Stück über sexuellen Missbrauch

„Ich werde es sagen“: Harte Theaterkost im Twistringer Gymnasium

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Er schockiert und berührt: Reinhard Gesse als Missbrauchsopfer Kristian.

Stille – absolute Stille. Zehn Sekunden, 20, 30. Dann folgt donnernder Applaus der rund 50 Zuschauer in der Aula des Hildegard-von-Bingen-Gymnasiums in Twistringen. Große Anerkennung und Respekt für die Leistung von Schauspieler Reinhard Gesse von der Theaterpädagogischen Werkstadt Osnabrück. In 75 Minuten hat er die Geschichte „Ich werde es sagen“ auf die Bühne gebracht – auf Ein ladung des Vereins „mitGift“ gegen sexuellen Missbrauch.

Twistringen - Von Sabine Nölker. Gaby Hübner vom Verein hat die Gäste am Freitagabend zu Beginn begrüßt. Gemeinsam mit dem Twistringer Dekanatsjugendreferent Martin Holtermann vom katholischen Jugendbüro wurde dieser Abend organisiert.

Jane Burgdorf von der Beratungsstelle Papillon Diepholz betont. „Ich habe schon ganz viel Positives von dem Stück gehört.“ Dies gehöre eigentlich in jede Schule. „Denn ein bis zwei Kinder können in jeder Klasse betroffen sein.“ Durch das Theaterstück hätten sie vielleicht den Mut, die Beratungsstelle aufzusuchen.

„Papillon ist das Ergebnis der 22-jährigen Arbeit von „mitGift“, sagt Bürgermeister Jens Bley. „Gewalt an Kindern durch Erwachsene ist etwas ganz Grausames, ganz Furchtbares.“ Das Schlimmste seien die psychologischen Schäden.

Und die werden durch das Theaterstück „Ich werde es sagen“ deutlich: Kristian D. Jensen brauchte 20 Jahre, um über seine Verletzungen an Körper und Seele sprechen zu können. Dann entstand sein Buch. Schonungslos, packend und bewegend offen. Die Rolle des sexuell missbrauchten Jungen Kristian hat Reinhard Gesse glaubwürdig verkörpert.

Dem Publikum bietet er harte Kost. Es reagiert geschockt, berührt, entsetzt und traurig über das Gesehene. Gesse schafft es, dass die Anwesenden ihn als Neunjährigen sehen, der hin- und hergerissen ist zwischen dem Ekel vor seinem Peiniger und sich selbst und dem neuen Leben, dass er durch Gustav kennenlernt. Viel Wut ist in ihm, Wut auf den Peiniger, Wut auf seine Eltern, Wut auf sich und seinen Körper. Teilweise ist diese Wut im Publikum kaum zu ertragen.

Entsetzen, Unverständnis, Sprachlosigkeit – all das empfinden die Zuschauer und bringen diese Gefühle nach dem Theaterstück auch zum Ausdruck. „Ich bin sprachlos, sehr betroffen und brauche Zeit, um das Gesehene zu verarbeiten“, erklärt eine Zuschauerin. „Wieso ist das Stück so chaotisch gestrickt?“, möchte eine andere Frau wissen. „So sieht es in den Betroffenen aus“, erklärt ihr Gesse.

Der Schauspieler hatte selbst die Idee zu diesem Theaterstück. Bei der Premiere sei damals Kristian D. Jensen, der Betroffene und Buchautor, anwesend gewesen. Dieser habe während der Aufführung gelitten, schildert Gesse. Aber er habe gewollt, dass seine Geschichte erzählt wird. Eine wahre Geschichte über ein drei Jahre andauerndes Martyrium, bei dem eine Kinderseele kaputt ging. Auch heute noch stehen Gesse und Jensen in Kontakt.

So weiß der Schauspieler auch, dass der Peiniger nicht nur für den sexuellen Missbrauch an Kristian verurteilt wurde. Dieser habe gemeinsam mit seinem Freund nach weiteren Opfern gesucht und dadurch eine Verurteilung des Täters zu sieben Jahren Haft erreicht.

Der Austausch am Ende zwischen Bühnenakteur und Publikum tut offenbar allen gut. Viele Fragen stehen im Raum. Wieso haben Kristians Eltern nichts gemerkt? Wie gehen Jugendliche damit um, wenn sie das Stück gesehen haben. Wie viele andere lobt eine Zuschauerin den Schauspieler: „Ganz toll, wie Sie den Zwiespalt wiedergegeben haben.“

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