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Happy Christmas! Weltpriester berichtet über die Weihnachtszeit in Indien

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Von: Katharina Schmidt

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Weltpriester Rojy Thomas Muringayil ist seit rund vier Jahren in Deutschland.
Weltpriester Rojy Thomas Muringayil ist seit rund vier Jahren in Deutschland. © Katharina Schmidt

Wie ist die Weihnachtszeit in Südindien, welche Bräuche und Traditionen gibt es? Wir haben mit dem Weltpriester Rojy Thomas Muringayil gesprochen. Mehr als 7500 Kilometer Luftlinie von seiner Heimat entfernt ist er als Pastor in der Pfarrei St. Anna Twistringen tätig.

Twistringen – In Südindien herrschen aktuell Temperaturen um die 20 bis 30 Grad Celsius. Mit einer Tanne im Haus sieht es da schlecht aus – die Nadeln würden bei dem tropischen Klima vermutlich ziemlich schnell zu Boden rieseln. Die Christen dort schmücken stattdessen Bäume, die sowieso in ihren Gärten oder Höfen wachsen, mit bunten Lichtern. Zusätzlich bauen sie laut Weltpriester Rojy Thomas Muringayil draußen Krippen auf, und an den Häusern strahlen Sterne.

Muringayil kommt aus dem indischen Staat Kerala. Derzeit ist er mehr als 7500 Kilometer Luftlinie von seiner Heimat entfernt als Pastor in der Pfarrei St. Anna Twistringen tätig. „Ich gehöre zu einem Bistum in Indien, dieses Bistum heißt Thamarassery“, erklärt der 40-Jährige. Das Bistum wiederum ist der syro-malabarischen Kirche angegliedert, deren Angehörige auch als Thomaschristen bekannt sind.

Seit vier Jahren ist Rojy Thomas Muringayil in Deutschland. Waren es einst Europäer, die Indien missionierten, so kommen in der heutigen Zeit indische Pastoren nach Europa, um dort dem Priester-Notstand entgegenzuwirken.

Nach einem Sprachkurs verschlug es Muringayil zunächst für ein halbes Jahr nach Bremen, anschließend kam er nach Twistringen. Wir haben uns mit ihm über die Weihnachtszeit in Indien unterhalten.

Fasten statt Schlemmen in der Weihnachtszeit

„Die Adventszeit ist bei uns eine Zeit des Fastens“, erklärt der Weltpriester „In dieser Zeit versuchen viele Menschen, Gott nahe zu sein.“ Die Christen in Indien würden bis zum Weihnachtstag auf Fleisch und Fisch verzichten, oft auch auf Salz und Zucker. „Viele Familien trinken außerdem weder Milch noch Alkohol“, fügt Muringayil hinzu.

... also nichts mit Schlemmereien und Glühwein auf Weihnachtsmärkten. Auch nach der Christmette kann man in Indien keinen Glühwein erwarten – dafür aber meistens warmen Kaffee mit einem Weihnachtskuchen.

Als Priester wird Rojy Thomas Muringayil an Weihnachten in Deutschland arbeiten, für das kommende Jahr plant er jedoch einen Besuch in seiner Heimat.

Farbenfroh: Eine Krippe in Indien.
Farbenfroh: Eine Krippe in Indien. © Privat

2,3 Prozent der indischen Bevölkerung sind christlich. Klingt zunächst überschaubar. Man beachte jedoch: In Indien leben rund 1,4 Milliarden Menschen. Das sind etwa doppelt so viele wie in ganz Europa. 2,3 Prozent bedeutet somit: mehr als 30 Millionen Christen.

„In Kerala haben wir ungefähr 20 Prozent Christen“, informiert Rojy Thomas Muringayil. „Fast 90 Prozent der Gemeindemitglieder kommen am Sonntag zur Kirche.“

Viele gehen jeden Tag in die Kirche

Vom 1. bis zum 24. Dezember gehen viele Menschen ihm zufolge sogar jeden Tag in die Kirche. Alle Kinder, die das schaffen, belohne die Kirche mit einem Weihnachtsgeschenk. Zu Hause würden die Familien zudem täglich das Angelus-Gebet und den Rosenkranz beten. „Als innere Vorbereitung gehen die meisten Gemeindemitglieder in der Adventszeit zur Beichte“, führt Muringayil aus.

Die Weihnachtszeit sei auch eine Zeit, um Ärmeren zu helfen. Seit Anfang Juli 2022 hat der Ausschuss Mission Entwicklung und Frieden der Pfarrei St. Anna zusammen mit Pastor Rojy Muringayil die Spendenaktion „Hilfe für Familien in Kerala im Bistum Thamarassery“ ins Leben gerufen. Schon 720 Euro reichen aus, um dort die Basisernährung mit Reis für eine Familie für fünf Jahre sicherzustellen. Inzwischen sind genug Spenden zusammengekommen, um sechs Familien für fünf Jahre zu unterstützen. Weitere Informationen zur Spendenaktion gibt es im aktuellen Pfarrbrief der Pfarrei St. Anna.

An andere Menschen zu denken ist auch Kerngedanke eines in Indien beliebten Weihnachtsbrauches, der „Christmas Friend“ heißt („Weihnachts-Freund“). In Freundes- oder Freizeitgruppen bekommt jeder den Namen eines anderen zugelost. Für diese Person betet man in der Weihnachtszeit – und erhält im Gegenzug von demjenigen oder derjenigen ein Geschenk. Das alles läuft anonym. Wer für einen betet und wen man letztlich beschenkt, bleibt also geheim.

Zum Teil mehrere Meter hohe Sterne leuchten in Indien.
Zum Teil mehrere Meter hohe Sterne leuchten in Indien. © Privat

Um bei Geschenken zu bleiben: Die Kinder schmücken den Weihnachtsbaum bei der Kirche mit Geschenken. Diese Überraschungsgeschenke verkaufen die Kinder nach der Christmette für 5 bis 10 Cent. Eine andere Tradition nennt sich „Carol“. Dieser Brauch ist laut Rojy Thomas Muringayil ein bisschen wie Sternensingen und Nikolaus zusammen. Gruppen – große Kinder, Jugendliche und Erwachsene – würden in der Vorweihnachtszeit zusammen mit Santa Claus und dem Christkind von Haus zu Haus gehen, singen, beten und die Ankunft von Jesus verkünden. Bei der Gelegenheit werden auch die Krippen vor den Häusern in Augenschein genommen. Die beste Krippe wird prämiert.

Mit 18112 Weihnachtsmännern ins Guinnessbuch der Weltrekorde

Kerala schaffte es im Übrigen 2014 mit dem größten Weihnachtsmann-Treffen ins Guinnessbuch der Weltrekorde. 18 112 Menschen kamen in Weihnachtsmann-Kostümen zusammen.

Bei allen Unterschieden: Sowohl in Indien als auch in Deutschland kommen an Weihnachten Familien zusammen. In diesem Sinne: Frohe Weihnachten – beziehungsweise, wie man sich in Kerala auf Englisch wünscht: Happy Christmas!

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