Neue Forschungen über Grete Grabhorst

Wie viel Wahrheit steckt in der alten Sage?

Die Sage ist nachzulesen in „Twistringer Sagen – erzählt von Bernhard Fies, Illustrationen von Sven Bischoff“.
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Die Sage ist nachzulesen in „Twistringer Sagen – erzählt von Bernhard Fies, Illustrationen von Sven Bischoff“.

Twistringen – Grete Grabhorst war eine reiche, gutmütige und ziemlich ausgefuchste Frau. So erzählt es die Sage um die Adelige. Nun fand der Twistringer Neubürger Professor Dr. Bernd Ulrich Hucker von der Universität Vechta Schriftquellen, die ihm zufolge ein unerwartetes Licht auf den historischen Hintergrund werfen. „Damit erhalten eine bisher unbekannte Adelsfamilie und ihr nur ungefähr 800 Meter von der Twistringer Ortsmitte entfernter Sitz eine neue Bedeutung“, sagt er.

Die älteste Fassung der Sage zeichnete der Twistringer Heimatforscher August Bellersen noch vor dem Ersten Weltkrieg auf. Demnach standen das weite Gebiet der Dehmse, Twistringen und die umliegenden Dörfer unter Grete Grabhorsts Schutz. Die Grafen von Hoya und Diepholz versuchten, das Gebiet an sich zu reißen. Grabhorst bat darum, ihr so viel Land zu lassen wie sie von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang mit einer Pflugfurche umziehen kann. Letztlich rettete sie so ihr gesamtes Gebiet. Ein paar Jahre später drohten die Grafen mit Gewalt. Grabhorst machte zur Bedingung, noch einmal säen und ernten zu können. Sie pflanzte langsam wachsende Buchen und Eichen – ein weiterer cleverer Schachzug. Letztlich wurde Grabhorst, inzwischen alt und müde, doch vertrieben. Sie gab einen nennenswerten Betrag für neue Kirchenglocken. Den Rest ihres Geldes vergrub sie.

So viel zur Sage. Schon vor Längerem machte Stadtarchivar Friedrich Kratzsch darauf aufmerksam, dass es keinen Beweis für eine Adlige namens Grete Grabhorst gebe. Hucker führt aus, dass in Sagen oft Ereignisse und Personen verschmelzen. Nicht alles entspreche der Realität: „Jahrhunderte oder Jahrzehnte dauernde Entwicklungen werden in einem einzigen Ereignis eingefangen; mehrere Persönlichkeiten fließen zu einem einzigen Sagenhelden zusammen.“

Ebenso wie der Name Grete Grabhorst ist auch ein Burgsitz namens Grabhorst nirgends nachzuweisen. Ein einst „Grabhorst“ genannter Hügel am Stadtrand – die Grabhorststraße erinnert daran – könne als Burggelände ausgeschlossen werden, so Hucker. Der Adel hätte im 13. Jahrhundert, in der die Sage spielte, Turmhügelburgen in Sümpfen oder Bachniederungen bevorzugt. Eine weitere mündliche Überlieferung habe nun allerdings auf ein „Rittergut“ an der Poggemühle hingewiesen, nicht weit von der Flur Grabhorst. Hucker schlägt vor, dort den Sitz der Sagenheldin zu suchen.

Wie könnten die Burgherren geheißen haben? Nun, auch da hat er eine Idee. Eine genaue Sichtung des Adels im Kirchspiel Twistringen habe ergeben, dass allein sechs Dörfer kleinen Adelsfamilien ihre Namen gaben (Brümsen, Ellinghausen, Köbbinghausen, Marhorst, Stöttinghausen, Üssinghausen). Die Furche, die Grabhorst in der Sage pflügt, entspreche der Abgrenzung gegen den Besitz dieser Familien. „Sollte also ausgerechnet in oder bei dem Kirchdorf Twistringen selbst kein Adel gesessen haben?“, fragt Hucker. Er verweist darauf, dass die Hoyaer und Diepholzer Eigentumsrechte nicht vor das 13. Jahrhundert zurückgingen.

Er denkt, dass es eine Familie von Twistringen gegeben habe –- und hat nun etwas entdeckt, was ihn darin bestätigt: „1293 lässt sich Alexander de Thuisteringe als Neubürger in Bremen aufnehmen; sein Bürge (und offensichtlich Blutsverwandter) ist Luder de Thuisteringe“, schildert er. „Bemerkenswert ist die genaue Schreibweise, die auf das archaische ,u‘ des Siedlungsnamens Thuisteringe nicht verzichtet. Da die Bremer Quelle, das Bürgerbuch, erst 1289 angelegt wurde, darf geschlussfolgert werden, dass Luder das Bürgerrecht bereits länger genossen hat. Das Bürgerbuch sagt auch sonst nie direkt über die ständische Qualität der Neubürger aus. Sie lässt sich aber aus dem Stand der Bürgen erschließen; auch belegt die Tatsache, dass ein Werner de Tuisteringe schon vor 1351 zu den Ratsherren in Wildeshausen gehörte, die adlige Herkunft. Die ratsfähigen Familien entstammten stets dem landsässigen Adel.“

Die von Twistringen tauchen urkundlich erst auf, nachdem sie in die Stadt abgewandert sind. Die Sage könnte laut Hucker ihre Verdrängung erklären, in zusammengedrängter Form.

Aber warum machte der Volksmund die Verdrängung des Adelsgeschlechts und dessen letzte Rückzugsgefechte an einer Frau fest? „Sagen schrieben es gern den Damen zu, mächtigen Männern zwar unterlegen gewesen zu sein, sich dann aber listiger als diese erwiesen zu haben. In unserem Falle leisteten der Name einer Flur nicht weit von der Poggenmühle und ein beliebter Glockenname Hilfestellung“, meint Hucker. Die Glocken seien in der Regel nach weiblichen Heiligen benannt worden, wie Grete (Kurzform von Margareta).

Er fasst zusammen: „Sowohl das Vordringen der benachbarten Territorialherren, der Edelherren von Diepholz und der Grafen von Hoya, in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts, als auch der Herrschaftsbereich derer von Twistringen werden von der Sage widergespiegelt.“

Von Katharina Schmidt

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