Vergnügliche Hirnforschung im Selbstversuch

100 Jahre VHS im Landkreis Diepholz: Warum Lernen wie Sex ist

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Die Erwachsenenbildung im Fokus: Professorin Christine Zeuner referiert bei der Festveranstaltung 100 Jahre VHS.

„Warnhinweis: Denken kann Ihr Gehirn verändern!“, lässt Ulrich Schnabel, Autor und Wissenschaftsjournalist der Zeit, sein Publikum wissen. Welche Mechanismen dabei wirken und warum Lernen wie Sex ist, erläutertet der 57-Jährige mit nüchternen Fakten und viel Witz – unterhaltsam verwoben und gespickt mit vergnüglichen Aha-Erlebnissen.

Twistringen - Auf diese Weise geriet die Festveranstaltung 100 Jahre VHS am Freitag im Twistringer Hildegard-von-Bingen-Gymnasium zum Selbstversuch für rund 150 Gäste.

Das Gehirn ist eine Mustererkennungsmaschine, stellt der Autor klar – und lässt sein Publikum über ein Bild rätseln, das einer befleckten Leinwand ähnelt. Die Mehrzahl entdeckt nach intensiver Betrachtung eine Kuh. Das große Nicken im Publikum nimmt der Wissenschaftsjournalist ganz locker: „Ich habe soeben Ihr Gehirn verändert.“

Die Mustererkennungsmaschine funktioniert so perfekt, dass sie selbst in einem unappetitlichen Buchstabensalat noch Worte erkennt, wie der zweite Selbstversuch beweist. Sie formt Bilder – Mensch kann nichts dagegen tun – wie Selbstversuch Nummer drei beweist: ein Bild, das ein umschlungenes Liebespaar zeigt. 

Oder nicht? „Kinder sehen Fische!“, erklärt der Wissenschaftsjournalist seinen Zuhörern. Sie amüsieren sich köstlich – vor allem über den Aufsatz eines Viertklässlers: „Mit dem Gehirn denkt man, dass man denkt. Außerdem wird es für die Kopfschmerzen gebraucht. Das Gehirn ist ein sehr empfindliches Organ. Deshalb benutzen es viele Leute sehr selten.“

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Hirnforscher in Twistringen: Verständnis wie Sex

Doch wer es benutzt, dem verschafft der Aha-Effekt ein Glücksgefühl: „Wenn wir Strukturen und Zusammenhänge erkennen, verschafft das unserem Gehirn ein positives Belohnungserlebnis“, sagt Schnabel – und zitiert den Hirnforscher Valentin von Braitenberg, wonach Lernen mit einem starken Trieb verbunden ist. 

„Verständnis ist wie Sex“, so der Wissenschaftsjournalist. Und in der Schule? Ist Lernen dort gleich Sex? Das Muss ist das Problem: „Wenn man Ihnen das aufdrückt, dann vergeht die Lust“, gibt Ulrich Schnabel zu bedenken. Und stellt klar: Wir lernen am besten, wenn wir es selbst in der Hand haben. Genau das sei eine Stärke der VHS.

Wissenschaftsjournalist Ulrich Schnabel referierte in Twistringen.

Die Grundbedingung jedoch, lebendig zu bleiben und neue, kreative Ideen zu entwickeln, ist die Muße – davon ist Schnabel so fest überzeugt, dass er ein Buch darüber geschrieben hat: „Muße. Vom Glück des Nichtstuns“. Muße ist demnach eine bedrohte Ressource – und die digitalen Medien sind ihr Feind. Die VHS biete Orte der Muße und des selbstbestimmten Lernens, ebenso wie Training fürs Gehirn und eine Therapie gegen Einsamkeit.

Warum die Erwachsenenbildung in der Gesellschaft unverzichtbar ist, hatte zuvor Professorin Christine Zeuner von der Fakultät für Geistes- und Sozialwissenschaften in Hamburg erläutert. „Eine stabile Gesellschaft und eine prosperierende Wirtschaft bedürfen des lebenslangen Lernens“, so die Botschaft ihres Festvortrags. Aber fast die Hälfte der Erwachsenen in Deutschland nehme ihr Recht auf Weiterbildung nicht wahr. Die aber sei entscheidend dafür, dass sich alle Menschen an der Demokratie beteiligen können.

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VHS Diepholz: 6000 verschiedene Bildungsangebote

Warum durch einen Wechsel der Perspektive Magie entsteht, lässt der Comedian Felix Gaudo die Zuhörer erleben – und erinnert daran, dass die VHS im Landkreis Diepholz an 15 Standorten insgesamt 6.000 Bildungsangebote offeriert. Sie sei kommunal verankert und arbeite wohnortnah, so der stellvertretende Landrat Volker Meyer. 

Er skizzierte die Geschichte dieser Bildungseinrichtung im Landkreis Diepholz (sie ist 79 Jahre alt) und betonte, dass die VHS offen für Menschen aus allen sozialen Schichten sei. „Ein echter Kraftakt“, so Volker Meyer, seien die Sprachkurse für die vielen Geflüchteten gewesen, die vor vier Jahren in den Landkreis gekommen waren.

Verlust der Heimat, Sehnsucht nach Zuhause, Angst vor Krieg und innere Zerrissenheit: Davon erzählten die „Zollhausboys“. Mit rockigem Rap und viel Gefühl belebte die Band den Abend.

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