Viele Vorurteile

Wohnungssuche als Alleinerziehende mit schwerbehindertem Kind: „Eine Katastrophe“

Ein Foto der Familie
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Diese Bilder legt Familie Gürtler jeder Bewerbung bei.

„Es ist eine Katastrophe.“ Diana Gürtler weiß langsam nicht mehr weiter. Sie sitzt in ihrem Wohnzimmer in Twistringen, neben ihr steht ein Infusionsständer. Die alleinerziehende Mutter mit einem schwerbehinderten Kind sucht verweifelt eine neue Wohnung. Jedoch bekommt sie seit Monaten nur Absagen.

Twistringen – Nick hat immer wieder lebensbedrohliche Stoffwechselstörungen. Der Zehnjährige wird bewusstlos, und seine Organe drohen, zu versagen. Seine Mutter Diana Gürtler muss dann innerhalb von zehn Minuten bei ihm sein, um ihm rechtzeitig eine Infusion zu geben. Deshalb braucht sie eine Wohnung, die nah an seiner Schule liegt. In ihrer bisherigen kann sie aufgrund der Krankheit ihres Sohns nicht bleiben.

Bei der Suche nach einer neuen kriegt sie als Alleinerziehende mit schwerbehindertem Kind jedoch seit Monaten nur Absagen – wenn überhaupt.

„Es ist eine Katastrophe.“ Diana Gürtler weiß langsam nicht mehr weiter. Sie sitzt in ihrem Wohnzimmer in Twistringen, neben ihr steht ein Infusionsständer. Daran baumelt ein durchsichtiger Beutel mit einer rosafarbenen Flüssigkeit. Ein Schlauch führt sie durch Nicks Brustkorb in seine große Herzarterie. Die Flüssigkeit versorgt den Jungen mit allen lebensnotwendigen Nährstoffen. Nick wird künstlich ernährt. Er ist zu 100 Prozent schwerbehindert, Pflegegrad vier.

Mutter muss Kind die Treppe rauf in die Wohnung tragen

Grund dafür ist eine Erkrankung, die sich Kurzdarmsyndrom nennt. „Nick ist als Frühgeborenes zur Welt gekommen. Nach der Geburt war sein Dünndarm verdreht“, erzählt Diana Gürtler. Das sei zunächst unbemerkt geblieben, obwohl Nick keinen Stuhlgang gehabt habe. „Die Ärzte meinten, es sei wohl ein Magen-Darm-Infekt.“ Als sie den Irrtum bemerkten, sei Nicks Dünndarm seit Tagen nicht durchblutet gewesen. Notoperation. „Von 1,20 Metern blieben 5 Zentimeter“, so die dreifache Mutter. Sie kommt aus Nordrhein-Westfalen und zog aufgrund der Nähe zur Bremer Kinderklinik nach Twistringen.

Ist Nick nach einer Stoffwechselstörung bewusstlos, muss sie ihn die Treppe in der derzeitigen Mietwohnung rauftragen. Er wiegt 33 Kilo, hinzu kommt der Infusionsständer. Ihre anderen Kinder, 14 und neun Jahre alt, können helfen, sind aber auch nicht immer da. Meistens reicht die Kraft zunächst nur bis ins Wohnzimmer im ersten Stock. Nicks Zimmer liegt noch eine Etage höher.

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Normalerweise bekommt Nick seine Infusionen nachts. Diana Gürtler muss ihn dann alle zwei Stunden versorgen. Nach einer Stoffwechselstörung hängt er aber auch mal bis zu zwei Tage durchgängig am Tropf.

Da die Störungen häufiger werden, hat Nick einen Rollstuhl mit Infusionsstange verschrieben bekommen. „Als es feststand, habe ich sofort eine Firma für Treppenlifte kommen lassen“, erzählt Diana Gürtler. Ihr Vermieter sei kulant gewesen. Doch die Fachfirma habe ihr attestiert, dass es unmöglich sei, einen Plattformlift einzubauen. Die Treppe sei zwölf Zentimeter zu schmal.

Eine neue Wohnung muss her

Eine neue Wohnung muss also her, bestenfalls ebenerdig und mit vier bis fünf Zimmern. Und nicht zu vergessen im Twistringer Kern, um binnen zehn Minuten bei der Grundschule Am Markt sein zu können. Eine Krankenschwester begleitet Nick im Unterricht zwar, um kritische Situationen zu erkennen und Erste Hilfe zu leisten. Aus versicherungstechnischen Gründen darf sie laut Diana Gürtler aber keine Infusion geben.

„Der Wohnungsmarkt ist absolut im Keller.“ Die Twistringerin seufzt. Mehrmals täglich checkt die 39-Jährige die Wohnungsportale im Internet, außerdem schaut sie nach Zeitungsannoncen. Für die Vermieter stellt sie Bewegungsmappen zusammen, mit Foto, Referenzen und allen drum und dran. Meistens bekommt sie nicht einmal die Chance auf eine Besichtigung. „Die reagieren teilweise überhaupt gar nicht.“ Bei den wenigen Besichtigungen, die zustande kamen, habe sie Sätze zu hören bekommen wie: „Ich glaube, diese Wohnung ist nichts für Sie.“

Der Infusionsschlauch liegt immer bereit.

Diana Gürtler spielt immer gleich mit offenen Karten. „Alleinerziehend ist wohl das Schlagwort zur Ignoranz“, vermutet sie. „Ich bin nicht die Einzige, die die Erfahrung gemacht hat. Sie wollen alle keine Alleinerziehenden.“ Sie schüttelt frustriert den Kopf. „Ich verstehe nicht das Problem. Man ist ja auch nicht komplett safe, wenn man verheiratet ist. Es ist ja leider so, dass viele Ehen scheitern.“ Sie komme gut zurecht, erzählt sie. „Ich wuppe alles mit den Kindern alleine seit 2013. Doch für manche gibt es da zu viele Vorurteile.“

Das Finanzielle sei ebenfalls nicht das Problem. Neben der Pflege ihres Sohns arbeitet die gelernte Krankenpflegerin und medizinische Fachangestellte stundenweise bei einer Suchthilfe, zusätzlich erhält sie Unterstützung vom Jobcenter.

Wer wohnungstechnisch einen Tipp für Diana Gürtler hat, erreicht sie unter 0176/ 59074800. Es ist nicht das erste Mal, dass sie sich in ihrer Verzweiflung an die Öffentlichkeit wendet. Als Nick ein Baby war, habe ihn niemand behandeln wollen, erzählt sie. Seine Medikamente hätten in sämtlichen Praxen das Budget der Krankenkasse gesprengt. Erst nach einem Zeitungsbericht habe sich das geändert. „Sein ganzes Leben mussten wir uns schon durchkämpfen.“

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