Weißer Ring braucht ehrenamtliche Mitarbeiter

Unerträgliches ertragen helfen – Opfer begleiten

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Opfer von häuslicher Gewalt können beim Weißen Ring Hilfe finden.

Twistringen - Es sind quälende Stunden, denen unerträgliche Monate vorausgegangen sind: Eltern, die ihren Sohn durch ein Gewaltverbrechen verloren haben, müssen jetzt irgendwie auch noch die Gerichtsverhandlung in den Niederlanden durchstehen. Werner Käding und seine Frau Jutta begleiten sie in dieser absoluten Ausnahmesituation.

Die Mitarbeiter des Weißen Rings bei ihrer Pressekonferenz in Twistringen. Leiter der Diepholzer Außenstelle ist Werner Käding (6.v.l.). Links neben ihm seine Frau Jutta. -  Foto: Seidel

Auch sie haben diesen Albtraum schon einmal durchleben müssen, auch sie haben ihren Sohn durch ein Gewaltverbrechen verloren – und führen seit 2005 die Außenstelle Diepholz im Weißen Ring. Diese Organisation steht Menschen zur Seite, die Opfer eines Verbrechens geworden sind. Mord, Totschlag, Missbrauch oder Körperverletzung: Das Ehepaar Käding weiß, wie tief sich solche Erlebnisse in die Seele der Betroffenen einbrennen können – und wieviel Kraft es kostet, mit einer solchen Bürde den Alltag meistern zu müssen. Sie haben ihren Sohn Alexander 1999 durch ein Gewaltverbrechen verloren. „Am schlimmsten war es für uns als Nebenkläger im Prozess gegen den Täter, als wir ihm gegenüber standen. Für uns war dies aber das Letzte, was wir für Alexander tun konnten“, sagte das Ehepaar einmal.

Anderen negative Erfahrungen ersparen, die sie selbst machen mussten: Das wollten die Kädings umsetzen. Deshalb begleiten sie heute Opfer – gemeinsam mit anderen ehrenamtlichen Helfern. Den Kontakt zum Weißen Ring stellt die Polizei her. Je nach Fall kann die Außenstelle Diepholz die Opfer aber auch mit einem Scheck für die Rechtsberatung oder eine psychologische Erstberatung unterstützen – möglich ist ebenso eine finanzielle Opferhilfe.

Heute, am Tag der Kriminalitätsopfer, wollen Werner Käding als Leiter der Außenstelle und seine Frau Jutta als Stellvertreterin auf die Arbeit des Weißen Rings aufmerksam machen. Gemeinsam mit den anderen ehrenamtlichen Mitarbeitern haben sie deshalb eine Pressekonferenz organisiert. Ein Fernsehteam von Sat. 1 ist ebenso dabei, es dreht für die Regionalsendung heute um 17.30 Uhr.

Warum arbeiten die Ehrenamtlichen für den Weißen Ring? „Ich habe einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn“, antwortet Elke Butt. Dass in der Regel immer die Täter im Fokus stehen, kann sie nicht ertragen: „Ich kann die Bilder vom Zschäpe-Prozess nicht mehr sehen“, sagt die Sykerin. „An die Angehörigen der Opfer, die nicht mehr arbeitsfähig sind, denkt niemand.“

Das kann Wilfriede Wienbergen aus Bruchhausen-Vilsen nur bestätigen. Denn dass sich niemand um die offensichtlichen Leiden eines Opfers kümmert, das hat die Helferin aus Bruchhausen-Vilsen in ihrer Funktion als Schöffin vor Gericht erlebt – und die Situation als unerträglich empfunden. Deshalb engagiert sie sich jetzt im Weißen Ring.

Zwar hat die Außenstelle Diepholz knapp 200 Mitglieder in ihren Reihen, sagt Werner Käding. Aber es sind nur knapp 20 Ehrenamtliche, die sich um die Opferbegleitung kümmern. Genau deshalb wünschen sich der Außenstellenleiter und seine Helfer, weitere Ehrenamtliche für diese Aufgabe gewinnen zu können. Insbesondere im Bereich Bassum, Twistringen, Barnstorf und Bruchhausen-Vilsen bestehe Bedarf, so Käding. „Unsere Außenstelle ist zuständig für den gesamten Landkreis Diepholz, und der ist sehr groß“, stellt er klar. „Deshalb haben wir versucht, eine Lösung für den Nord- und den Südkreis zu finden“, berichtet der 62-Jährige über einen Workshop. Ergebnis: „Wir wollen auch im Nordkreis einen stellvertretenden Außenstellenleiter installieren.“ Es fehlt allerdings zurzeit an einem geeigneten Bewerber.

„Wir brauchen Mitarbeiter, und wir brauchen auch Mitglieder“, sind sich die Ehrenamtlichen einig. Die Mitgliedschaft koste 2,50 Euro im Monat, berichtet der Vorsitzende. „Aber es geht uns nicht ums Geld“, betont Käding. Viel wichtiger sei es, als Organisation politisch Gewicht zu haben, um Verbesserungen für Kriminalitätsopfer zu erreichen. Herzenswunsch von Werner Käding ist es, „dass die Rechte der Opfer gestärkt werden“. Er und seine Frau haben festgestellt: „In Holland läuft das etwas menschlicher.“ Dort seien bei einer Gerichtsverhandlung die Angehörigen der Opfer räumlich vom Täter getrennt. Belastende Situationen würden nach Möglichkeit vermieden. Außerdem gebe es dort so etwas wie einen „Familienpolizisten“.

Werner und Jutta Käding wissen das aus eigener Erfahrung, weil sie die im Landkreis Diepholz wohnenden Eltern zum Prozess in den Niederlanden begleitet haben. Deren 32-jähriger Sohn war dort spurlos verschwunden, seine Leiche erst nach Monaten in einem Sumpfgebiet entdeckt worden. Den Ermittlungen zufolge war der 32-Jährige von seiner Lebensgefährtin getötet worden, die einen Helfer hatte. Gegen diesen Mann läuft in den Niederlanden zurzeit das Gerichtsverfahren.

Dort arbeiten die Kädings eng mit der niederländischen Organisation zusammen, die sich um Kriminalitätsopfer kümmert.

Zahlen und Fakten

Die Außenstelle Landkreis Diepholz hat in den vergangenen Jahren 151 Opfer nach Straftaten unterstützt.

Mord oder Totschlag: 2013 zwei Fälle, 2014 ein Fall, 2015 zwei Fälle, 2016 bisher ein Fall.

Sexueller Missbrauch: acht Fälle 2013, 14 Fälle 2014, 14 Fälle 2015 und vier Fälle seit Jahresbeginn.

Körperverletzung: elf Fälle 2013, 17 Fälle 2014, fünf Fälle 2015 und fünf Fälle seit Jahresbeginn.

Einbruch: 2013 und 2014 jeweils ein Fall; 2015 vier Fälle, in diesem Jahr bisher keiner.

Häusliche Gewalt: 2013 vier Fälle, 2014 zwei Fälle, 2015 vier Fälle, 2016 bisher zwei Fälle.

Bedrohnung: 2013 zwei Fälle, 2014 ein Fall, 2015 zwei Fälle.

Stalking: 2013 zwei Fälle, 2014 und 2015 jeweils drei Fälle.

Raubüberfall: 2013 ein Fall, 2014 zwei Fälle, 2015 sechs Fälle.

Andere Gründe: 2013 vier Fälle, 2014 elf Fälle, 2015 sechs Fälle, 2016 fünf Fälle.

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