Kirchengemeinden üben sich in der Coronakrise in Zurückhaltung – und gehen neue Wege

Weihnachten in der Gemüsehalle?

In der St.-Anna-Kirche gibt es unter Corona-Bedingungen rund 140 Plätze. An Weihnachten wird das aller Voraussicht nach nicht reichen.
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In der St.-Anna-Kirche gibt es unter Corona-Bedingungen rund 140 Plätze. An Weihnachten wird das aller Voraussicht nach nicht reichen.

Twistringen – Im Gegensatz zu Restaurants, Theatern, Kinos oder Fitnessstudios dürfen Kirchen aktuell öffnen. Auch Gottesdienste sind weiterhin erlaubt. Die Twistringer Kirchengemeinden wissen das zu schätzen, sind sich aber durchaus der hohen Infektionszahlen in Deutschland bewusst. Sie üben sich daher in Zurückhaltung – und denken Kirche ein Stück weit neu.

Masken, Desinfektion und Abstand gehören inzwischen zum neuen Alltag in Kirchen. Der „Lockdown Light“ hat die Gemeinden dazu veranlasst, die bestehenden Hygienemaßnahmen darüber hinaus noch einmal zu verschärfen. Zudem schauen sie bei Veranstaltungen derzeit genau hin: Was muss sein, was nicht?

Vor allem das nahende Weihnachtsfest stellt sie vor Herausforderungen. In die St.-Anna-Kirche zum Beispiel passen normalerweise an die 600 Personen. Unter Corona-Bedingungen, also mit ausreichend Abstand, gibt es nur etwa 140 Plätze. Für Weihnachten wird das aller Voraussicht nach nicht ausreichen.

Laut Pfarrer und Dechant Joachim Kieslich gibt es die Überlegung, am Heiligen Abend in einer barrierefreien Halle auf dem Hof von Gemüse Meyer die Krippenfeier und das Weihnachtsamt mit dem Blasorchester zu feiern. Die Kirchengemeinde würde dann darum bitten, eigene Stühle mitzubringen.

Zusätzlich dazu kann Kieslich sich kurze, beschauliche Weihnachtsfeiern unter freiem Himmel vorstellen. So könnten Menschen auch im kleinen Kreise das Evangelium hören. „Abends um 23 Uhr werden wir die Christmette auf jeden Fall in der St.-Anna-Kirche feiern“, ergänzt der Pfarrer.

Für die Ortsgemeinde St. Marien Marhorst ist Kieslich zufolge ein Scheunen-Gottesdienst angedacht. St. Ansgar Bassum könnte auf die Gildehalle ausweichen, und die Gemeinde Christ-König Harpstedt auf eine Gaststätte oder die Schützenhalle.

Nicht nur in Bezug auf Weihnachten ist 2020 vieles anders. Firmungen und Taufen sind in der St.-Anna-Gemeinde zwar möglich, größere Feiern im Anschluss fallen allerdings aus. Die Vorbereitung für die Erstkommunion hat die Pfarrei erst einmal zurückgeschoben, um auf Nummer sicher zu gehen.

Wer nicht auf dem Platz sitzt, muss immer eine Maske tragen. Dies gilt bereits vor der Eingangspforte der Kirche. Außerdem müssen Gottesdienstbesucher nun auch beim Singen Mund und Nase bedecken. Das Singen in Gottesdiensten hat St. Anna ohnehin schon seit Längerem stark reduziert. Wie woanders auch gilt in Kirchen die Zwei-Haushalte-Regel.

Die evangelische Martin-Luther-Gemeinde Twistringen handhabt es ähnlich. Beim Singen ist die Maske Pflicht, und wenn man sich nicht am Sitzplatz befindet sowieso. In Bezug auf Weihnachten plant die evangelische Gemeinde laut Pastor Elmar Orths zwei Open-Air-Krippenspielgottesdienste.

„Wir werden das Krippenspiel als Videofilm vorbereiten und dann präsentieren“, führt er aus. Und erklärt: Um das Krippenspiel auf herkömmliche Weise aufzuführen, wäre eine riesige Bühne nötig. Um 17.30 Uhr soll es zusätzlich einen Gottesdienst in der Kirche geben.

Der Pastorale Koordinator der Pfarrei St. Anna, Valentin Wieczorek, betont, dass die Kirchengemeinden alle sehr auf Abstand und Hygiene achten würden, „damit sich auf keinen Fall Orte bilden, an denen sich Infektionsketten entzünden.“

Bei der St. Marien-Kirchengemeinde Heiligenloh-Colnrade herrscht neuerdings während des gesamten Gottesdienstes Maskenpflicht. „Und wir singen nicht“, sagt Pastorin Anke Orths. „Es fängt so langsam an, dass sich die Leute anmelden müssen“, schildert sie. Bei herkömmlichen Gottesdiensten gelte das nicht, aber für den Ewigkeitssonntag sei das zum Beispiel der Fall.

Um Infektionsketten zu vermeiden, gebe es derzeit zudem keine Gemeindenachmittage, obwohl viele Menschen gerne wieder andere Gesichter sehen würden. „Andersrum wollen wir versuchen, Angebote für Kinder möglich zu machen.“

An Weihnachten sei in Heiligenloh draußen ein Live-Krippenspiel mit einzelnen Szenen geplant, berichtet die Pastorin. In Colnrade gebe es die Idee, mehrere Stationen aufzubauen, die Menschen an Heiligabend besuchen können. Mithilfe der Posaunen könne dabei dann hoffentlich auch ein „Oh du Fröhliche“ erklingen.

In diesem Jahr soll es in Twistringen wieder eine Krippe am Centralplatz geben. Als Ort der Begegnung, wie im vergangenen Jahr, wird sie nicht dienen können. Laut Elmar Orths soll die Hütte aber mit einer Plexiglasscheibe versehen werden, „so, dass es als eine Art Vitrine funktionieren kann.“

Wie viele Menschen besuchen in Corona-Zeiten eigentlich den Gottesdienst? Joachim Kieslich erinnert sich, dass es nach der Renovierungspause erst „sehr zurückhaltend“ wieder angelaufen sei. Mittlerweile kämen wieder mehr Besucher. „Aber es ist längst nicht mehr so wie vor Corona. Das werden wir auch nicht mehr erreichen“, vermutet er.

Auf die Zahl der Messdiener habe sich die Coronakrise ebenfalls ausgewirkt. Davor seien es 50 gewesen, jetzt nur noch 37. „Wir nehmen an, dass manche den Weg zurück nicht mehr gefunden haben“, bedauert Kieslich.

Trotz allem sind die Kirchengemeinden, das betonen sie, weiterhin für die Menschen als Ansprechpartner da. Und es gibt auch positive Aspekte. Laut Pastoralreferentin Birgit Hosselmann gehört dazu, dass Kirchengemeinden neue Wege gehen. Beispiele dafür sind zusätzliche Formen der Musik in Gottesdiensten, Videobotschaften oder auch die Zurverfügungstellung von Materialien, mit denen Gemeindemitglieder kleine Hausgottesdienste feiern können. Hosselmann: „Ich glaube, es passt sowieso in unsere Zeit, unabhängig von Corona, Kirche nochmal neu zu denken.“

Von Katharina Schmidt

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