Pflegeheim gemacht.

„Es ist jedesmal anders und es ist jedesmal ein Erlebnis“, beschreibt sie ihre eigenen Gefühle bei ihren Auftritten vor ganz unterschiedlichem Publikum. Ihre „Hauptsaison“ reicht von November bis Ende des Jahres. Täglich ist die Geschichtenerzählerin dann unterwegs in Kindergärten oder auf Adventsfeiern. An Weihnachten bekommt sie selbst Jahr für Jahr Besuch von einer märchenhaften Gestalt, und zwar über das Fernsehen: Der Film „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ (ein Märchen der tschechischen Schriftstellerin Bozena Nemcova) gehört im Hause Wortmann ganz fest zum Fest.

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