Experte versteht das Motiv nicht

30 Bienenvölker gestohlen: „Das ist wirtschaftlich Quatsch”

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Regen könnte dem Bienenstock-Dieb in die Karten gespielt haben.

Twistringen / Diepholz - Von Luka Spahr. Für den Imker muss es ein Schock gewesen sein. Rund 30 Bienenvölker wurden einer Meldung der Polizei zufolge zwischen dem 31. Mai und dem 5. Juni in Twistringen von einem Imker entwendet. Kein einziger Bienenstock ist dem Besitzer erhalten geblieben. Dieser hatte die Völker in der Twistringer Justus-von-Liebig-Straße sowie in Ellinghausen, Heiligenloh, Natenstedt und Ellerchenhausen aufgestellt. Jetzt sind die Bienen samt Königinnen und Rapshonig spurlos verschwunden. Die Polizei beziffert den Schaden auf über 5000 Euro und sucht nun Zeugen.

Während der Imker selbst keine weiteren Angaben machen möchte, findet Jürgen Gück aus Barnstorf klare Worte. „Wer macht so einen Scheiß?”, fragt er sich. Er ist fassungslos angesichts der Anzahl der gestohlenen Bienenvölker. „In diesem Ausmaß habe ich so etwas auch noch nicht gehört.” Gück besitzt selbst ein Bienenvolk, ist Hobbyimker und Mitglied im Diepholzer Imkerverein. Er kann die Motivation des Honigdiebs in Twistringen nicht nachvollziehen. „Das ist wirtschaftlich Quatsch”, sagt er. Bei den aktuellen Honigpreisen habe der Täter keinen hohen Gewinn mit dem Diebstahl erzielt.

Als der Barnstorfer zu seinen Bienenstöcken im Garten führt, wird eine weitere Ebene des Falls schnell deutlich: Der Dieb muss ordentlich geschleppt haben. Die kleinen Holzbehausungen der Bienen bestünden im Wesentlichen aus zwei Teilen: dem Brutkasten und den Honigzagen. Während Erstere rund zehn Kilogramm wiegen dürften, können die Zagen auch schon mal 25 Kilogramm schwer werden. Der Twistringer Dieb muss also pro Bienenstock mindestens 30 Kilogramm hochgewuchtet haben. Ein Vorteil für ihn dürfte dabei der Regen in den vergangenen Tagen gewesen sein, erläutert Gück. Den mögen die Bienen nämlich nicht, sodass die meisten von ihnen Unterschlupf in ihrem Bau, der sogenannten Beute, gesucht haben dürften. Dann müsse man den Eingang des Stocks eigentlich nur zukleben und das Ganze verladen. Für Hartgesottene gehe das sogar ohne spezielle Schutzausrüstung.

Dabei hat Jürgen Gück eine Vermutung: Der Dieb muss sich ausgekannt haben. Ein Bienenvolk sei nicht einfach zu handhaben – auch eine Verladung nicht. Letztere dürfte sich übrigens auch aus einem weiteren Grund schwierig dargestellt haben. Wenn nicht mit mehreren Anhängern, dann müsste der Täter eigentlich mit einem Lkw vorgefahren sein bei so vielen Völkern.

Immer wieder ein Kopfschütteln

Gück kann nur immer wieder mit dem Kopf schütteln, wenn er über die Geschichte spricht. In seinem Verein habe es bislang zum Glück keinen vergleichbaren Fall gegeben. Er habe auch nie Angst gehabt, seine Völker irgendwo aufzustellen. Und das werde er auch in Zukunft nicht. Immerhin sei es bei ihm nur ein Hobby. Berufsimker müssten da sicher vorsichtiger sein, so der Barnstorfer. Da diese jedoch oft mindestens 250 Völker hätten, gehe er bei dem Twistringer von einem entweder sehr passionierten Hobbyimker oder einem nebenberuflichen Imker aus. 30 Völker würden zwar viel Arbeit bedeuten, leben könne man davon aber nicht, so Gück.

Aber zurück zum Diebstahl. Wie geht es dort nun weiter? Polizei-Pressesprecher Thomas Gissing gibt zu: Ein bisschen suche man die Nadel im Heuhaufen. Neben Zeugenbeobachtungen setzt er auch noch auf einen weiteren Faktor. Er habe gehört, dass die Königinnen markiert seien und die Imker sie so problemlos zum Eigentümer zurückverfolgen könnten. Das wäre praktisch, würden die Völker wiederentdeckt werden.

Markierung weist auf Geburtsjahr hin

Jürgen Gück schränkt jedoch ein: Zwar würden einige Königinnen mit einer stecknadelgroßen Markierung ausgestattet. Diese gebe jedoch lediglich Aufschluss über das Geburtsjahr der Tiere. Er selbst habe seine Königinnen übrigens nicht markiert. Eine Fassung des Täters durch die Polizei auf diesem Wege beschreibt er daher ganz klar als „unmöglich”.

Am Ende könne man sich nur ärgern, dass nun scheinbar schon Imker andere Imker beklauen würden. Und dann noch auf eine Art, die nicht nachvollziehbar sei. Jürgen Gück macht es kurz: „Man kann auf einfacherem Wege deutlich mehr klauen.”

Zeugenhinweise erbittet die Polizeistation Twistringen unter 04243/942420.

Hintergrund: Imkerei

15.000 bis 25.000 Tonnen Honig werden Jahr für Jahr in Deutschland produziert. Im gesamten Land weiß der Deutsche Imkerverband von etwa 135.000 Imkern, die 900.000 Völker ihr Eigen nennen. Auch wenn diese Zahlen bereits eindrucksvoll klingen: Das Angebot kann nur ein Fünftel des Bedarfes der Bundesrepublik decken. Der Großteil des konsumierten Honigs wird importiert. Nicht einmal ein Prozent der deutschen Imker betreibt den Beruf erwerbsmäßig. Seit etwa 2010 verzeichnet der Deutsche Imkerverband eine Zunahme an Imkern und bei der Honigproduktion.

Hintergrund: Bienen-Kriminalität

2017 sind im Emtinghausen (Landkreis Verden) etwa 250.000 Tiere vorsätzlich getötet worden. Auch in Wietzen wurde in demselben Jahr ein Volk von einer Streuobstwiese gestohlen. Eine Diebstahlserie, bei der im Raum Lüdenscheid (Nordrhein-Westfalen) etwa 250.000 Bienen gestohlen wurden, sorgte im vergangenen Sommer für Aufmerksamkeit. Am Niederrhein vergifteten Unbekannte erst im Mai zwei Völker mit insgesamt 240.000 Bienen. Alle Tiere sind durch diese Tat gestorben.

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