Henrike Klein aus Twistringen hilft im Erdbebengebiet von Ecuador

„Wasser, Essen, Kleidung und Medizin: Alles wird gebraucht“

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Tausende Menschen sind durch das Erdbeben obdachlos geworden. Hier eine notdürftige Barackensiedlung bei der Stadt Pedernales im Zentrum des Erdbebengebiets.

Twistringen - Von Michael Walter. Seuchengefahr, fast jedes Haus eine Ruine, Menschen, die nach ihren Familienmitgliedern schreien, tägliche Nachbeben, provisorische Bettenlager am Straßenrand – Für Henrike Klein gehören diese Bilder momentan zum Alltag.

Die 20-Jährige aus Twistringen lebt seit acht Monaten in Ecuador und absolviert dort über das Kolping-Werk einen einjährigen Freiwilligendienst im Rahmen des „Weltwärts“-Programms der Bundesregierung. „Vor einer Woche noch war ich hier super glücklich“, sagt sie. Doch dann kam das Erdbeben.

„Die größte Katastrophe hier seit fast 70 Jahren“, sagt Henrike. Bilanz bisher: Über 600 Tote, mehrere Hundert werden noch immer vermisst. Tausende sind obdachlos. Für die junge Twistringerin stand sofort fest: Sie wollte helfen. Zusammen mit anderen Freiwilligen machte sie sich auf den Weg in die Stadt Pedernales im Zentrum des Erdbebengebiets in der Provinz Esmeraldas.

Auch die Familie dieses kleinen Jungen hat durch das Erdbeben buchstäblich alles verloren.

„Wir wurden oft davor gewarnt zu fahren, denn die kleine Küstenstadt ist einer der Orte, die am meisten zu Schaden gekommen sind“, erzählt sie. Allein dort kamen über 200 Menschen ums Leben. Etwa zwei Drittel aller Gebäude sind zerstört. „Alles Schutt und Geröll. Es war kaum eine Seele auf der Straße, weil alle riskanterweise trotz vieler Nachbeben bei den Ruinen ihrer Häuser geblieben sind, um ihr letztes Hab und Gut zu retten. Oder weil sie noch nach Überlebenden gesucht haben. Es gibt keinen Strom, selten Telefon und kein fließendes Wasser.“ Und überall der Geruch nach Leichen: „Unter den Trümmern befinden sich noch viele Tote, die bisher nicht geborgen werden konnten. Auch konnten die Berge von Verstorbenen lange Zeit nicht abtransportiert werden. Aus diesem Grund, und weil es keine Waschmöglichkeiten gibt, haben sich Seuchen ausbreiten können“, berichtet Henrike.

„Die Helfer sind überfordert. Wir haben drei Tage mitgeholfen, die Spenden entgegenzunehmen, zu sortieren, zu lagern und in Hilfspakete zu schnüren. Damit sind wir dann in viele abgelegenen Winkel der Region gefahren und haben sie verteilt. Wasser, Essen, Kleidung und Medizin – alles wird hier gebraucht, denn so viele haben alles verloren. Die Menschen schlafen unter freiem Himmel auf Matten am Straßenrand aus Angst vor den vielen Nachbeben. Bisher gab es über 500 davon, teilweise so stark, dass sie noch mehr Häuser und Leben gefordert haben. Auch ich bin in der einen Nacht in unserem Lager aufgewacht, weil alles gewackelt hat.“

Blitzschnell waren alle in der Mitte des Schulhofes, auf dem sie geschlafen haben. „Wir haben Betonstücke und Deckenplatten von der Schule einstürzen sehen, eine halbe Stunde gewartet und dann wieder geschlafen, denn solche Bilder gehören hier seit einer Woche schon zur Normalität.“

Die Ecuadorianer beschreibt Henrike Klein als sehr solidarisch: „Sie helfen, wo sie können und teilen, was sie haben – was oft nicht viel ist. Dennoch geben sie soviel ab, wie sie entbehren können. Doch das ist leider nicht genug. Schon bald werden hier die gespendeten Lebensmittel knapp und das Wasser wird ausgehen, wenn die erste Spendenwelle erstmal vorbei ist.“

Doch die eigentliche Arbeit steht erst noch bevor: „Es müssen Häuser gebaut werden, die Waisen der Verstorbenen müssen in Heimen unterkommen, die überlebenden Opfer müssen physische und psychische Betreuung bekommen und die ganze Infrastruktur muss neu aufgebaut werden.“ Und die junge Frau appelliert: „Auch wenn die Meldungen langsam aus den Nachrichten verschwinden, ist nach wie vor dringend Hilfe nötig! Eine gute Möglichkeit durch eine Spende zu unterstützen ist die Aktion Deutschland Hilft.“

Ihre Eltern sehen Henrikes spontanen Hilfseinsatz mit gemischten Gefühlen. „Wir hatten gleich am Sonntag von meiner Schwägerin gehört, dass es in Ecuador ein schweres Erdbeben gegeben hat, aber nicht da, wo Henrike gerade war“, erzählt ihr Vater Klemens Klein. „Dabei hatte sie ursprünglich genau an diesem Wochenende in diese Region fahren wollen. Wir waren sehr froh, dass das nicht geklappt hat.“ Und weiter: „Als Henrike die Idee mit dem Hilfseinsatz entwickelte, haben wir uns natürlich Sorgen gemacht. Wegen Nachbeben, wegen Plünderern – das ist eine Ausnahmesituation. Aber wir hätten in Henrikes Situation ganz genauso entschieden.“

www.aktion-deutschland-hilft.de/de/lp-erdbeben-ecuador/

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