Selbsthilfegruppe „Warum?!“

Wenn das Leben zum quälenden Rätsel wird

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Ein Anruf kann Entlastung bringen: Silvia und Reinhard Kück sind Ansprechpartner für Angehörige um Suizid.

Twistringen/Barnstorf - Von Anke Seidel. „Warum?!“ Immer wieder haben sich Silvia Kück und ihr Mann Reinhard diese Frage gestellt – und keine Antwort darauf gefunden, warum der Bruder von Silvia Kück vor fünf Jahren Suizid begangen hat.

Die 51-Jährige aus Twistringen-Scharrendorf wählt das Wort Suizid bewusst. „Freitod oder freiwillig aus dem Leben scheiden – das ist alles negativ behaftet“, sagt die 51-Jährige, „denn diese Menschen machen das nicht freiwillig!“ Deshalb würden diese Begriffe „den Leidensdruck verharmlosen, der dahinter steckt“.

Angehörige werden von vielen Fragen gequält

Leidensdruck haben aber auch Ehe- und Lebenspartner, Mütter oder Väter, Schwestern oder Brüder, die einen nahestehenden Menschen durch Suizid verloren haben. Denn ihr Leben ist plötzlich ein einziges Rätsel: Was war der Auslöser für diese Tat? Haben sie Vorzeichen übersehen? Hätten sie helfen können? Es sind quälende Fragen, auf die Angehörige keine Antworten finden.

Silvia Kück kennt diese Situation. „Mein Bruder und ich hatten einen ganz engen Kontakt. Er hatte zum zweiten Mal geheiratet. Es war wirklich alles in Ordnung.“ Vier Wochen nach der Hochzeit dann die Tat – für alle unbegreiflich. Es ist die Ehefrau, die den 41-Jährigen findet.

Silvia Kück empfand Schuldgefühle: „Ich habe gedacht: Vielleicht hätte ich ihn davon abhalten können. Heute weiß ich, dass das nicht so ist!“ Diese Erkenntnis hat die 51-Jährige im Austausch mit anderen Angehörigen um Suizid gewonnen. An jedem ersten Mittwoch im Monat treffen sie sich um 18 Uhr im Mehrgenerationenhaus in Barnstorf.

Gruppe ermöglicht anonymen Austausch

„Warum?!“ lautet der Name der Selbsthilfegruppe, deren Leitung Silvia und Reinhard Kück übernommen haben – mit dem Wunsch, anderen Angehörigen zu helfen. „Der Erstkontakt über das Telefon ist wichtig“, betont das Ehepaar, das für Angehörige unter der Rufnummer 04243/5097940 montags bis freitags von 11 bis 14 Uhr und von 20 bis 21 Uhr zu erreichen ist. Ansonsten läuft der Anrufbeantworter.

Das Ehepaar weiß aus eigener Erfahrung, wie erleichternd der Austausch mit anderen sein kann: „Für uns ist das immer wieder neue Kraft schöpfen.“ Über die Gespräche in der Gruppe sagt Silvia Kück: „Man muss nichts von sich preisgeben, man kann sogar anonym bleiben.“ In einer WhatsApp-Gruppe tauschen sich die zurzeit sechs Mitglieder aus – und sind da, wenn jemand dringenden Redebedarf hat. Silvia Kück organisiert das, wenn sie selbst keine Zeit haben sollte.

„Es sind immer die Frauen, die Redebedarf haben“, sagt das Ehepaar. „Männer trauern anders“, so Reinhard Kück. „Sie wollen nicht reden, verkriechen sich in die Arbeit oder beschäftigen sich mit etwas Anderem. Sie sind Meister im Verdrängen.“

Vielen Betroffenen ist im Vorfeld nichts anzumerken

Das gemeinsame Schicksal schweißt die Gruppenmitglieder zusammen, den oft haben sie die gleichen Erfahrungen gemacht. „Jeder Fall ist anders, aber es gibt viele Parallelen“, sagt Reinhard Kück: „Dass sich jemand zu verabschieden versucht oder dass etwas aufgeräumt und geordnet ist, das vorher nicht so war...“ Oder jemand entschuldige sich für etwas, das längst erledigt sei, fügt seine Frau hinzu.

Sie berichtet von einem Besuch ihres Bruders wenige Tage vor seinem Tod: „In der Rückschau weiß ich, dass es ein Abschied war.“ Die Ermittlungen der Polizei hätten ergeben, dass es keine Kurzschlusshandlung war: „Nachbarn haben vorher auf dem Dachboden Licht gesehen.“ Der Bereich sei aufgeräumt gewesen. „Es ist bei ganz vielen so, dass man ihnen nicht anmerkt, was sie vorhaben“, ist eine Erfahrung der betroffenen Angehörigen.

Die Gruppe will nicht nur Entlastung geben, sondern auch Informationen vermitteln – zum Beispiel darüber, dass Betroffene nicht freiwillig handeln, sondern wie durch einen Tunnelblick auf einen bestimmten Punkt fokussiert sind. Helfen will sie den Angehörigen genauso dabei, wieder Lebensfreude spüren zu können. „Wir sind auch schon mal Essen gegangen“, berichtet Silvia Kück über die Gruppe, die sie mit ihrem Mann seit Juni leitet. Geplant sei in Kürze „etwas Schönes, bei dem man wieder Lachen kann“. Das Motto der Gruppe beschreibt Silvia Kück so: „Wir sitzen alle im gleichen Boot und wir rudern gemeinsam.“ Ihr Mann fügt hinzu: „So kommen wir voran!“ Zurzeit verteilt das Paar Karten und demnächst auch Faltblätter mit den Kontaktdaten der Gruppe in Rathäusern und in psychologischen Praxen sowie bei Bestattern, um auf die Hilfe für Angehörige aufmerksam zu machen.

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