Frauen tauschen sich bei digitaler Veranstaltung aus

Von Gleichstellung bis Gewalt

Herausforderung in Coronazeiten: Homeschooling.
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Herausforderung in Coronazeiten: Homeschooling.

Twistringen  –   Genau ein Jahr ist es her, dass im Landkreis Diepholz die ersten Coronafälle vermeldet wurden. In den vergangenen Monaten mussten viele ihr Päckchen tragen. Ein Großteil der Last lag dabei laut der Twistringer Gleichstellungsbeauftragten Heike Harms auf den Schultern der Frauen.

Anlässlich des Weltfrauentags trafen sich auf ihre Einladung hin am Montagabend Frauen zu der virtuellen Veranstaltung „What’s on – trotz Lockdown?“. Bei der Videokonferenz wurde deutlich: In Sachen Gleichberechtigung gibt es noch viel zu tun, insbesondere nach 365 Tagen Corona.

Die Coronakrise

Kinderbetreuung, Homeschooling, die Pflege Angehöriger – meistens sind es die Frauen, die sich vorrangig um all das kümmern. Infolgedessen stecken sie beruflich zurück, was einer der Gründe für den Gender-Pay-Gap ist (also den Unterschied zwischen dem durchschnittlichen Lohn von Männern und Frauen). Ein anderer Faktor ist, dass Frauen öfter in systemrelevanten, aber schlecht bezahlten Berufen arbeiten. Das Ehegattensplitting begünstigt die Rollenverteilung zusätzlich. In Zeiten von Corona werden viele Ungleichheiten verstärkt.

Über diese Zusammenhänge berichtete Heike Harms am Montag. „Wir brauchen gute und flexible Kinderbetreuungsmöglichkeiten“, betonte sie. Zudem sei die Forderung nach mehr Frauen in Führungspositionen weiter aktuell. „Auch der Ruf nach einem Leben ohne Gewalt bleibt bestehen. Für Frauen ist es im Lockdown deutlich schwerer, für manche unmöglich, Hilfe zu suchen.“

Sexuelle Gewalt

Das bestätigte Lena Pritchard von der Beratungsstelle Papillon. Diese hilft Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die von sexueller Gewalt betroffen sind. „Die meisten Betroffenen, die zu uns kommen, sind Mädchen und junge Frauen“, berichtete Pritchard. Besteht ein Zusammenhang zwischen dem Lockdown und der Zahl der Hilfesuchenden? „Es zeichnet sich auf jeden Fall bei uns ab“, sagte sie. Nach dem ersten Lockdown habe es einen Anstieg gegeben. In den vergangenen Monaten sei es ruhiger geworden. Die Beratungsstelle führt das darauf zurück, dass es Betroffenen im Lockdown möglicherweise nicht gelingt, Hilfe zu holen. „Wir rechnen damit, dass sich wieder mehr an uns wenden, wenn die Lockerungen jetzt kommen.“

Bildung

Auch viele Geflüchtete haben es im Lockdown noch schwerer als ohnehin schon. Darüber berichtete Gabriele Hagedorn von der Twistringer Flüchtlingsinitiative Fit. Offene Angebote wie die Hausaufgabenhilfe oder der Frauentreff seien angesichts der Coronakrise derzeit nicht möglich. Deswegen haben die Mitglieder der Initiative zu einer Eins-zu-eins-Betreuung gewechselt. Sie unterstützen Familien zum Beispiel auch beim Homeschooling.

„Wir helfen aktuell vielen Jugendlichen und erwachsenen Töchtern“, schilderte Hagedorn. „Viele mussten in ihren Heimatländern die Schule abbrechen, konnten hier aufgrund der fremden Sprache aber nicht wieder anknüpfen.“ Andere hatten gar nicht erst die Möglichkeit, in ihrem Heimatland eine Schule zu besuchen. „Ich war anfangs naiv zu glauben, dass Bildung ein Grundrecht ist“, sagte Hagedorn. Einige Frauen hätten noch nie eine Schule gesehen. Hinzu komme, dass sie in einer von Männern dominierten Welt aufgewachsen seien. „Wenn ich mir wünsche, dass meine Tochter in zehn Jahren nicht mehr über Gender Pay diskutieren muss, geht es bei diesen Frauen um grundsätzlich anderes.“ Zum Beispiel darum, dass sie keine Gewalt erfahren. Dass sie ohne Angst alleine auf die Straße gehen können. Dass sie ein eigenes Bankkonto haben. Und eine Perspektive auf Bildung „Sie haben nicht gelernt, dass diese Gedanken überhaupt zulässig sind“, erzählte Hagedorn. Keine Frage: Es gebe natürlich auch geflüchtete Frauen, die gebildet sind und ein Konto haben. Aber die anderen dürften nicht aus dem Blick geraten.

Politik

Birgit Jürgens, die am Mentoringprogramm „Frau. Macht. Demokratie“ teilgenommen hat, meinte bei der Videokonferenz: „Wir Frauen nutzen unsere Macht tatsächlich ein bisschen zu wenig.“ Das sehe man zum Beispiel am Frauenanteil in der Politik. Im Europaparlament seien es 36 Prozent, im Bundestag 31 und in Kommunalparlamenten nur noch durchschnittlich 24 Prozent. Kurz nachgerechnet: Im Twistringen Stadtrat liegt der Frauenanteil bei rund 28,5 Prozent. Birgit Jürgens Appell an Frauen, die mit den Gedanken spielen, in die Politik zu gehen: „Traut euch!“

Frauen damals

Gästeführerin Hedwig Harms stellte bei dem digitalen Treffen Profile von Frauen vor, die einst in Twistringen gelebt haben – zum Beispiel Ida, geboren 1904 in Ridderade. Lange opferte sie sich für die Familie auf. Erst im späten Alter konnte sie ihrer Leidenschaft, dem Schreiben, nachgehen. Ihre Geschichte zeigt, dass es für Frauen oft schwer war, ihre Wünsche zu leben.

Videoclips und Radtouren

Bei der digitalen Veranstaltung zum Weltfrauentag kamen folgende Pläne zur Sprache:

Um Migrantinnen in Form von Videoclips vorzustellen, sucht die Twistringer Gleichstellungsbeauftragte Heike Harms Mädchen und junge Frauen mit und ohne Migrationshintergrund, die das Erstellen und Bearbeiten von Fotos und Videos erlernen möchten. Wer Interesse hat, kann sie per Mail an folgende Adresse kontaktieren: h.harms@twistringen.de.

Von den Twistringer Landfrauen berichtete die erste Vorsitzende Helga Lange. Sie kündigte unter anderem an, dass die Landfrauen ab Mai jeden ersten Dienstag im Monat abends eine Fahrradtour rund um Twistringen planen.

Von Katharina Schmidt

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