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Unbekannte sprengen Geldautomat in Stuhr-Seckenhausen

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Von: Sigi Schritt, Marc Lentvogt

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Die Wucht der Explosion hat Wände, Scheiben und Türen des Volksbank-Pavillons teils meterweit bis zur Bundesstraße fliegen lassen.
Die Wucht der Explosion hat Wände, Scheiben und Türen des Volksbank-Pavillons teils meterweit bis zur Bundesstraße fliegen lassen. © Sigi Schritt

1.25 Uhr. Zwei laute Explosionen lassen die Bewohner von Stuhr-Seckenhausen aus dem Schlaf schrecken. Unbekannte Täter, laut Zeugenaussagen zwei Männer, haben einen Geldautomaten der Volksbank im dort aufgestellten Pavillon an der B 51 gesprengt. Das Ausmaß des Schadens ist immens.

Stuhr – Der Anblick des zerstörten Geldautomaten-Pavillons schockiert die Passanten, die den angrenzenden Obst- und Gemüsestand am Donnerstagmittag ansteuern. Dass die Explosion sehr viel Energie freigesetzt hat, lässt sich anhand der Trümmerlandschaft erahnen. So ist beispielsweise die rückwärtige Metalltür nicht nur verbogen, sondern wurde komplett aus ihrer Verankerung gerissen. Der Wucht der Explosion hatten die Scheiben und der Eingangsbereich nichts entgegenzusetzen: Die zerstörten Bauteile liegen nun zusammengekehrt vor dem Pavillon. Ein Flatterband mit der Aufschrift „Polizeiabsperrung” weht im Wind und soll den Zugang verwehren.

„Wie im Krieg“

Am Obst- und Gemüsestand war die Sprengung des Geldautomaten Tagesgespräch und rückte Themen wie Tankrabatt und gestiegene Lebensmittelpreise in den Hintergrund. Viele Kunden kommentierten das Bild der Zerstörung, sagt die Standverkäuferin. Ein älterer Kunde, der ebenfalls nicht genannt werden will, sagt, dass es aussieht wie im Krieg. Das ganze Gebäude ist beschädigt, an allen Seiten sind Bauteile abgefallen. Er glaubt nicht, dass es wieder aufgebaut wird.

Einen fehlenden Geldautomaten an dieser Stelle würden die Kunden vermissen, sagt die Verkäuferin. Er würde ganz gut frequentiert. Wer diesen Seckenhauser Parkplatz an der B 51 anfährt, kauft nicht nur bei der Fleischerei Guder oder bei der Bäckerei Hansemann ein, sondern hebt auch Geld ab.

Das gesamte Schadensausmaß ist derzeit noch nicht zu beziffern.
Das gesamte Schadensausmaß ist derzeit noch nicht zu beziffern. © Sigi Schritt

Ob die Täter selbiges erbeutet haben, stand am Donnerstag noch nicht fest. Sofort nach der Tat seien sie mit hoher Geschwindigkeit in ihrem Auto in Richtung Autobahn geflüchtet. Ehe die Ermittlungen beginnen konnten, untersuchten Spezialisten des Landeskriminalamtes (LKA) den Tatort auf Sprengstoffrückstände.

Der Tendenz nach könnte in Niedersachsen 2022 ein neuer Höchstwert an Geldautomatensprengungen erreicht werden. Der aktuelle Rekord wurde 2021 (55 Vorfälle) aufgestellt. Antje Heilmann, LKA-Pressesprecherin, erklärt auf Kreiszeitungs-Nachfrage, dass inklusive des Falles in Seckenhausen in diesem Jahr bereits 34 Taten registriert worden sind.

Großteil der Täter aus niederländisch-marokkanischen Gruppierungen

Dabei lasse sich, insbesondere seit Sommer 2020 feststellen, dass sich das Tatmuster verändert – weg vom Gas, hin zum Festsprengstoff. In beiden Fällen könnten die Täter die Sprengungen nicht kontrollieren, betont das LKA. „Schon die Verwendung von entzündlichen Gasen führt regelmäßig zu gravierenden Gebäudeschäden, Sachschäden und Gefährdung von unbeteiligten Personen“, erklärt Heilmann. Festsprengstoffe seien zu noch größeren Gebäudeschäden fähig. Damit „steigen auch die Gefahren für Unbeteiligte“, so Heilmann.

Eine genaue Aufklärungsquote für Geldautomatensprengungen lässt sich für 2021 und 2022 noch nicht nennen, führt die Pressesprecherin aus. Das liege daran, dass in diversen Fällen noch geprüft werde, ob Tatverdächtige aus anderen Bundesländern einen Bezug zu niedersächsischen Taten haben könnten. Fest stehe aktuell, dass 2021 und 2022 bislang 22 unterschiedliche Tatverdächtige in Niedersachsen ermittelt wurden. Das Landeskriminalamt rechne 60 bis 80 Prozent der Taten „niederländisch-marokkanischen Gruppierungen aus dem Bereich Utrecht/Amsterdam“ zu. Sie würden mit hochmotorisierten Fahrzeugen nach Deutschland kommen und nach der Tat wieder in die Niederlande reisen. Die Gruppen seien hochprofessionell und schließen ihre Taten innerhalb weniger Minuten ab. Weitere relevante Tätergruppierungen verorte das LKA im osteuropäischen Raum, teils handele es sich um Gruppen gemischter Herkunft.

Eine dritte Gruppe, die sich beobachten lasse, seien die Nachahmungstäter. „Hier ist die Erfolgsquote deutlich geringer, wobei die Schäden ungeachtet dessen immens sein können“, betont Antje Heilmann.

Volksbank: „Das Schadensausmaß erschreckt uns sehr“

Seit Jahren schon beschäftigen sich Landespolizei, Landeskriminalamt sowie die Betreiber der Geldautomaten mit der Frage, wie entsprechende Taten verhindert werden können. Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft hat gemeinsam mit der Polizei Empfehlungen dazu erstellt. Diese sind aber nicht verpflichtend, sondern Ansatzpunkte, die Betreiber für jeden Einzelfall mit seinen Besonderheiten heranziehen können. Darunter befinden sich Hinweise wie eine Minimierung der Bargeldbestände, der Austausch der Geräte, zusätzliche Alarmsicherungen mit Videoübertragung zu dauerhaft besetzten Einsatzzentralen oder auch der Abbau der Automaten an exponierten Stellen.

Kommt das für die Volksbank in Seckenhausen in Frage, wie es der Kunde des Gemüsestandes befürchtet? Knappe zwölf Stunden nach der Tat kommt diese Frage zu früh, sagt Marc Tetzlaff, Bereichsleiter Vertriebsmanagement bei der Volksbank Syke. „Wir müssen unseren Schock erst mal verarbeiten“, fügt er hinzu. „Das Schadensausmaß erschreckt uns sehr.“ Automatensprengungen habe die Volksbank in der Vergangenheit leider schon erleben müssen, dieses Mal sei es aber anders.

Diesem Eindruck kann sich auch Polizei-Pressesprecher Thomas Gissing nicht ganz verwehren: „Wenn eine Panzerglasscheibe 15 Meter auf den Radweg fliegt, da war Wucht hinter, das war schon heftig“, schildert er seinen Eindruck aus der Nacht. Am Donnerstag war Marc Tetzlaff und der Volksbank daher eines besonders wichtig: Der Dank an „alle höheren Mächte“, dass niemandem etwas passiert ist.

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