Gelungene Integration

Zekria Amiri flüchtet von Afghanistan nach Twistringen und beginnt eine Ausbildung als Bäckergeselle

Zekria Amiri in der Backstube.
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Zekria Amiri ist in Deutschland angekommen. Sein Lieblingsgebäck sind übrigens Kornknacker-Brötchen. In seiner Heimat Afghanistan gebe es überwiegend Fladenbrot, sagt er.

Twistringen – Zekria Amiri ist vor etwa fünf Jahren über das Mittelmeer von Afghanistan nach Europa geflohen. Nach einer harten Reise landete er damals in der Flüchtlingsaufnahmestelle in Twistringen. Seitdem ist viel passiert. Amiri ist inzwischen 29 Jahre alt, spricht Deutsch und hat eine Ausbildung bei der Bäckerei Weymann absolviert. Seine Geschichte ist ein Beispiel für gelungene Integration.

Aber von Anfang an:

Afghanistan

Im Sommer 2015 beschließt Zekria Amiri zu fliehen. Er kann nicht zurück in sein Heimatdorf. Dort sind die Taliban. Die Terrorgruppe würde ihn töten, da ist er sich ziemlich sicher. Immerhin hat er in Kabul, der Hauptstadt Afghanistans, als Fahrer für einen Amerikaner gearbeitet – und die Amerikaner sind der Kriegsfeind der Taliban. In Kabul bleiben kann Amiri aber auch nicht. Er hat seinen Job verloren, und vor Ort findet er keinen neuen. Also bricht er auf. „Ich wollte nach Großbritannien, nach London“, erzählt er heute.

Die Flucht

Sein erster Zwischenstopp auf dem Weg nach Europa sollte damals Teheran sein, die Hauptstadt des Iran. Einen Monat ist Zekria Amiri dorthin unterwegs. Die meiste Zeit davon zu Fuß. Tagsüber wandert er durch die pralle Sonne, nachts schläft er draußen in Wäldern.

Andere Flüchtlinge haben das gleiche Ziel wie er. Nicht alle von ihnen kommen an. „Ich habe auf dem Weg zwei meiner Bekannten verloren, sie sind gestorben. Das war richtig schwer für mich“, berichtet Amiri rückblickend. Als Grund für den Tod der beiden nennt er die sengende Hitze während der Flucht.

Zekria Amiri schafft es bis nach Teheran. Dort findet er jemanden, der zusagt, ihn bis nach Europa zu bringen. Für Tickets und Verpflegung zahlt er rund 150 Euro. Zusammen mit anderen Flüchtlingen wird er daraufhin in die Nähe der türkischen Grenze gefahren. Was folgt, ist ein 21-Stunden-Marsch durch bergiges Gebiet. „Wir waren eine Gruppe von 50, 60 Menschen, darunter auch viele Kinder und Familien“, erinnert sich der 29-Jährige. Und fügt nach einer kurzen Pause hinzu: „Wir haben viele tote Leute gesehen.“

Nach der Grenzüberschreitung fahren die Flüchtlinge in jenen Tagen per Bus nach Istanbul. Von dort geht’s zum Mittelmeer. Die Überfahrt nach Griechenland dauert normalerweise nur ein paar Minuten. Amiris Gruppe ist aber mehr als zwei Stunden bei starkem Seegang unterwegs. „Der Captain konnte nicht so gut fahren“, erzählt Amiri im Nachhinein. Zwischenzeitlich sei der Motor des Bootes ausgegangen. „Es war eine Katastrophe.“

Nach acht Tagen auf Lesbos gelangt Amiri über Mazedonien, Serbien, die Slowakei und Österreich nach Deutschland. Teilweise ist er per Zug unterwegs, teils wieder zu Fuß. Von München kommt er schließlich nach Hannover. Dort steigt er um in den Bus nach Twistringen.

Ankunft in Twistringen

2,5 Monate, nachdem er zu seiner Flucht aufgebrochen war, kommt Zekria Amiri in Twistringen an. Zunächst lebt er zwei Monate in der Flüchtlingsaufnahmestelle, bevor er dann mit vier anderen Männern in eine kleinere Flüchtlingsunterkunft zieht.

Flüchtlingsbetreuer Michael Thomes hilft Amiri, einen Platz in einem Deutschkurs des Instituts für angewandte Pädagogik (Ifap) in Syke zu bekommen. Wie auch andere Zugezogene macht Zekria Amiri die Erfahrung: Die deutsche Sprache ist schwer. In sechs Monaten erreicht er Sprachniveau A2 und lernt einiges über Hauswirtschaft. „Danach habe ich dann einen Ausbildungsplatz gesucht. Das Ifap hat mir dabei geholfen“, erzählt Amiri.

Kontakt zu seinen Eltern und seinen neun Geschwistern hat er nur noch alle paar Monate, da es in seinem Heimatdorf kein Internet gibt und telefonieren teuer ist.

Ausbildung

Zunächst bekommt Amiri bei der Bäckerei Weymann in Twistringen einen Praktikumsplatz. Er merkt, dass der Job ihm Spaß macht. Und die neuen Kollegen merken, dass Zekria Amiri ein zuverlässiger Mitarbeiter ist.

Der Flüchtling beginnt eine Ausbildung zum Bäcker bei Weymann. Es ist nicht immer leicht für ihn. Wie er Teig knetet, Kuchen herstellt und Gebäck formt, lernt er schnell. Doch in der Berufsschule kommt zum Tragen, dass er noch nicht so gut Deutsch kann.

„Für mich war das richtig schwer“, sagt der 29-Jährige heute. Aber die Mühe war es wert: Er hat seit Kurzem seinen Gesellenbrief in der Tasche. Chef Henrik Weymann beschreibt Zekria Amiri als Vorzeige-Azubi. „Er hat sich vom ersten Tag an super integriert und schnell eingearbeitet. Gerade die tägliche Arbeit mit den Kollegen hat ihn das Lernen der Sprache einfacher gemacht.“

Fester Job

Zekria Amiri bleibt weiterhin im Team von Weymann, wo er zusammen mit circa 40 Kollegen in der Twistringer  Backstube Backwaren herstellt, welche in den 18 Filialen verkauft werden. „Es macht einen schon stolz“, beschreibt er das Gefühl, wenn er die Backwaren im Laden sieht, welche er selbst hergestellt hat.

Zum 1. August suchen viele Betriebe wieder Azubis, so auch die Bäckerei Weymann. Henrik Weymann hofft, dass Zekria Amiri mit seiner Geschichte vielleicht auch andere junge Menschen mit einem ähnlichen Hintergrund ermutigt, einen Beruf im Handwerk anzustreben, wo die Sprachbarriere oftmals nicht so ein großes Problem darstellt, sondern Teamwork gefragt ist.

Neues Zuhause

Zekria Amiri wohnt schon seit Längerem nicht mehr in einer Flüchtlingswohnung. Der 29-Jährige erzählt davon, dass es dort oft laut und stressig gewesen sei. Er hebt hervor, dass sein Arbeitgeber ihm dabei geholfen habe, seine erste eigene Wohnung in Twistringen zu finden, und ihn auch bei den unzähligen Behördengängen unterstützt habe.

Ursprünglich wollte Zekria Amiri nach London. Doch nun möchte er bleiben, wo er ist. „Die Menschen sind alle sehr nett und ich war schon öfters in Hannover und Berlin, aber eine kleinere Stadt wie Twistringen gefällt mir besser “, sagt der Bäckergeselle. Generell möge er Deutschland. „Man hat hier gute Chancen, etwas zu erreichen.“ Sein nächstes Ziel ist der Führerschein.

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