Straßennamen erzählen Geschichte(n)

Wehranlage, Postfernverkehr und Trinkhalme

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Wege durch Scharrendorf und Stöttinghausen, zur Hünenburg und zur Straße Zum Bulten (niederdeutsch „Bulte“, Hügel). 

Scharrendorf - Von Theo Wilke. Wer weiß das heute noch: Der alte Stöttinghäuser Kirchweg führte einst vom Hof Dames-Riedemann-Beuke über das Hofgrundstück Hartjens. Die ortsbildprägende Kapelle zeigt denn auch ihre offene Seite zum alten Verlauf des Weges. Von der Kapelle aus ging der Weg – seit 1873 auch über die Bahngleise – zur Bahnhofstraße. In den 1930er-Jahren wurden die Drehkreuze am Gleisbereich entfernt. Zu gefährlich wurde das Überqueren der Gleisanlagen.

Der alte Kirchweg ist einer von fast 150 Straßennamen, über die Twistringens Stadtarchiv-Leiter Friedrich Kratzsch geforscht hat. Seine Arbeit „Straßennamen der Außenorte der Stadt Twistringen nach Ortschaften gegliedert“ ist nicht als Heft erhältlich, nur auf der Internetseite der Stadt abrufbar.

Aus Scharrendorf und Stöttinghausen sind 25 Namen dabei. Der Achternweg zum Beispiel verläuft östlich und parallel „achter“ der Sulinger Straße. „Solange hier Ackerbau betrieben wurde, nannte man den Weg auch Wenneweg, weil hier jeweils der Pflug gewendet wurde“, so der Stadtarchivar. Ende der 1960er-Jahre entstanden die ersten Wohnhäuser.

1970 hat der Twistringer Ortsteil Scharrendorf seine 700-Jahrfeier gehabt. Daran erinnert ein aus Colnrade stammender Findling mit Inschrift. Die Straße Am Findling zweigt von der Stöttinghauser Straße ab und führt in Richtung Paradiesweg.

Neue Heimat für Vertriebene

Geschichtsträchtig ist auch die Straße Am Ringwall, weist sie doch auf die Hünenburg in Stöttinghausen hin, eine mittelalterliche Schutzanlage, der nach Süden hin ursprünglich noch zwei Wälle vorgelagert waren. Von der Straße Am Ringwall geht es auf einem unbefestigten Weg direkt zum massiven Burgtor. Der Heimatverein hat aus der Wehranlage in den vergangenen Jahren ehrenamtlich eine beliebte Freizeit- und Ausflugsstätte gemacht, sogar einen Unterstand und ein Backhaus errichtet.

Zurück zur Bahnstrecke, die den Außenort von der Innenstadt trennt: Die in den 1950er-Jahren gepflasterte Straße Am Schützenplatz verbinden die Twistringer zumeist mit der Schützenhalle an der Bahnunterführung. Laut Kratzsch fanden dort später unter anderem Vertriebene und Flüchtlinge eine neue Heimat.

Der Hinweis auf die Alte Schulstraße (an der Stöttinghauser Straße), überwiegend seit Ende der 1980er-Jahr bebaut.

Die Burheide steht für „Bauernheide“. Die Flur dürfte von Bauern bis ins 19. Jahrhundert hinein als bäuerlicher Gemeinschaftsbesitz für die Schafhaltung und anderes genutzt worden sein. Ein Teil dieses Grenzweges, der von der Steller Straße im Südosten abzweigt, gehört zu Twistringen. Das Scharrendorfer Teilstück führt in der Osterheide bis zur Stöttinghauser Straße.

Gassen stellt man sich schmal, eng bebaut und fast ohne Baulücken vor. Schmal ist die Drosselgasse in Scharrendorf zur Alten Schulstraße. Ein Pfahl verhindert die Durchfahrt. Ein alter fußläufiger Weg, an dem 1992 gebaut worden ist.

Beim Halmweg geht es um Strohverarbeitung

Kennen Sie den Halmweg? Nun, nach dem ersten Weltkrieg begann im Twistringer Raum die Herstellung von Strohtrinkhalmen. Kratzsch: „Auch G. H. Rußmann fand hierin sein Gewerbe ab 1923. Und 1932 richtete er eine Bleicherei ein, wodurch die Trinkhalme ihr helles Aussehen durch Natriumperoxid bekamen und gleichzeitig durch Verwendung von Oxalsäure Hygieneanforderungen gerecht wurden.“ An diesen wichtigen Strohverarbeitungszweig erinnert der Halmweg.

Den Paradiesweg gibt es etwa 60-mal in Deutschland. Das Paradies bedeutet für die meisten wohl einen eingefriedeten Park, Garten der Seligen, Garten Eden, Garten Gottes, oder auch den Himmel, meint Friedrich Kratzsch. Vom Paradiesweg aus nach Süden in Richtung Stocksdorf lag eine ausgedehnte Heidefläche. Mag sein, dass deren Anblick in der Blütezeit paradiesisch aussah.

Die Stöttinghauser Straße, die wichtige Verbindungsstraße beider Ortsteile, ist 1895 mit Feldsteinen gepflastert worden. Sie verläuft teilweise parallel zum Kuhbach. 1967 ist sie in Richtung Stelle mit einer festen Fahrbahndecke versehen worden.

Die Scharrendorfer Hauptstraße ist die Sulinger Straße, in der zweiten Hälfte des 19.  Jahrhunderts befestigt. Damals gab es keine weiteren befestigten Straßen. Die Haupttrasse diente dem Fernverkehr mit Postwagen nach Sulingen und zurück.

Die Straßennamen der Ortschaft Twistringen gibt es noch als Heft im Buchhandel und im Internet: „Mareike Claußen, Straßennamen der Stadt Twistringen – Woher sie kommen und was sie bedeuten“ (2013).

Lesen Sie auch: Im ersten Teil der Seriegeht es um Dorflehrer, Poggenmüller und Steinschläger. Viele Straßen erzählen ihre eigenen Geschichten.

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