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Queer-Sein nicht mit Gottes Plänen vereinbar? Martin Holtermann sieht das anders

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Von: Katharina Schmidt

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Mit der Aktion „Segen für alle“ machte die Pfarrei St. Anna im vergangenen Jahr deutlich: Unsere Türen stehen allen offen, gleich welcher Herkunft, welcher Geschlechts- oder welcher sexuellen Orientierung. archi
Mit der Aktion „Segen für alle“ machte die Pfarrei St. Anna im vergangenen Jahr deutlich: Unsere Türen stehen allen offen, gleich welcher Herkunft, welcher Geschlechts- oder welcher sexuellen Orientierung. archi © Pfarrei St. Anna

Bei der Initiative „#OutInChurch – Für eine Kirche ohne Angst“ sind 125 queere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der katholischen Kirche an die Öffentlichkeit gegangen. Einer von ihnen ist Martin Holtermann, Pastoralassistent der Pfarrei St. Anna in Twistringen.

Twistringen – „Ich möchte das Thema pushen. Mir ist es wichtig, es solidarisch zu unterstützen“, sagt Holtermann. „Ich habe hier in Twistringen immer gemerkt: Hier kann ich sein, wie ich bin. Das ist aber leider nicht überall so.“

Ein Blick in ein Manifest der #OutInChurch-Bewegung verdeutlicht das. Dort heißt es: „Die meisten von uns haben mannigfach Erfahrungen mit Diskriminierung und Ausgrenzung gemacht – auch in der Kirche. Vonseiten des kirchlichen Lehramtes wird unter anderem behauptet, dass wir ,keine korrekten Beziehungen‘ zu anderen Menschen aufbauen können, aufgrund unserer ,objektiv ungeordneten Neigungen‘ unser Menschsein verfehlen und dass gleichgeschlechtliche Beziehungen nicht ,auf die geoffenbarten Pläne Gottes hingeordnet anerkannt‘ werden können.“ Solche Aussagen seien weder hinnehmbar noch diskutabel.

„Queere Menschen haben in der Kirche ganz oft schlimme Erfahrungen gemacht“

#OutInChurch fordert eine Korrektur „menschenfeindlicher lehramtlicher Aussagen“ und „eine Änderung des diskriminierenden kirchlichen Arbeitsrechts“.

Holtermann steht voll und ganz hinter diesen Forderungen. „Ich wünsche mir, dass alle Menschen in unserer Kirche willkommen sind und das auch spüren“, sagt er. Das hat er auch in einer Predigt aufgegriffen, die er in vier Gottesdiensten gehalten hat.

„Queere Menschen und Menschen in nicht-heterosexuellen Beziehungen haben in der Kirche, ihrer Heimat, ganz oft schlimme Erfahrungen gemacht: Sie wurden abgelehnt und ausgeschlossen, ihre Identität wurde totgeschwiegen und als sündig bezeichnet, ihre Partnerschaften als nicht korrekt oder Unzucht“, führte Holtermann in der Predigt aus.

Wagte den Schritt in die Öffentlichkeit: Martin Holtermann
Wagte den Schritt in die Öffentlichkeit: Martin Holtermann © Matthias Strohmeyer

Warum also bleiben? „Der Glaube an Gott ist nicht eine Laune, ein Trend, der morgen wieder vorbei ist“, sagt der Pastoralassistent. „Meine Kirche ist mir so wichtig, dass ich sie nicht einfach ausblenden oder verlassen will. Ich will sie lieber verändern im Sinne Jesu. 125 Kirchenaustritte hätten nichts verändert. 125 Menschen und viele mehr, die trotzdem bleiben wollen, tun es gerade.“

„Für mich ist Kirche bunt“

Das Echo auf #OutInChurch war enorm. Bisher unterstützen rund 100.000 Menschen die Initiative via Online-Petition. Und das Echo auf Holtermanns Predigt? „Ein paar haben mir danach gesagt, es sei gut, dass das Thema mal angesprochen wird“, erzählt er. „Und in Harpstedt gab es tatsächlich Applaus.“

Zu sagen: „Nur die partnerschaftliche Liebe zwischen Mann und Frau ist im Sinne Gottes“, klingt für Martin Holtermann nach einer vorschnellen und überheblichen Festlegung – und angesichts heutiger wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Erkenntnisse fast schon nach Realitätsverweigerung.

Anke Lührsen, Vorsitzende des Pfarrgemeinderats, sieht das ähnlich. „Wenn man sich die Bibel anschaut, sieht man, dass Jesus ein ziemlicher Revolutionär war. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er jemanden ausgegrenzt hätte. Also wieso sollten wir als Kirche das tun? Für mich ist Kirche bunt.“ Daniela Masurenko, ebenfalls Teil des Pfarrgemeinderates, stellt zudem infrage: „Wie kann Kirche andere Wege gehen als das Grundgesetz?“

Wie sich St. Anna bereits in der Vergangenheit positioniert hat

Daniela Masurenko hat den Eindruck, dass es innerhalb der Kirchengemeinde in Twistringen kein großes Thema ist, ob jemand zum Beispiel schwul oder lesbisch ist. Holtermann bestätigt: „Es gibt eine große Spannweite zwischen der Amtskirche und dem, was ich vor Ort erfahre.“ Seine sexuelle Orientierung sei gerade in den jüngeren Generationen nicht mal mehr eine Erwähnung wert.

Die Pfarrei St. Anna hat sich bereits im vergangenen Jahr mit der Aktion „Segen für alle“ und einer Regenbogenfahne am Kirchturm offen und bunt gezeigt. „Es gab andere Gemeinden, da wurde die Fahne runtergerissen“, bedauert Pfarrer Joachim Kieslich. Er verdeutlicht: Selbst die aus der Weihnachtsgeschichte bekannte heilige Familie mit dem unehelichen Jesuskind entsprach nicht dem traditionellen Familienbild.

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