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DRK rät von privaten Hilfstransporten ab: Lage in der Ukraine nicht überschaubar

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Von: Anika Seebacher, Sigi Schritt, Marc Lentvogt

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Deutsches Rotes Kreuz schickt Hilfstransport nach Polen
Das DRK Berlin verlädt Hilfsgüter für die Ukraine. © Rolf Zoellner/epd

Allein aufgrund der Sicherheitslage rät das Deutsche Rote Kreuz derzeit absolut davon ab, in die Ukraine zu reisen. Auch wenn es „schwer zu ertragen“ sei und man unbedingt helfen möchte, sei das aktuell kein guter Weg, betont Verbandsreferentin Theres Mattke auf Nachfrage. Zwei junge Männer aus dem Landkreis wagen es trotzdem.

Landkreis Diepholz – Das Deutsche Rote Kreuz weitet angesichts des Kriegs in der Ukraine seine Unterstützung für das Ukrainische Rote Kreuz aus. Dort und in den Nachbarländern, in die viele Menschen fliehen, verschärfe sich die humanitäre Situation drastisch, schreibt das DRK in einer Pressemitteilung. Gleichzeitig folgen viele Privatpersonen Aufrufen, Hilfe zu leisten und nicht nur zuzuschauen. Für die kommenden Tage haben gleich mehrere Personen und Vereine angekündigt, mit Hilfsgütern aufbrechen zu wollen, um der ukrainischen Bevölkerung zu helfen. Genau das sei aber in diesem Moment nicht der beste Weg zu helfen, betont das DRK.

„Niemand sollte sich selbst in Gefahr bringen“

Allein aufgrund der Sicherheitslage rate das Deutsche Rote Kreuz derzeit absolut davon ab, in die Ukraine zu reisen. Auch wenn es „schwer zu ertragen“ sei und man unbedingt helfen möchte, sei das aktuell kein guter Weg, betont Verbandsreferentin Theres Mattke auf Nachfrage.

Es müsse in dieser Situation ganz deutlich gesehen werden: Es handele sich nicht um einen Einsatz, bei dem es in ein Friedensgebiet gehe und offensichtlich ist, dass es beispielsweise an Kleidung fehle. Niemand sollte „sich selbst in Gefahr bringen“, appelliert Theres Mattke. „Wir haben eine Lage, die überhaupt nicht überschaubar ist“, blickt sie auf die Situation. Wer das aber sagen könnte, das seien die etablierten Strukturen vor Ort, beispielsweise das Ukrainische Rote Kreuz. Diese seien in der jetzigen Situation „schon überlastet“. Sieht es sich nun mit gut gemeinter, aber nicht abgesprochener Unterstützung konfrontiert, könnte die helfende Einzelperson diese Situation noch verschlimmern, oder beispielsweise an eine Stelle kommen, an der es keinen Platz gibt, die mitgebrachten Hilfsgüter einzulagern.

„Die Hilfsbereitschaft ist enorm groß, das ist super“, sagt Theres Mattke und fügt an: „Die Hilfe werden wir bestimmt irgendwann in Anspruch nehmen.“ Aber eben nicht in diesem Moment.

Enge Abstimmung mit dem Internationalen Komitee vom Roten Kreuz

Um zu verdeutlichen, wie Hilfe grad am wahrscheinlichsten aussehen kann, führt die Verbandsreferentin ein fiktives Beispiel an: Würde das Ukrainische Rote Kreuz feststellen, es brauche 300 Feldbetten, es könnte an die Nachbarverbände herantreten, die sofort nachschauen, ob diese auf Lager sind und sie gezielt liefern. Hilfstransporte decken hingegen häufig ein breites Spektrum ab, führen beispielsweise Kinderkleidung mit. Aber „die Einzelperson weiß gar nicht, was gebraucht wird. Eventuell sind dort genug Kleider eingelagert“.

Auch das DRK im Kreisverband Diepholz gehe keinen eigenen Weg, sondern folge dem, was die föderalen Strukturen vorgeben. Grundlegend bedeute dies derzeit eine enge Abstimmung mit dem Internationalen Komitee vom Roten Kreuz (IKRK), dem Ukrainischen Roten Kreuz und dem Polnischen Roten Kreuz.

Horst Wiesch
Horst Wiesch rät für das DRK in der derzeitigen Situation dringend von unabgestimmten Hilfslieferungen ab. © Privat

Aktuelles Ziel: Errichtung eines Logistikhubs in Polen

Aktuelles Ziel sei die Einrichtung eines Logistikhubs in Polen, der es erlaubt sowohl dort, aber auch alsbald möglich in der Ukraine direkt durch abgestimmte Hilfslieferungen zu unterstützen. Zu den Schwestergesellschaften in Rumänien und der Slowakei laufen ebenfalls Bedarfsabfragen. „Auch das DRK im Landkreis Diepholz bereitet sich auf mögliche Hilfsmaßnahmen für die Bevölkerung in der Ukraine sowie Menschen auf der Flucht vor. In den letzten Tagen haben sich bereits vermehrt Einsatzkräfte aus dem Kreisverband gemeldet“, erklärt Horst Wiesch, Präsident des Diepholzer DRK-Kreisverbands.

Gorden Reichmacher möchte privat am Donnerstag mit Hilfsgütern zur polnisch-ukrainischen Grenze fahren.
Gorden Reichmacher möchte privat am Donnerstag mit Hilfsgütern zur polnisch-ukrainischen Grenze fahren. © Sigi Schritt

Drauf warten, helfen zu können, will Gorden Reichmacher (47) nicht. Der selbstständige Kaufmann aus Sudweyhe hörte wie viele TV-Zuschauer die Hilferufe aus der Ukraine, die zum Handeln auffordern. Er beschloss, mit seinem Freund Hajo Priebe (71) aus Kirchweyhe an die polnisch-ukrainische Grenze zu fahren. Seit seiner Schulzeit in der KGS Leeste engagiert sich Gordon Reichmacher für soziale Projekte. Er will an der polnisch-ukrainischen Grenze speziell Müttern und ihren Babys helfen, sagt er am Dienstag gegenüber dieser Zeitung. „Ich möchte die Sachen persönlich übergeben, aber auch Menschen, die nach Deutschland möchten, eine Mitfahrt anbieten.“ Los geht es in der Nacht von Donnerstag auf Freitag. Bis Montag wollen beide wieder zurück sein. Sie bitten um folgende Sachspenden: Babynahrung, Windeln für Säuglinge, Feuchttücher, Wund- und Heilsalbe, Nuckelflaschen, Schnuller und Winterbekleidung in den Größen von 62 bis 98. Die Abgabe erfolgt am Mittwoch zwischen 15 und 18 Uhr in Melchiorshausen an der Syker Straße 30 (B 6, gegenüber der Bäckerei Larisch).

Außerdem hat der Weyher ein Spendenkonto eingerichtet. „Es war ein altes Baukonto, das ich auf Null gesetzt habe. Wir bitten um Benzingeld, das rund 400 Euro beträgt. Sollte der Spendenbetrag überschritten werden, kaufen wir Baby-Sachen ein”, kündigt er an. Wer Kontakt aufnehmen will, kann dies über Facebook tun. Seine Handy-Nummer lautet 01522 / 2585531.

Christian Krüger aus Bassum plant, am Freitag mit Hilfsgütern Richtung Ukraine aufzubrechen, und ist noch auf der Suche nach Unterstützung.
Christian Krüger aus Bassum plant, am Freitag mit Hilfsgütern Richtung Ukraine aufzubrechen, und ist noch auf der Suche nach Unterstützung. © Seebacher

Nachdem er seine Schockstarre angesichts der Szenen im Fernsehen überwunden hatte, beschloss auch Christian Krüger, tätig zu werden. Der 23-jährige Student aus Bassum will am Freitag in Richtung ukrainische Grenze aufbrechen. „Ich kann meine Zeit und Anwesenheit spenden“, sagt er. Die rund elfstündige Fahrt mit Auto und Transporter hat Krüger eigener Aussage nach mit der Kommune, dem Landkreis und Hilfsorganisationen abgesprochen. Zudem steht er im Kontakt mit einer Firma aus Ganderkesee, die Hilfstransporte organisiert, um so die Aktion zu koordinieren. „Denn einfach loszufahren, ist kontraproduktiv“, weiß der Student, der Transparenz verspricht. Über einen Instagram-Kanal will er die Spender „live mitnehmen“.

Wer Sachgüter wie Pampers, Coronatests, Lebensmittelkonserven und Taschenlampen abgeben möchte, kann sich per E-Mail an Krüger wenden (hilfderukraine@ web.de). Die Güter müssen bis Freitagmittag angeliefert sein. „Vielleicht gibt es noch eine zweite Fahrt“, wiegt er ab. Das müsse die Situation zeigen. Angst habe er nicht, in die Region zu fahren. „Ich gebe nur das, was ich mir in dieser Situation wünschen würde: Hilfe für die Familie.“ Der Student wendet sich zudem an Firmen und bittet darum, die Aktion mit ihrem Fuhrpark zu unterstützen. „Wer die Möglichkeit hat“, erklärt Krüger, „hilft auch mit Platz bei der Sammlung der Hilfsgüter“.  ml/sie/see

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Das Deutsche Rote Kreuz informiert über Bedarfe und Spendenmöglichkeiten auf www.drk-diepholz.drk.de. Unternehmen können sich zwecks Spende oder Kooperation per E-Mail an unternehmen@drk.de wenden.

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