Regionale Abwägungen

Zentralklinik im Landkreis Diepholz scheut keine Konkurrenz

Viele Orte sind von Borwede aus gut erreichbar.  
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Viele Orte sind von Borwede aus gut erreichbar. Foto: Dümer
  • Marc Lentvogt
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Landkreis Diepholz – Eine Frage steht nach der Zentralklinik-Standortempfehlung für Twistringen-Borwede immer wieder im Raum: Macht eine Klinikhäufung, wie sie durch das Dreieck Twistringen-Vechta-Wildeshausen entsteht, Sinn?

Nahezu geschlossen antworten darauf die Kreistagsfraktionsvorsitzenden. „Wir haben eine Verantwortung für die Bürgerinnen und Bürger im Landkreis Diepholz“, so Volker Meyer (CDU). Für diese Menschen werde die Klinik gebaut. „Wir wissen nicht, wie es sich außenrum entwickelt“, ergänzt Astrid Schlegel (CDU). Und für Ulf Schmidt (Die Grünen) stellt sich die Frage gar nicht: Die exakte Bewertungsmatrix wurde „im Detail besprochen, runterdekliniert bis auf Zehntelprozente. Wir fühlen uns an das Ergebnis gebunden.“

Kritik von Axel Knoerig am Bau der Zentralklinik: „flächendeckende Versorgung nur mit mehreren Standorten sicherzustellen“

Ein Ergebnis, auf das Ulrich Helms (Stellvertretender Fraktionsvorsitzender der Freien Wähler) durchaus stolz ist: „Wenn Sie uns mit Leer und Aurich vergleichen, die arbeiten seit sechs Jahren daran. Wir stehen am Montag nach knapp sechs Monaten an der Stelle. Das zeigt, dass der Weg ein sehr guter Kompromiss war.“ Die Konkurrenzsituation bedeutet auch für Harald Wiese (AfD) nicht, dass man davon ablassen kann, zu „schauen, an welchem Standort der Landkreis die beste Versorgung seiner Bürger sichern kann“.

Eine negative Wirkung durch mehrere Kliniken in einem kleinen Gebiet sieht Ulrich Pelster, Vorstand der Schwester Euthymia Stiftung, Trägerin des Marienhospitals Vechta, nicht. Er bestätigt, dass landkreisübergreifend unter Hinzunahme des Sozialministeriums und der Kostenträger auf Landesverbandsebene ein Austausch praktiziert wurde. Mit dem Ergebnis, dass „aus guten Gründen (Erreichbarkeit, Versorgungssicherheit, Patientenwege)“, eine großräumigere Zusammenfassung nicht anzustreben sei. Er gehe nicht von einer Kollision, sondern vielmehr einer gegenseitigen Ergänzung aus.

Ein geschlossenes Kontra gibt es seitens Die Linke, so Peter Faßbinder. Fällt die Entscheidung, trägt die Partei konstruktiv zum Prozess bei, sie halte aber die bestehende Drei-Klinik-Lösung für die sinnvollste Variante. Insbesondere Beschäftigte im Niedriglohnsektor profitieren von kurzen Wegen, die derzeit gegeben seien. Unterstützung kommt in diesem Punkt von Axel Knoerig (CDU), der betont, in einem Flächenkreis wie Diepholz sei eine flächendeckende Versorgung nur mit mehreren Standorten sicherzustellen. Kritik richtet er an das Land Niedersachsen. Das Fehlen einer landesweiten Planung fördere Insellösungen, die viel Geld kosten. Bis zuletzt wurden in die bald stillgelegten Standorte investiert.  

Kommentar von Marc Lentvogt zum geplanten Bau der Zentralklinik: Erste „Klinik-Bundesliga“

Sollte der Kreistag sich für den Zentralklinik-Standort Twistringen-Borwede entscheiden, es fühlte sich etwas nach erster Fußball-Bundesliga an. Mit Vechta und Wildeshausen um die Ecke entsteht auf engem Raum eine Klinikdichte, wie man sie sonst fast nur von Fußballstadien im Ruhrgebiet kennt. Das Problem ist: Dem Dortmunder ist das Westfalenstadion die Grundversorgung, dem Schalker die Veltins-Arena. Das Angebot ein paar Kilometer weiter ist jeweils keine akzeptable Alternative. Was die Krankenhäuser angeht, so gibt es keinen Grund zu vermuten, die Antipathien wären ähnlich gelagert, die Landkreisgrenzen ein unumstößlicher Schutzwall. Da fährt eine Patientin halt mal nach Bremen, Vechta oder Nienburg – aus Gewohnheit, weil man es von früher kennt oder weil es näher dran ist.

Dass entsprechende Daten von der Konkurrenz – wie absurd, dass über die systemrelevante Gesundheitsversorgung ein solches Denken existiert – nicht vorhanden sind und Analysen dementsprechend nicht im Detail möglich sind, mag stimmen. Letztlich schaffen die zuletzt veröffentlichte Ergebnis-Matrix für die Standorte Twistringen-Borwede, Twistringen-Mörsen und Sulingen sowie der dazugehörige Frage-Antworten-Katalog aber auch nicht den Eindruck, als hätte man es wirklich darauf angelegt, die Region ergebnisrelevant einzubeziehen. Stattdessen heißt es, der Landkreis Diepholz müsse für seine Einwohnerinnen und Einwohner die beste Entscheidung treffen.

Dabei wird dann geschaut, wie groß der Anteil derjenigen ist, die den neuen Standort innerhalb einer halben Autostunde erreichen können. Was die Matrix aber nicht erfasst: Wie viele dieser Menschen nach dem Bau überversorgt wären, weil die Welt eben nicht an der Landkreisgrenze endet. Und genauso wenig wird erfasst, wie viele Menschen am Ende mehr Qual als Wahl haben, weil sie nicht drei Kliniken nebenan, sondern fünf am Rande der Erträglichkeitsgrenze, einer langen Autofahrt entfernt, haben. Die bestplatzierte Antwort könnte auch dann Borwede lauten – wir wissen es einfach nicht. So hängt der Standortsuche am Ende ein kleiner Makel an. Denn Demokratie bezeugt ihre unheimliche Stärke immer dann am eindrucksvollsten, wenn sie sich nicht an der Mehrheit, sondern an den Schutzbedürftigsten orientiert.

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