Zwei Allgemeinmediziner wollen aufhören / Stadt und KVN schlagen Alarm

„Ärztlich willkommen“ in Twistringen

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„Ärztlich willkommen“ steht auf dem Transparent am Twistringer Rathaus. Martin Schlake, Michael Schmitz und Mirjam Marggraff (v.l.) schlagen Alarm: Die Versorgungsquote droht von 92 auf 70 Prozent zu sinken.

Twistringen - Von Theo Wilke. Neun Allgemeinmediziner (Hausärzte), sechs Fachärzte und vier Psychotherapeuten versorgen zurzeit fast 12600 Menschen im Twistringer Raum – unterm Strich zu 92 Prozent. Zwei ältere Ärzte wollen aufhören. Eine junge Ärztin soll zwar nachfolgen. Aber Bürgermeister Martin Schlake und die Kassenärztliche Vereinigung Niedersachsen (KVN) schlagen Alarm: Twistringen droht ein erschreckender Ärztemangel.

„Wir springen auf den Zug auf“, betont Bürgermeister Schlake am Freitagmorgen. Und damit meint er die Werbekampagne „Ärztlich willkommen – Mitte Niedersachsen“. Ein großes Transparent hängt vor dem Rathaus an der B51. Schlake wird noch weitere platzieren lassen. Der Fokus sei jetzt deutlich auf die hausärztliche Versorgung gerichtet. „Ich bin in Gesprächen mit unseren Ärzten. Im Oktober werde ich erfahren, welche Ärzte aufhören möchten“, schildert der Bürgermeister.

In seinem Büro sitzen Michael Schmitz aus Verden, Geschäftsführer der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen, und seine Kollegin Mirjam Marggraff. Die beiden erklären den Hintergrund: Insgesamt 26 Kommunen in den Landkreisen Diepholz, Nienburg und Verden beteiligen sich an der vor einer Woche gestarteten Aktion. In erster Linie geht es um Präventionsarbeit.

„Wir wollen zunächst auf die Problematik des Ärztemangels auf dem Lande aufmerksam machen“, sagt Schmitz. Im zweiten Schritt gehe es um die Frage, was „wir für Ärzte tun können, die aufs Land möchten“. Und was sie für Wünsche haben. Präventionsarbeit wolle man leisten.

In der Region Syke-Bassum-Twistringen liege der Versorgungsgrad augenblicklich noch bei 98 Prozent, weist Mirjam Marggraff auf den Bedarfsplan der Bezirksstelle Verden hin. Und der macht deutlich: In den kommenden fünf Jahren könnte die Ärzteversorgung in Twistringen auf 70 Prozent sinken. „Wir sprechen schon bei 75 Prozent von einer Unterversorgung“, erklärt Michael Schmitz. Angesichts der Altersstruktur seien die Zukunftsaussichten auch für den Twistringer Raum problematisch.

Der KVN-Geschäftsführer weiß schon länger, dass eine Gemeinschaftspraxis ans Aufhören denkt. Die KVN sei schon vor langer Zeit darauf angesprochen worden. Im Grunde, so Schmitz weiter, sollte sich jede Arztpraxis mindestens fünf Jahre vorher mit einer Nachfolge beschäftigen. Wenn nun eine junge Ärztin neu anfange in Twistringen, sei das Problem hier noch nicht gelöst.

Neue Ärzte

erstmal anstellen

Michael Schmitz' Botschaft an Arztpraxen: „Junge Mediziner erstmal anstellen.“ Da biete sich auch Twistringen als Alternative für Auswärtige an – aufgrund der guten Verkehrsanbindung.

Bürgermeister Schlake reicht das nicht: „Wir müssen daran arbeiten, möglichst attraktiver zu werden.“ Das habe ganz klar auch mit Wirtschaftsförderung zu tun, mit qualitativ hochwertigen Arbeitsplätzen. Die Stadt könne dazu den Rahmen liefern.

Auf Nachfrage, was die Stadt denn tun könne, meint Bürgermeister Schlake: „Ich sehe nicht einen Raummangel, sondern unsere Aufgabe, die Aktionen öffentlich zu machen und im Gespräch mit den Ärzten zu bleiben, deren Praxis-Ende absehbar ist.“ Auch das Stipendium-Angebot des Landkreises helfe Studierenden, die sich anschließend als Mediziner für eine Stelle in einem unterversorgten Bereich entscheiden. Bewerben könnten sich auch Abiturienten mit der Zusage eines Studienplatzes.

Schließlich betonen Martin Schlake und seine Gesprächspartner von der KVN die Vorzüge der gemeinsamen Kampagne in der Region. Schmitz: „Kooperation und Solidarität führen viel weiter als rücksichtsloser Wettbewerb und Kirchturmdenken.“

www.aerztlich-willkommen.de

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