Stadt und Kirchengemeinden bieten Alternativen zu geplanten Gedenkfeier

Würfel und Video erinnern an Kriegsende

Ein Erinnerungswürfel statt einer öffentlichen Gedenkfeier: Stadt und Kirchengemeinden haben sich Alternativen einfallen lassen. Foto: Stadt Twistringen

Twistringen - Von Theo Wilke. Britische Panzer rollen am späten Nachmittag des 7. April 1945 auf den Twistringer Centralplatz. Die Stadt an der Delme nehmen die Alliierten kampflos ein – und dies nur dank einiger mutiger Bürger, die verhindern, dass verblendete Nazi-Anhänger noch Panzersperren verteidigen. Stattdessen werden weiße Fahnen gehisst. Vor 75 Jahren, einen Monat vor der offiziellen deutschen Kapitulation (8.  Mai 1945), endet für die Twistringer der Zweite Weltkrieg. Von Zerstörungen bleibt die Stadt aber nicht verschont.

Eigentlich wollten die katholischen und evangelischen Kirchengemeinden sowie Rat und Stadtverwaltung am Freitag eine öffentliche Gedenkveranstaltung, insbesondere mit Schülern, im Hochzeitspark anbieten. Die Corona-Pandemie hat dies verhindert. Die Organisatoren schlugen deshalb andere Gedenk- und Erinnerungswege ein, berichtet Erster Stadtrat Harm-Dirk Hüppe.

Erinnerungswürfel – in beiden Twistringer Kirchen, im Rathaus sowie an der Volksbank und Kreissparkasse – zeigen Bilder aus der Nachkriegszeit. Judith Hamm, zurzeit im Freiwilligen Sozialen Jahr aktiv im pastoralen Team der Pfarrei St. Anna, nutzte im Vorfeld Twistringer Archive und Veröffentlichungen, um themenspezifische Bilder zu finden und auf einen Umzugskarton zu kleben. Der Erinnerungswürfel lädt zum spielerischen Anschauen der Bilder ein und kann – trotz Corona – auch leicht gedreht werden.

Außerdem gibt es ein Video, mit einer Einführung von Pastoralreferentin Birgit Hosselmann, das sich mit besonderen Gedenk- und Erinnerungsaspekten in Twistringen und umzu befasst. Gezeigt werden unter anderem das Kriegerdenkmal aus Heiligenloh und Soldatengräber auf dem evangelischen Friedhof in Twistringen. Zeitzeuge Peter Bellersen erzählt vom Kriegsende, das er als Zehnjähriger erlebte.

Der spätere Bürgermeister Ludwig Kramer (ab 1952 im Amt) schrieb im Juni 1945, auf dem Rathaus lagernde Panzerfäuste gestohlen und unschädlich gemacht, Panzervernichtungswaffen im Steller Moor versenkt, in Scharrendorf Panzersperren aus Baumstämmen nachts angesägt. Am 7. April fielen laut Kramer 45 Bomben auf Twistringen.

Im Buch „750 Jahre Twistringen“ ist im Beitrag von Stadtarchivar Otto Bach auch nachzulesen, dass Ludwig Kramer örtliche Nazi-Größen zum Verlassen der Stadt bewegt und angeordnet habe, „dass keiner eine drohende Haltung annehmen sollte, um nach Möglichkeit jedes Blutvergießen zu verhindern. Twistringen war somit ,Feindfrei’“.

Zurück ins Jahr 2020: Im Erinnerungsvideo betont der heutige Bürgermeister Jens Bley, dass „wir als Twistringer die Zeitzeugen von morgen sein werden, was ja gerade in diesen Tagen aufhorchen lässt“.

Der Film ist seit Donnerstag auf der Internetseite der Stadt Twistringen sowie in den sozialen Medien der Film-Akteure zu sehen. Gemeinsam sei allen Beteiligten, heißt es, dass „die Geschichte nicht aus dem Blick verloren wird und uns gerade heute mahnt, den Blick für den Anderen – für Schwächere nicht zu verlieren, sondern im guten Sinne zu schärfen“.

Darum ging es vor acht Jahren schon Autor und Chronist Ansgar Harms von der Steller Straße („Erinnerungen an die britischen Besatzer in den ersten Monaten nach Kriegsende“, VHS, 2011). Laut Harms unterhielt die britische Armee nach Kriegsende Ausländerkontingente mit Polen, Belgiern und Niederländern. Die Engländer seien sehr zuvorkommend gewesen, so der Twistringer, der als 18-Jähriger für die Alliierten als Übersetzer arbeitete.

Über Gerd von der Ecken (Central-Café) stieß Harms 2012 auf ein Foto von 1945: Links die Sparkasse, daneben Spils Schuhwaren, rechts gegenüber das Geschäftshaus Walter von der Ecken. Mitten auf der Straße ein Militärpolizist, der den Verkehr im Stadtzentrum regelt. Die Aufnahme zeigt Maurits Gistel Rammann. Mitgebracht hatte sie Ivan Rammann aus dem belgischen Gent – auf den Spuren der Vergangenheit seines inzwischen verstorbenen Vaters, der nach Kriegsende in Diensten der Alliierten gestanden hatte.

Video und Infos

sind abrufbar auf www.twistringen.de und nachzulesen im Buch „750 Jahre Twistringen“ (2000), und „Twistringen erzählt“ (2011).

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