Twistringer Zahnarzt Gerhard Kanne unterrichtet seit 2007 indische Kinder / Fünf Wochen im Bundesstaat Kerala

Entwicklungshilfe funktioniert nur vor Ort

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Richtiges Zähneputzen ist ganz wichtig: Seit 2007 engagiert sich Gerhard Kanne in Indien.

Twistringen - Von Theo Wilke. Statt seinen verdienten Urlaub am Strand zu genießen, wird Dr. Gerhard Kanne nicht müde, Jahr für Jahr als Zahnarzt auf eigene Kosten um die Welt zu reisen und Kindern in Entwicklungsländern zu helfen. Seit 2007 hat der 52-Jährige, der seine Praxis in Twistringen hat, mehrfach Südindien besucht – vor kurzem erneut, in fünf Wochen drei Hilfsprojekte. Diesmal unterrichtet er rund 2400 Jungen und Mädchen von 4 bis 17 Jahren in Mundhygiene, behandelt auch kariöse Zähne.

„Mundhygiene-Erziehung und zahnärztliche Hilfe werden in Indien sträflich vernachlässigt, die Zustände sind für unsere Begriffe zum Teil katastrophal“, so Kanne über das Grundproblem. Traditionell beginne die Körperpflege morgens nach dem Aufstehen, die Zähne würden zumeist nur mit Fingern oder Stöckchen gesäubert. Vor allem Männer machen es draußen, an der Straße. Zähneputzen nach den Mahlzeiten? Fehlanzeige. Zahnvorsorge und Pflege sei (fast) kein Thema in der Bevölkerung. Den Menschen fehle das Bewusstsein dafür.

Allerdings: Wo Dr. Kanne im Bundesstaat Kerala schon aufgeklärt hat, „hat das deutlich nachgelassen. Da wissen alle, dass die Zahnbürste notwendig ist“. Und wo es richtig laufe, da seien die „Keimzellen der fortschrittlichen Mundhygiene“. Darauf ist der Doktor stolz, der im 70 Kilogramm schweren Koffer wenig eigene Kleidung, dafür aber reichlich medizinische Instrumente für ein Projekt in Nazareth mitgebracht hat. Auch zwei Gebiss-Modelle, dank einer spontanen Spende eines Patienten aus Twistringen

„Es ist immer wieder ein Abenteuer“, erzählt der 52-Jährige, der schon daran denkt, ein neues Projekt im Norden Indiens zu unterstützen. Zum ersten Mal, gibt er zu, sei es auch Stress gewesen, er sei nicht wie sonst erholt nach Hause gekommen. „Das war diesmal kein Urlaub.“

Fortschritte freuen ihn, wenn präventiver systematischer Mundhygiene- und Prophylaxeunterricht in Kinderheimen und Schulen Früchte trägt, wenn Zahnbürsten in Stoffbahnen an der Wand hängen und dreimal am Tag nach Plan geputzt wird. Ob in Codacal oder Madurai – Zahnpflege ist dort heute fester Bestandteil des Schul- oder Heim-Alltags. In Nazareth hat der Twistringer Mediziner ein Hilfsprojekt wieder beleben können.

Mehreren hundert Kindern gleichzeitig versucht Kanne seine Botschaft rüberzubringen: regelmäßig und richtig Zähne putzen. „Als würde ich einen Stein ins Wasser fallen lassen, der immer weitere Wellen schlägt und größere Kreise zieht“, so erziele er kleine und größere Erfolge. Allerdings: „Entwicklungshilfe funktioniert nur, wenn wir direkt vor Ort sind.“

Wie Prävention und Mundhygiene in ihrer früheren Kita in Oldenburg funktioniert (Zähneputzen nach dem Frühstück), erzählt Kannes Tochter Natalie (17) auf Englisch. „Da ist sofort Ruhe“, so der Mediziner zufrieden. Natalie ist zum zweiten Mal in Indien, hilft insbesondere beim Unterricht mit einem überdimensionalen Gebiss. Die 17-Jährige, die sich auf ihr Abitur vorbereitet, strebt ein soziales Jahr in einer Klinik an, am liebsten in Paris.

Ebenfalls erneut eine große Unterstützung für Gerhard Kanne ist Kollegin Juliane Lescher aus Paderborn, Enkelin einer langjährigen Patientin aus Twistringen. Neben Zahnkontrollen und Behandlungen erklären die Zahnärzte, wie man mit Zahnseide umgeht. Kanne: „Die gibt es in Indien in jeder Apotheke für einen Euro, aber die meisten wissen nicht mal, was Dentalfloss ist.“

Schließlich besucht der 52-jährige ein auf Spenden angewiesenes Lepra-Krankenhaus im Dorf Peikulam. Zahlen über diese „Armenkrankheit“ würde der Staat nicht veröffentlichen, erfährt Kanne. Jeden Tag gebe es rund 90 Neuerkrankungen. Von ihren Familien verstoßen, bleiben viele bis zum Lebensende.

In den ersten Jahren für die Kindernothilfe Duisburg und den Verein „Zahnärzte für Indien“ vor Ort, ist Gerhard Kanne seit zwei Jahren für die Nachfolgeorganisation German Dental Carehood International (DGCI), Deutsche Zahnärztliche Fürsorge, unterwegs.

Auf die Reise nach Indien freut sich der Oldenburger Dr. Kanne immer ganz besonders. Er hat dort mehrere Patenkinder: die inzwischen verheiratete Cheila (27) aus Madurai, die ihn „Vater“ und seine Tochter Nathalie „Schwester“ nennt. Außerdem gibt es Sujeesha aus Codacal sowie Christy und Thebora aus Madurai. Sheila hat inzwischen ein eigenes Kind. Nun ist ihr deutscher Papa auch der „Tata“ (Opa).

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