Ein Mann auf dem Weg aus den Teufelskreis der häuslichen Gewalt

Tiefe Reue: „Ich habe Bockmist gemacht“

Explosion im Teufelskreis der Gewalt: Mit einer einfachen schematischen Zeichnung macht der Sozialpädagoge Ullrich Wellbrock (links) Männern wie Uwe klar, wie häusliche Gewalt entsteht. Wer das erkannt hat, ist offen für einen Ausweg – wie Uwe. - Foto: Seidel

Twistringen - Von Anke Seidel. Nie wird Uwe es vergessen. Damals, als die Handschellen schmerzhaft in seine Handgelenke schnitten und die Polizei ihn mitnahm. Damals, als er ausgerastet war und seine Lebensgefährtin attackiert hatte. Zutiefst erschrocken über sich selbst war er. Nie wieder soll ihm das passieren. „Nie wieder“, sagt Uwe mit leiser Stimme. Bei seinem Schwur hat es der 50-Jährige nicht belassen. Er nimmt an einem sozialen Training in Twistringen teil, das Männern wie Uwe einen Ausweg aus dem Teufelskreis der Gewalt zeigt.

Organisiert hat es der Verein gegen Gewalt an Frauen und Kindern im Landkreis Vechta. Der Sozialpädagoge Ullrich Wellbrock arbeitet mit den Männern, deren Biografie ebenso unterschiedlich ist wie ihr Beruf. Manche – wie Uwe – sind freiwillig dabei, um neue Verhaltensweisen in Krisen- und Konfliktfällen einzuüben. Bei anderen hat ein Gericht die Teilnahme verfügt. Anders als diese Männer muss Uwe das Training selbst bezahlen. Der 50-Jährige tut es gern, denn er weiß: Nur so kann er die Beziehung zu seiner Lebenspartnerin retten. Und das will er unbedingt. Er will hinter sich bringen, was damals passiert ist. Will „den alten Uwe“ durch einen neuen Mann ersetzen, der selbstbewusst ist und Verantwortung übernimmt – und das Vergangene endgültig abhaken kann.

Bei einem Streit verliert Uwe die Kontrolle

Stockend berichtet der 50-Jährige, was damals passiert ist. „Ich hatte Alkohol getrunken. Weil ich mein Handy und Geld holen wollte, bin ich nach Hause. Aber beides hat sie mir nicht gegeben“, beschreibt Uwe den Streit mit seiner Lebensgefährtin. Ein heftiges Wortgefecht ist die Folge. Dann gehen Terrassenmöbel zu Bruch: Uwe hat die Kontrolle verloren. „Ich hab sie dann mit dem Tisch an die Wand gedrückt“, fügt er fast flüsternd hinzu. Er sucht nach Worten, die Abstand schaffen zu dem, was damals geschah. Die Freundin an die Wand gepresst, hält Uwe in einer Hand ein Feuerzeug – und in der anderen einen Benzinkanister. „Mein Auto war stehen geblieben“, erklärt er. Uwes Lebensgefährtin fleht eine Nachbarin an, die auf die Situation zukommt: „Ruf die Polizei!“ Die Beamten nehmen Uwe fest. Jahre ist das jetzt her, die Wogen glätteten sich wieder.

Ullrich Wellbrock kennt die Dynamik: „Danach kommt die Phase, ganz lieb zu sein und alles wieder in Ordnung zu bringen. Aber dann steigt die Spannung wieder...“, beschreibt der Sozialpädagoge die Dynamik in einer Familie, die von häuslicher Gewalt überschattet ist.

Wieder musst die Polizei einschreiten

Es dauert zwei Jahre, dann rastet Uwe wieder aus. Getrunken hat er diesmal nichts. „Ich hatte Tage davor total viel gearbeitet – und dann die ganze Nacht noch dazu. Als ich nach Hause kam, wollte ich erstmal runterkommen. Ich konnte nicht gleich ins Bett gehen.“ Doch seine Lebensgefährtin fordert genau das von ihm. Als er sich weigert, gibt es Streit. Der zieht sich bis in die Mittagsstunden hin. Uwe wirft eine Plastikschüssel mit Wasser nach seiner Partnerin. „Dann hab ich sie fest angepackt und geschüttelt“, sagt der 50-Jährige leise. Wieder erscheint die Polizei und erteilt ihm einen Platzverweis. Doch statt das Haus zu verlassen, legt Uwe sich schlafen. „Dann bin ich aufgewacht, und die Polizei war wieder da“, erinnert er sich. Zehn Tage muss er weg von Zuhause, schläft eine Nacht im Auto und kommt schließlich bei seinen Eltern unter.

Dann kehrt er zu seiner Lebensgefährtin zurück. Zu der Frau, die er liebt – und mit der er zusammenbleiben will. Unbedingt. „Ich war ein Eigenbrötler und hab niemanden an mich herangelassen“, beschreibt er sein Leben vor dieser Partnerschaft. Seiner Lebensgefährtin kann er sich innerlich ein Stück weit öffnen: „Sie hat ein Fenster oder eine Tür gefunden...“

Schon als Kind hat sich Uwe abgekapselt, um Abstand zu schaffen zu einem Familienleben voller Gewalt. „Bei meinem Vater musste die Frau parieren, durfte nicht zu schlau sein und keine Widerworte haben“, blickt er zurück – und spricht von „Schreierei, Brüllerei und Klopperei“. Irgendwann begehrt er auf: „Mit 17 Jahren habe ich das erste Mal meinem Vater welche gegeben.“ Traurig fügt er hinzu: „Dann habe ich den Respekt vor ihm verloren.“

Endlich findet Uwe Hilfe

Niemals will er werden wie sein Vater, schwört sich Uwe. Niemals. Und dann passiert es doch. Er ist tief erschrocken über sich selbst: Wie kommt es, dass es es tatsächlich geschehen ist? Bei einem Psychotherapeuten und einem Trauma-Spezialisten sucht er nach einer Antwort.

Ullrich Wellbrock kann das gut verstehen. Er kennt solche Biografien gut: „Gewalt wird oft von Generation zu Generation weitergegeben.“ Genau das will Uwe ändern. Mit aller Macht.

Er hat auf dem Weg zu seinem neuen „Ich“ eines tief verinnerlicht: „Kinder, die geschlagen werden, sind unschuldig. Aber als Schläger bin ich schuldig – und verantwortlich dafür, Hilfe zu holen.“

Das soziale Training in Twistringen ersetze keine Therapie, betont Wellbrock: „Hier geht es darum, über sich selbst nachzudenken und neue Verhaltensweisen zu trainieren.“ Kein leichter Schritt für Männer wie Uwe. „Männer haben in der Regel kaum Zugang zu ihren Gefühlen“, fügt Wellbrock hinzu. Trotzdem: Ehrlich und offen sein – das ist in der Gruppe ein absolutes Muss und ebenso der unbezähmbare Wille, neue Verhaltensmuster zu trainieren.

Wie den Notfallplan, wenn es zu einem Streit kommt. „Werde ich wütend, sollte ich mich fragen: Wo bin ich da gerade?“, rät Wellbrock zur Selbstreflektion, „und mir bewusst machen: Was fühle ich?“

Zum Notfallplan gehört auch, mit dem Rücken zur Tür zu streiten – um einen Ausweg zu haben, wenn die Situation zu eskalieren droht. „Bei Provokationen muss man genau das Gegenteil von dem tun, was man vorher gemacht hat“, fügt Uwe hinzu. Er ist auf einem guten Weg – und zieht Kraft aus seiner gnadenlosen Selbstkritik: „Ich habe Bockmist gemacht. Absolute Scheiße. Aber es hat auch was Gutes gehabt: Indem ich angefangen habe, mich zu ändern.“

Stress – der Ohnmachtsfaktor

Im Sozialtraining gegen Gewalt ist er ein allgegenwärtiges und intensiv behandeltes Thema: Stress. Er kann ein Auslöser für häusliche Gewalt sein. „Stress ist ein Zustand, in dem ich mich Dingen ausgeliefert fühle, die ich nicht beherrschen kann“, erläutert der Sozialpädagoge Ullrich Wellbrock. Dieses Ohnmachtsgefühl könne bei Männern der Faktor sein, der sich durch Gewalt Bahn bricht. Dieser Moment werde von den Tätern wie ein „Augenblick der Befreiung“ empfunden – verbunden mit dem Gefühl, endlich die Kontrolle über die Situation zu haben. „Doch es ist nur ein kurzer Augenblick“, beschreibt Wellbrock diese Ventil-Funktion. Anschließend würden die Täter alles daran setzen, das Geschehene wieder gut zu machen. Doch danach baue sich in der Regel erneut Spannung auf, beschreibt Wellbrock die Dynamik. Deshalb sei es elementar, Stress erst gar nicht aufkommen zu lassen. „Die entscheidende Frage lautet: Was brauche ich und was kann ich tun, damit es mir besser geht?“, erläutert der Sozialpädagoge ein wichtiges Themenfeld im Sozialtraining.

Der Trägerverein

Seit März 2010 bietet der Verein gegen Gewalt an Frauen und Kindern im Landkreis Vechta Täterarbeit in Vechta an. Bislang haben 34 Männer an dem Gruppentraining teilgenommen. „In der Täterarbeit arbeiten wir nach den Standards und Empfehlungen der Bundesarbeitsgemeinschaft Täterarbeit Häusliche Gewalt“, so die Sozialpädagogin Marianne Diekmann. Seit April 2015 läuft außerdem ein Elterntraining in Lohne. Diese Präventionsmaßnahmen erfolgen für Väter und Mütter jeweils getrennt in einer Gruppe. Zwei Kurse sind bereits abgeschlossen. Die Deutsche Fernsehlotterie fördert diese Arbeit. Seit September 2015 bietet der Verein diese Kurse auch in Twistringen. „Ziele der Trainingmaßnahmen sind, die Familie zu schützen, Rückfälle der Täter zu verhindern, in Frieden miteinander leben zu lernen, aber auch Familien zu erhalten und die Eltern-Kind-Beziehung zu stärken“, so Marianne Diekmann. Sprechstunden bietet der Verein donnerstags von 17 bis 19 Uhr in Lohne an. Weitere Informationen unter Telefon 04441/999239 oder 01590/3150897.

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