Feinkost, Filme und Abrissbirne

Kaufmann Adolf Korfmacher oft mit der Super-8-Kamera unterwegs

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Zur Blütezeit: Das Lebensmittelgeschäft Korfmacher an der Bahnhofstraße 10. 

Twistringen – Vorschulkinder der Twistringer Grundschule am Markt sind dort zuletzt unterrichtet worden, die städtische Ferienbetreuung lief ebenfalls noch im alten Korfmacher-Haus an der Bahnhofstraße. Das einstige Kaufmannsgebäude fällt im neuen Jahr der Abrissbirne zum Opfer, wenn der Erweiterungsbau für die Grundschule startet. Anlass genug, an die Geschichte Korfmachers in Twistringen zu erinnern, an den begeisterten Schmalfilmer Adolf Korfmacher und auch an die jüdische Familie Goldschmidt.

„Meine Großeltern kamen 1914, vor Beginn des Krieges, nach Twistringen. Sie eröffneten ein Lebensmittelgeschäft. Kolonialwaren, wie es damals hieß. 1929 zogen sie mit ihrem Geschäft in die Bahnhofstraße 10 zu Goldschmidts. Dies war eine jüdische Familie“, berichtet Dr.  Norbert Korfmacher aus Münster. Der heute 56-Jährige, der unter anderem jüdische Geschichte studiert hat, fügt hinzu: „Man kann es drehen und wenden, wie man will: Goldschmidts wurden arisiert.“

Deren Haus übernahm später Norbert Korfmachers Großvater Heinrich, allerdings ohne den dazugehörigen Landbesitz. Die Kaufsumme habe der Staat eingestrichen, „um damit einen Krieg zu finanzieren und die Juden in Europa umzubringen“. Das Schicksal habe auch die Familie Goldschmidt getroffen.

Hinter dem rotem Backstein an der Bahnhofstraße lebte Hermann Goldschmidt. „Er ist 1939 als Letzter auf dem jüdischen Friedhof beerdigt worden“, ist im Stadtarchiv nachzulesen. Die ersten Juden in Twistringen gab es spätestens ab 1804 – zumeist Schlachter, Vieh- und Textilienhändler.

1973: Adolf und Käthe Korfmacher.

Die Firma Goldschmidt & Sohn zum Beispiel begann ihre Geschäftstätigkeit 1867. In der Nazi-Zeit wurden jüdische Läden boykottiert. 1935/1936 mussten die Juden ihre Häuser, Geschäfte und Grundstücke zwangsverkaufen. 1939 lebten nur noch bis zu zehn Juden in der Stadt.

Norbert Korfmachers Vater Adolf (1925-1981) kehrte verwundet aus dem Krieg zurück, übernahm nach dem Tod seines Vaters das Geschäft und baute das Haus in den 1960er-Jahren aus und um. Er heiratete Catharina (Käthe) Sleumer (1929-2015). Deren Großvater, ein reicher Mann, hatte eine Niederländerin geheiratet. Und die brachte viel Geld mit in die Ehe, doch der Ehemann „verjubelte“ es. „Er starb, die Witwe war pleite und zog mit ihrem jüngsten Sohn Heinrich, meinem Großvater, nach Twistringen, zu einer Tochter, die einen Leiber geheiratet hatte“, schildert Dr. Korfmacher.

Der Abriss ist noch nicht konkret geplant. 

Ein Verwandter ihres Mannes sei übrigens der letzte deutsche Bearbeiter des „Index der verbotenen Bücher“ gewesen: Albert Sleumer. Dr.  Korfmachers kleine Pointe dazu: „Mein ehemaliger Geschichtslehrer aus dem Gymnasium Antonianum Vechta, wo ich 1983 mein Abitur gemacht habe, hat später eine kurze Biografie über den Mann geschrieben.“

Der Krieg holte Adolf Korfmacher durch seine Verwundung wieder ein. Seit 1977 lag er an der Dialyse, 1980 wurde „Feinkost Korfmacher“ geschlossen, die Geschäftsräume wurden daraufhin an Werner Piening vermietet und 2010 an die Stadt verkauft. Adolf Korfmacher starb 1981. Ehefrau Käthe, die viele Twistringer gekannt haben, erbte das Haus. Sie starb 2015.

„Ich hatte in dem Haus bis 2015 noch ein großes Zimmer. Obwohl ich seit 1984 in Münster lebe, bin ich doch alle zwei bis vier Wochen nach Twistringen zurückgekehrt zu meiner Mutter“, erzählt Norbert Korfmacher.

Sein Vater war übrigens ein begeisterter Schmalfilmer. „Seit Beginn der 1970er-Jahre hat er mit einer Super-8-Kamera das Familientreiben wie auch Ereignisse in Twistringen gefilmt“, so Norbert Korfmacher weiter. Besonders rege war der Hobbyfilmer beim Kriegerverein: „Er war Mitglied, hätte mitmarschieren sollen, verspürte dazu keine Neigung und filmte die Märsche lieber.“ Wo diese Filme abgeblieben sind, weiß der Sohn nicht. Vor seinem Tod habe der Vater die Filme an den Kriegerverein abgegeben.

Im Laufe der Zeit bannte Adolf Korfmacher viele Ereignisse in Twistringen auf die Filmrolle. Nach seinem Tod gerieten sie zwar nicht in Vergessenheit, wurden laut Sohn Norbert aber auch nicht weiter beachtet. Vor geraumer Zeit ließ der Wahl-Münsteraner die Super-8-Schmalfilme digitalisieren. Den ersten Streifen von 1973 über die 25-Jahrfeier des Kirchenchores stellte Korfmacher ins Internet, zu sehen auf Youtube.

Inzwischen sind zwei weitere Beiträge im Internet zu sehen: Abtanzball 1970 sowie Freibad-Neubau und Eröffnung 1974. Im neuen Jahr ist unter anderem ein Film vom Abriss der Bottermannschen Mühle (1980 abgebrannt) vorgesehen.

Korfmachers Super-8-Filme

youtube.com/korfmacher/twistringen

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