Heimat- und Bürgerverein stellt Entwurf für touristische Attraktion vor

Twistringens Fundgrube für Fossilien

Der erste Entwurf für eine Fossiliensammelstelle „Alte Ziegelei“ liegt vor. Foto: Wilke

Twistringen - Von Theo Wilke. Der Heimat- und Bürgerverein Twistringen hatte vor Jahren schon eine Vision – und inzwischen schon eine recht klare Vorstellung: Eine Fossiliensammelstelle „Alte Ziegelei“ mit Info- und Schutzhütte, Waschbatterie, Tonstufen, Zuwegung, Amphibiengewässer und Pionierboden für eine biologische Vielfalt soll neben dem Strohmuseum zum touristischen Alleinstellungsmerkmal für Twistringen werden.

Eines Tages könnten Schüler, Familien, Hobbysammler und auch Wissenschaftler begeistert nach Fossilien graben. Bis dahin muss der Heimatverein noch einige Hürden überwinden. Ein Zeitfenster gibt es bisher nicht. Kosten und Fördermöglichkeiten müssen geklärt werden. Auch die Frage, wer ein solches Projekt überhaupt genehmigt, steht noch im Raum. Beim Landkreis wird das zurzeit noch geprüft. Denn dieses Projekt ist komplett neu und einzigartig. Bedenken äußern die Angler, die durch das touristische Angebot Nachteile für die geschützte Flora und Fauna im Bereich der Tonkuhlen befürchten.

Warum ist dieses Projekt so wichtig für Twistringen?

Die Antwort gab Projektleiter Martin Lütjen am Mittwochabend im Rathaus mit dem ersten Entwurf für den Bereich „Tonkuhle II Sunder“. Dort sei die Chance, 15 Meter tief unter der Erdoberfläche zu schauen, und zu graben – nach Fossilien, nach Zeugen längst vergangener Zeiten. Es sei die Gelegenheit für alle Generationen, „mit eigenen Händen Erkenntnisse zu gewinnen“, so Lütjen. Die meisten Fossilien dürfte man auch mitnehmen.

Es geht laut Lütjen nicht darum, wenige Sammler nach Twistringen zu holen; das Ganze werde breiter angelegt im Städtedreieck zwischen Bremen, Oldenburg und Osnabrück. „Das kann ein Magnet werden für Besucher, die wir sonst nicht erreichen. Dafür ist die Fossiliensammelstelle mit Museum im dänischen Gram ein wunderbares Vorbild“, meinte der Projektleiter.

Bevor der erste Sammler überhaupt in Stiefeln und mit Werkzeug die frühere Sundersche Tonkuhle erkunden kann, muss ein Teil des Wassers abgepumpt und der Fischbesatz umgesiedelt werden – nach Lütjens Entwurf entweder über den Erlenbruch in die Grube II auf der anderen Straßenseite oder über ein Entwässerungsrohr zur Ellernbeeke.

Bei beiden Varianten bekommt der Twistringer Anglerverein Bauchschmerzen. Dessen Vorsitzender Gerd Beuke möchte zunächst Antworten auf einen Fragenkatalog an den Heimat- und Bürgerverein. Er bezweifelte am Mittwochabend im Rathaus, dass es in Twistringen eine große Zustimmung für das Projekt gebe. Entscheidende Punkte, etwa die Parkplatzfrage, seien „völlig unausgegoren“. Auch eine stufenweise geplante acht Meter hohe Tonwand im Bereich der zukünftigen Sammelstelle findet Beuke bedenklich.

Unter dem Vorsitz von Frank Hömer (CDU) erfuhr der Ausschuss für Stadtentwicklung und Wirtschaft vom Vereinsvorsitzenden Alfred Meyer und seinem Vertreter Edmund Rasche: Es sei das erklärte Ziel, die Tonkuhle II hinter der Ziegelei der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Seit 1975 seien insgesamt mehr als 6000 Fossilien aus dem Tertiär (vor 12 bis 14 Millionen Jahren) entdeckt worden, darunter Wal-Wirbel und seltene Schneckenarten.

Erste Gespräche mit der Flächeneigentümerin, der AWG Bassum, mit der Ziegelei-Besitzerin, den Anglern und allen Nutzern der Alten Ziegelei habe es gegeben, ebenso mit zuständigen Behörden und Ämtern. Von allen Seiten, von der Stadt und der Verwaltung sowie in der Bevölkerung gebe es große Zustimmung zum Projekt. In einer 40-seitigen Machbarkeitsstudie seien keine wesentlichen Einwendungen und Bedenken geäußert worden, so Meyer weiter. Allerdings stünden noch weitere Gespräche, auch mit dem Denkmalschutz an. Die verkehrliche und technische Anbindung der Sammelstelle ist offenbar kein Problem.

Twistringens Erster Stadtrat Harm-Dirk Hüppe erklärte, wie schon Bürgermeister Jens Bley zuvor, dass die Stadt das Projekt so gut wie möglich unterstützen möchte. Nach den bisherigen Gesprächen ist das Vorhaben laut Bley „auf sehr gutem Wege“, könne aber nicht allein vom Heimat- und Bürgerverein gestemmt werden. Und Hüppe wieder: Der Flächennutzungsplan müsse geändert werden. Auf jeden Fall werde es noch ein öffentliches Beteiligungsverfahren geben.

Meyer, Lütjen und Rasche hatten 2019 die Fossiliensammelstelle im dänischen Gram besucht und waren begeistert zurückgekehrt. „Geologisch gesehen, ist die Lage von Gram vergleichbar mit der von Twistringen und besitzt ähnliche Fossilien aus dem Miozän – vor 5 bis 24 Millionen Jahren“, betonte Vereins-Beisitzer Lütjen seinerzeit.

Bekanntlich gibt es bislang nur eine begrenzte Ausstellung versteinerter Funde im Twistringer Strohmuseum. Beeindruckt hatte die Gäste aus Twistringen in Gram vor allem die Infrastruktur mit Museum, Shop, Café, überdachter Halle, Schutzhütte, Kleider-Verleih, Werkzeug und Reinigungsbereich. „Für Twistringen ist das natürlich ein bisschen zu weit gedacht“, so Lütjen diese Woche im Fachausschuss.

Gram mit rund 5000 Einwohnern in Südjütland gehört zur Gemeinde Haderslev. Das 1998 gebaute Museum wurde durch die Gemeinde, Sponsoren sowie andere öffentliche und europäische Fördermittel finanziert. Seit zwölf Jahren werde das Fossiliensammeln, Auswerten, Präsentieren und museumspädagogische Konzept gerade auch für junge Menschen „in hervorragender Weise“ betrieben, lobt Martin Lütjen. „Das haben sie dort alles sehr anschaulich und auch professionell aufgebaut. Infos gibt es in mehreren Sprachen.“

Ähnlich wie in Twistringen wurde dort bis 1988 der Ton aus der Grube – im Moränengebiet der vorletzten Eiszeit – zu Bauziegeln verarbeitet. „In Gram kann man sich sogar Stiefel, Werkzeug und an heißen Tagen einen Sonnenschirm ausleihen“, weiß Lütjen.

Das ist auch an der Alten Ziegelei möglich, denn: „Twistringen – einer der artenreichsten Fundplätze für Tertiärfossilien Europas!“ titelte in den 1980er-Jahren eine Fachzeitschrift.

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