Ärzte sind ratlos: 18-jährige Twistringerin plötzlich ein Pflegefall

Kein Arzt weiß Rat für die 18-jährige Mara Sander aus Twistringen. Innerhalb weniger Monate ist sie ein Pflegefall geworden. Nun läuft eine Spendenaktion für die Familie.
Twistringen – Dass die 18-jährige Mara wieder gesund wird und das fröhliche Mädchen, das sie noch vor einem Jahr war: Das wäre für ihre Eltern Stephanie und Stefan Sander aus Twistringen das schönste nur denkbare Weihnachtsgeschenk, genau wie für Maras Schwester Jette (12). Doch die Angst um Mara ist groß: Sie ist plötzlich ein Pflegefall geworden.
Ihre Symptome ähneln denen, die häufig von Long-Covid-Betroffenen berichtet werden, in Teilen stimmen sie mit dem zusammen, was Menschen ertragen müssen, die am Chronischen Fatigue-Syndrom leiden, auch mit dem Post-Vac-Syndrome gibt es Übereinstimmungen im Krankheitsbild: Krankhafte Schwäche oder Erschöpfung, Belastungsintoleranz, Sprachstörungen. Heute sitzt sie im Rollstuhl, kann nicht mehr alleine essen.
Mara Sanders Schwierigkeiten begannen mit Kopfschmerzen
Doch bislang ist nicht klar, was Mara hat. Keine medizinische Behandlung in verschiedenen Krankenhäusern hat bislang angeschlagen. Gegen Long-Covid spricht, dass ihre Schwierigkeiten vor der ersten bestätigten Erkrankung begannen. Sie war frisch geimpft, als die Probleme begannen.
Alle Hoffnung ruht jetzt auf einer speziellen Blutwäsche, der sogenannten H.E.L.P.-Apherese. Doch diese Behandlung ist sehr teuer. Weil die Krankenkasse die Kosten nicht übernimmt, hat Maras Mutter Stephanie eine Spendenaktion gestartet: „Unterstützt Mara“ auf der „Spendenseite“ im Internet.
Dort stellt sich Mara mithilfe ihrer Mutter selbst vor: „Eigentlich müsste ich in meinem Alter wohl auf Partys gehen und feiern – obwohl ich eher in die Schule gehen würde, um mein Abi zu machen oder mit meinem Mountainbike zu fahren. Dies kann ich aber leider nicht. Seit meiner zweiten Corona-Impfung, die ich im Dezember 2021 bekam, begannen meine gesundheitlichen Probleme.“
H.E.L.P.-Apherese - was ist das?
Die H.E.L.P.-Apherese ist ein etabliertes Verfahren, das in Dialysezentren allerdings für die Behandlung anderer Krankheiten vorgesehen ist – zum Beispiel für Patienten mit gestörtem Fettstoffwechsel. Auch wenn bundesweit in Einzelfällen immer wieder Erfolge bei Long-Covid-Patienten festgestellt werden: Für den breiten Einsatz in diesem Behandlungsgebiet gibt die Deutsche Gesellschaft für Nephrologie (DGfN) keine Empfehlung, „solange keine ausreichende Datenbasis die Wirksamkeit und letztlich auch die Sicherheit belegen“.
Dr. Frank Lorenz, Internist und Nephrologe am Dialysezentrum in Bassum, weiß: „Das ist ein Heilversuch in einer verzweifelten Situation.“ Aber es sei wie so oft in der Medizin: „Wenn es hilft, hat es ja auch seine Berechtigung.“ Die große Schwierigkeit sei allerdings, die sehr aufwendige, individuell abgestimmte Behandlung bei Long Covid wissenschaftlich so zu dokumentieren, dass sie als anerkanntes, medizinisches Verfahren zugelassen werden könnte. In jedem Fall sollten alle Behandlungsschritte genau dokumentiert werden.
Ihre Tochter habe Kopfschmerzen gehabt und fühlte sich schlecht, blickt ihre Mutter zurück. „Dann hat sie 40 Grad Fieber bekommen.“ Jetzt ist Stephanie Sander beunruhigt: „Sie hatte keine Vorerkrankungen, war als Kind auch nie wirklich krank ...“
Trotz aller Bemühungen: Die Ärzte können Mara nicht helfen, ihr Gesundheitszustand verschlechtert sich immer weiter. Sie sei so erschöpft gewesen, schreibt Mara, „dass ich es nicht zur Schule geschafft habe. Hatte keine Kraft, 500 Meter zu gehen. Der Weg von meinem Zimmer bis zur Toilette war schon weit für mich. Alles war anstrengend. Meine Beine waren schwer wie Blei. Bekam sie teilweise nicht hoch, um mich hinzulegen. Benötigte immer Hilfe dafür. Und das in meinem Alter.“
Die 18-Jährige besucht das Fachgymnasium Technik an der BBS Europaschule in Syke und freut sich darauf, ihr Abitur machen zu können. Das aber rückt plötzlich in weite Ferne: Fast drei Monate kann Mara die Schule nicht besuchen, Anfang Februar steckt sie sich auch noch bei ihrer Schwester Jette mit Corona an.
Behandlungen in den Krankenhäusern Vechta, Damme, Oldenburg und Göttingen ohne Erfolg
„Ende Februar ging es dann endlich wieder in die Schule“, schreibt die 18-Jährige. Doch nur stundenweise sei das möglich gewesen: „Ich bekam dann vermehrt Probleme mit meinen Beinen. Konnte teilweise die Treppe nicht richtig hoch- oder runtergehen. Mir ging es dann den ganzen Sommer über mal besser, mal schlechter. Aber nie, wie vor der Impfung.“ Ihre Mutter fährt sie jeden Tag zur BBS Europaschule und holt sie wieder ab, weil Mara den Schulweg allein nicht bewältigen kann.
Am 8. August verschlechtert sich ihr Gesundheitszustand dramatisch: „Es fing damit an, dass ich keine Kraft mehr in den Beinen hatte, um zu stehen oder zu gehen. Ich benötige seitdem einen Rollstuhl. Mein Zustand wurde nach und nach immer schlechter. Mittlerweile kann ich nicht mal mehr alleine essen, meinen Kopf halten und meine Stimme ist auch lautlos. Bin ein Pflegefall.“
Mara hat viele Behandlungen in Krankenhäusern hinter sich
Behandlungen in den Krankenhäusern Vechta, Damme, Oldenburg und Göttingen hat die 18-Jährige hinter sich: „Niemand konnte mir helfen.“ Und niemand könne mit Gewissheit die Frage klären, ob Mara unter dem Post-Vac-Syndrom leidet – oder unter Long Covid.
Denn im Oktober infiziert sie sich ein zweites Mal mit Corona. „Zum Glück hat sich ihr Gesundheitszustand nicht noch weiter verschlechtert“, ist ihre Mutter erleichtert über den vergleichsweise unproblematischen Verlauf der Infektion.
Dann erfährt die Familie in der Fernsehsendung „Hirschhausen und Long Covid – Die Pandemie der Unbehandelten“, von einer neuen Chance: der H.E.L.P.-Apherese (Heparin-induzierte Extrakorporale LDL Präzipitation). Es ist ein Verfahren, das technisch wie eine Dialyse funktioniert. Ambulant unterzieht sich die 18-Jährige nun in einer Osnabrücker Praxis dieser mehrstündigen Blutwäsche. Eine Gesamte hat sie bereits hinter sich, eine Zweite musste abgebrochen werden. Mindestens fünf erfolgreiche Behandlungen müssten es sein, so Stephanie Sander, um eine Wirkung zu erzielen – möglicherweise sogar viel mehr.
Familie hofft auf die richtige Behandlungsmethode zu finden
Allein eine Behandlung kostet 1500 Euro. „Wir müssen alles selber bezahlen“, schreibt Mara mithilfe ihrer Mutter Stephanie. „Das ist jetzt der nächste Versuch, damit es mir wieder besser geht.“ Mara will in jedem Fall weiter kämpfen: „Die Hoffnung, dass es besser wird, verliere ich nicht.“
Das Schicksal der 18-Jährigen hat im Internet viel Betroffenheit und Mitgefühl ausgelöst. Ihre Eltern sind beeindruckt und zutiefst dankbar: „Es hat uns überrascht, wie viele helfen wollen!“ 632 Spenden sind mittlerweile eingegangen, zum Teil mit berührenden Kommentaren: „Liebe Mara, es ist unbegreiflich, was du und deine Familie seit einem Jahr durchmachen müsst. Wir wünschen dir alles erdenklich Gute und euch allen viel Kraft, Zuversicht und Glück“, schreibt eine Familie zu ihrer Spende. Auch viele andere Spender drücken der 18-Jährigen die Daumen. Mehr als 24.000 Euro sind bereits zusammen gekommen.
Aber ob es reicht, um Maras Therapie zu finanzieren, ist völlig unklar. Denn neben der Blutwäsche sind womöglich noch weitere Behandlungen, unter anderem bei einer Heilpraktikerin, notwendig. Außerdem könnte Mara eine Spezialmatte helfen, die mit elektromagnetischen Impulsen Mikrothrombosen – möglicherweise Auslöser der Beschwerden – im Körper auflösen könnte. „Wir wollen alle Therapiemöglichkeiten nutzen, die es gibt“, sagt Vater Stefan Sander.




