Freundeskreis Behindertengruppe Twistringen besteht seit 40 Jahren / Corona durchkreuzt Geburtstagspläne

Wo Alter, Religion und Beeinträchtigungen keine Rolle spielen

Ein Bild aus der Zeit vor Corona: Die Gruppe unternimmt normalerweise gemeinsam verschiedene Aktivitäten. Das
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Ein Bild aus der Zeit vor Corona: Die Gruppe unternimmt normalerweise gemeinsam verschiedene Aktivitäten. Das

Twistringen – Angefangen hat alles mit einem Experiment. Eine Kirchengruppe mit Twistringer Jugendlichen war im Jahr 1980 in Osnabrück bei einem Bistums-Seminar. Dort erfuhren die Teilnehmer am eigenen Leib, wie es ist, im Rollstuhl zu sitzen. Sie fühlten sich unwohl, beobachtet und bemitleidet. Dieses Erlebnis weckte bei ihnen den Wunsch, etwas für Gleichaltrige zu tun, die eine Beeinträchtigung haben. So entstand vor 40 Jahren der Freundeskreis Behindertengruppe Twistringen.

Seinen 40. Geburtstag hat sich der Freundeskreis definitiv anders vorgestellt. Eigentlich wollte die Gruppe eine Messe gestalten, vorzugsweise im Hochamt. Darüber hinaus hatten sich die Mitglieder abwechslungsreiche Ausflüge und Treffen vorgenommen. Aber aufgrund der Coronakrise fiel all das aus. Die regelmäßigen Treffen werden noch mindestens bis zum Jahresende ausgesetzt, und die Messe zum 40-jährigen Bestehen ist auf unbestimmte Zeit verschoben.

Bei dem Freundeskreis handelt es sich um eine Freizeitgruppe der Kirchengemeinde St. Anna. Menschen mit und ohne Beeinträchtigung treffen sich dort auf Augenhöhe. „Für gewöhnlich kommen wir einmal im Monat zusammen“, sagt Thomas Horstmann, ein Gestalter der Gruppe. Aktuell gibt es sechs Gestalter, die sich um die Organisation der Treffen kümmern, und 16 Mitglieder mit Behinderung.

Zusammen haben sie schon viel erlebt. „Wir gehen regelmäßig kegeln“, fängt Horstmann an aufzuzählen. Was folgt, ist eine lange Liste an Beispielen für die Aktivitäten der Gruppe in den zurückliegenden Jahren. Sie haben schon öfter im Pfarrzentrum gebastelt und sind spazieren gegangen. Im Sommer ist das Eiscafé ein beliebtes Ziel. Sie erlebten eine Kremserwagenfahrt, schauten Filme im Kino und besuchten das Strohmuseum, Tierparks sowie ein Atelier. Sie bauten Flugdrachen, aßen Spargel und Kohl, spielten Minigolf, fuhren mit der Moorbahn und vieles mehr. Spenden erweitern dabei den Spielraum der Gestalter.

Dass die Gruppe keineswegs nur im eigenen Saft schmort, zeigt ihre Freundschaft zu einer Freizeitgruppe aus Lingen im Emsland. Nicht zu vergessen bei all den Aktivitäten: die obligatorische Weihnachtsfeier.

Aber selbst die wird es in diesem Jahr nicht geben. „Ich treffe auf der Straße immer mal wieder Gruppenmitglieder. Die fragten oft: ,Wann geht es den wieder los?‘“, erzählt Thomas Horstmann. Doch das stehe noch in den Sternen. „Nicht wenige unserer Mitglieder gehören zu den sogenannten Risikogruppen“, führt er aus. „Vorsicht und Umsicht sind die Gebote der Stunde.“

Horstmann ist seit 2012 Teil der Gruppe. Vom Hörensagen weiß er, dass sich die Aktivitäten früher vorwiegend im Pfarrzentrum abgespielt haben. Ausflüge habe es nicht so viele gegeben, dafür hätten sich die Mitglieder damals aber wöchentlich getroffen und nicht nur einmal pro Monat.

Dinge ändern sich nun einmal. Oft ist das auch gut so. Denn in den 60er-Jahren wurden Menschen mit Beeinträchtigung laut Horstmann ausgeschlossen und als Idioten oder Krüppel bezeichnet. In den 70er-Jahren habe dann die Politik der Separation vorgeherrscht. „Das heißt, Menschen mit Behinderung wurden zunehmend beachtet, doch trennte man sie noch vom Rest der Gesellschaft“, so Horstmann. Er ergänzt: „Im Sprachgebrauch etablierte sich der Begriff vom Sorgenkind.“ In den 80er- und 90er-Jahren wandelte sich dem Gestalter zufolge der Umgang mit behinderten Menschen. Diese seien mit anderen zusammengebracht und als zunehmend gleichwertig angesehen worden. Dennoch blieben sie innerhalb der Gesellschaft eine eigenständige Gruppe.

„Ab dem Milleniumswechsel tritt das Stichwort Inklusion in die pädagogische und sozial-politische Debatte ein“, berichtet Horstmann weiter. „Hierunter versteht man: Alle Menschen machen etwas zusammen. Menschen mit Beeinträchtigungen können überall mitmachen und haben die gleichen Rechte.“ Auch der Sprachgebrauch änderte sich. Jetzt spreche man von „Menschen mit Beeinträchtigungen“.

„In den 80er-Jahren war die Gruppe schon eine Innovation“, schlussfolgert Horstmann über den Freundeskreis. „Da waren die Twistringer vorneweg!“

Zu Beginn war die Gruppe wesentlich größer als heute. An die 20 Jugendliche und 40 Menschen mit Behinderung trafen sich regelmäßig. Viele Jüngere haben die Gruppe verlassen, als sie ins Berufsleben gestartet sind. Einer, der seit Beginn an dabei geblieben ist, ist der Vorsteher Gerhard Braun. Damals, als die Gruppe entstand, war er gerade einmal 15 Jahre alt.

Inzwischen gehört Gestalter Thomas Horstmann mit seinen 49 Jahren zu den jüngeren Gestaltern. „Wir sind als Gruppe etwas betagt“, meint er. In den vergangenen eineinhalb Jahren habe es allerdings eine kleine Frischzellenkur gegeben: Die Gruppe habe drei Mitglieder gewonnen, die unter 30 sind.

Weitere neue Gesichter sind gerne gesehen. „Unsere Treffen sind offen für jeden“, sagt Horstmann. Religion oder Alter spielten keine Rolle. Horstmann denkt, dass vor allen auch junge Leute, die einen Beruf mit Menschen ergreifen wollen, in der Gruppe erste Erfahrungen sammeln könnten.

Kontakt zur Gruppe

Internet: www.gemeindeverbund.de/freundeskreis E-Mail: freundeskreis@gemeindeverbund.de

Von Katharina Schmidt

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