Twistringer Kurt Gerhardt mit Kritik an Kriegerdenkmal-Inschrift / Noch zeitgemäß?

„Unbegreiflich“

Da haben sich Leute hingestellt und einen solchen Zynismus in Stein hauen lassen. Unfassbar!
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Da haben sich Leute hingestellt und einen solchen Zynismus in Stein hauen lassen. Unfassbar!

Twistringen – Sind Kriegerdenkmale noch zeitgemäß oder können die weg? Diese Frage beschäftigt nicht nur die jüngere Generation. Spätestens zum Volkstrauertag – in diesem Jahr am 15.  November – kommt die Diskussion wieder auf über den Sinn der Ehrenmale. Wenn Kränze niedergelegt und Reden gehalten werden. „Ich war beim Denkmal am Sportplatz, um den Namen eines gefallenen Onkels zu suchen. Dabei stieß ich auf die Inschrift“, sagt der gebürtige Twistringer Kurt Gerhardt. Als „unfassbar und unbegreiflich“ kritisiert der frühere WDR-Moderator, was dort in Stein gehauen wurde.

Gerhardt, der darüber Stadtarchivar Friedrich Kratzsch informiert hat, stört sich an der zweiten Strophe: „Suchst du eigenen Gewinn, wirst du rastlos wandern, Diese gaben alles hin für das Wohl der andern“.

Gerhardt ist „unbegreiflich, wie Leute nach dieser Erfahrung so etwas schreiben können – in dem Wissen, dass diese Soldaten ihr Leben nicht ,gegeben’ haben, sondern dass es ihnen von einer mörderischen Regierung entrissen wurde“. Und zum „Wohl“ welcher „andern“ seien diese Verbrechen gewesen? Er kenne niemanden, so Kurt Gerhardt an den Stadtarchivar. Und er geht noch weiter: „Da haben sich Leute hingestellt und einen solchen Zynismus in Stein hauen lassen. Unfassbar!“

Friedrich Kratzsch antwortet darauf: „Mit der Denkmälergeschichte habe ich mich schon vor 38 Jahren auseinandergesetzt. Ich stimme deiner Auffassung völlig zu.“

Nach den letzten Kriegen seien in den meisten Gemeinden zum Gedenken an die Gefallenen Ehrendenkmäler errichtet worden, auch in Twistringen, schreibt Kratzsch unserer Redaktion. 1907 wurde das vom Kriegerverein gestiftete Denkmal, auf dem die Germania thront, auf dem Marktplatz für die Toten des Deutschen Krieges (1866) und Deutsch-französischen Krieges (1870/71) eingeweiht. Die Inschrift: „Den gefallenen Helden zum ehrenden Gedächtnis, den Mitkämpfern zur dankbaren Anerkennung, den kommenden Geschlechtern zur Nacheiferung“.

Kratzsch: „Nacheiferer brauchten nur sieben Jahre zu warten, dann begann der Erste Weltkrieg. Die Vaterlandsliebe kannte jetzt – auch auf der Gegenseite – keine (fremden) Grenzen.“ In der Samtgemeinde Twistringen beklagte man hinterher 227 Tote. 1932 wurde für diese Opfer das Kriegerdenkmal an der Lindenstraße in einer großen Feier eingeweiht. Die eingemauerte Urkunde enthält unter anderem den Text: „Alles für uns – nichts für sich. So opferten sie ihr Leben, so stehen wir Überlebenden in großer Schuld. Schwere Notjahre folgten, da wir in den Ketten von Versailles seufzten (...). Und immer noch gilt der Gewaltvertrag siegestrunkener Feinde (...).“

Für den heutigen Stadtarchivleiter war vor Jahrzehnten schon klar: „In der Tat war ,der Gewaltvertrag siegestrunkener Feinde’ die Grundlage neuen Unfriedens, und er begünstigte Hitlers Aufstieg. Deutsche Wehrmachtsträumer in hohen Stellungen ersehnten ein Reich vom Kanal bis zum Kaukasus.“

Nach dem Zweiten Weltkrieg mit etwa 50 Millionen Toten trauerten die Twistringer um fast 300 Mitbürger. Friedrich Kratzsch weiter: „Letzteren wurde das Ehrenmal an der Lindenstraße zusätzlich zu den Opfern des ersten Weltbrandes im Jahr 1967 gewidmet.“ Diesen geschichtlichen Hintergrund bedenkend, überkomme ihn ein beklemmendes Gefühl, wenn er, wie Gerhardt, die zweite Strophe am Denkmal lese.

Die Inschrift beginnt mit „Wanderer, wenn du hier verweilst, falte still die Hände, denke, eh du weiter eilst, einmal an dein Ende!“ – und dann der zweite Text: „Suchst du eigenen Gewinn, wirst du rastlos wandern, Diese gaben alles hin für das Wohl der Andern.“

Mit den Kriegstoten muss auch die heutige Gesellschaft leben – aber wie? Vor einigen Jahren hat die evangelische Akademie der Nordkirche in Güstrow dies thematisiert. Die Frage „Wie gehen wir damit um?“ sei nicht so einfach zu klären. Ein Soldatendenkmal sei aber immer noch gut, junge Menschen daran zum Frieden zu erziehen. Und Kriegsdenkmäler sollten auch als Ausdruck der Kulturgeschichte erhalten bleiben. Mehr Infos sind im Internet unter www.akademie.nordkirche.de nachzulesen.

In Twistringen hat Kurt Gerhardt nun auch Kontakt zum Gymnasiumleiter Peter Schwarze aufgenommen. Mit seinem Vorschlag für ein Projekt im Geschichtsunterricht: „Schüler begutachten die Kriegerdenkmäler in ihrer Nähe“.

In diesem Jahr hat die Corona-Pandemie eine von der Stadt und den Kirchengemeinden geplante Gedenkfeier aus Anlass des Kriegsendes 1945 in Twistringen verhindert. Britische Panzer rollten am 7. April 1945 auf den Twistringer Centralplatz. Die Stadt nahmen die Alliierten kampflos ein – und dies nur dank mutiger Bürger, die verhinderten, dass verblendete Nazi-Anhänger noch Panzersperren verteidigten.

Stadt und Kirchengemeinden entwickelten eine kreative Alternative: große Erinnerungswürfel mit Bildern aus der Nachkriegszeit Mahnung zum Frieden und Erinnerungskultur – so geht das auch..

Mehr Infos

„750 Jahre Twistringen“ (2000), und „Twistringen erzählt“ (2011). Im Internet:

www.twistringen.de/Stadtarchiv

Von Theo Wilke

Kurt Gerhardt
In Stein gemeißelt: Die zweite Strophe am Kriegerdenkmal an der Lindenstraße sorgt für Kritik und beschäftigt so manchen Passanten.

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